Wir verstehen uns als ein Magazin, bei dem ihr kulturjournalistisches Schreiben lernen könnt. Der Kern unserer Arbeit, der Schreib- und Redigatsprozess, lässt sich nur schwer mit der Nutzung von KI-Tools vereinbaren. Wie wollen wir mit der Situation umgehen? Eine Leitlinie, die vielleicht bald schon wieder überholt sein wird, wer weiß.
Von der Litlog-Redaktion
Bild: Privat
Auch bei Litlog haben uns inzwischen einige mithilfe von KI generierte Texte erreicht, die nicht als solche gekennzeichnet waren. Dass die fehlende Transparenz mit unseren Ansprüchen an Litlog nicht vereinbar ist, war uns sofort klar, aber welchen Umgang sollten wir mit generativer KI pflegen? Der gesellschaftliche Aushandlungsprozess über den Nutzen von KI-Tools hatte nun auch uns erreicht und deshalb haben wir uns innerhalb des Redaktionsteams intensiv ausgetauscht, welche Rolle speziell generative KI in Form von Large Language Models (LLMs) in unserem Projekt spielen kann.
Nutzen vs. Kritik
Unsere gemeinsame Position lautet: Die Nutzung von LLMs widerspricht dem Kerngedanken von Litlog als Lernprojekt. Wir vertrauen darauf, dass ihr, unsere Mitstudierenden und Autor:innen, eure Texte selbst verfasst und für uns schreibt, weil ihr etwas lernen wollt. In engen Grenzen werden wir die Nutzung von KI-Tools für Aufgaben wie Themenfindung, Rechtschreibprüfung oder Formulierungshilfen bei einzelnen Sätzen zulassen, solange ihr dies transparent macht und universitätsinterne Tools verwendet. Wir versehen Texte, die mithilfe von LLMs verfasst wurden, mit einem entsprechenden Disclaimer. Wenn wir gute Gründe haben anzunehmen, dass ein Text vollständig oder in Absätzen von einem LLM verfasst wurde, werden wir ihn nicht publizieren. Für jedes Schreibproblem finden wir bei Litlog eine Lösung – ihr müsst uns nur fragen!
Wie sind wir zu dieser Position gekommen? Wir können nicht pauschal ausschließen, dass es Bereiche gibt, in denen KI-gestützte Technologie echte Verbesserungen bewirken kann, doch beobachten die Entwicklung von KI-Tools sehr kritisch. Unsere Gründe: Speziell LLMs sind dafür berüchtigt, falsche Behauptungen aufzustellen und diese überzeugend als Fakten darzustellen. Auch der Datenschutz lässt oft zu wünschen übrig, dazu unten mehr. Der Strombedarf von KI-Anwendungen ist immens. Sie verbrauchen extrem viel Wasser. Sie sorgen dafür, dass das menschliche Gehirn Dinge verlernt. Die KI-Investitionsblase wird nicht einmal mehr im Silicon Valley bestritten, ihr Zusammenbruch hätte weltweit verheerende wirtschaftliche Folgen. Im Globalen Süden werden sogenannte Content-Moderatorinnen durch ihre Arbeit traumatisiert, weil sie jeden Tag stundenlang diskriminierende und gewalttätige Inhalte konsumieren müssen, um die KI davon freizuhalten. Hinter den Tech-Firmen, die die erfolgreichsten KI-Tools entwickeln, stehen autoritäre Männer wie Zuckerberg, Andreessen und Musk, die sich teilweise offen auf faschistische Vordenker berufen oder rechtsradikale Ansichten vertreten: KI nützt einem neu erstarkenden Faschismus.
Litlog als Lernprojekt
Bei uns habt ihr die Möglichkeit, euch im kulturjournalistischen Schreiben auszuprobieren und erste Schreiberfahrungen zu sammeln. Ihr werdet dabei von einer:m kompetenten Redakteur:in begleitet, der:die nicht bloß Korrekturen vornimmt, sondern euch als Gesprächspartner:in zu Aufbau, Stil und Inhalt des Textes zur Seite steht. Litlog ist in erster Linie ein Lernprojekt – sowohl für euch als auch für uns. Klar ist: Wenn man den Schreibprozess ganz oder zu weiten Teilen von LLMs machen lässt, kann man diesen Prozess selbst nicht richtig erlernen; wer das Schreiben mit allen dazugehörigen Arbeitsschritten nicht selbst einübt, kann auch brauchbaren LLM-Output nicht von unbrauchbarem unterscheiden. Und davon ist die Problematik, wahre von falschen Behauptungen trennen zu können, noch gar nicht berührt.
Unser Ziel ist es, auch unfertige Texte und halbgare Ideen zu einem guten Ergebnis zu führen. Das Ergebnis ist etwas, worauf ihr als Autor:innen im Nachgang verweisen könnt und was für potenzielle Arbeitgeber:innen sichtbar ist, wenn sie den Autor:innen-Namen in eine Suchmaschine eingeben. Wir würden sagen: Es ist relevant, was für Texte ihr unter eurem Namen bei uns veröffentlicht. Auch deshalb bekommt ihr von uns eine enge Betreuung im Rahmen des Redigats und ein offenes Ohr, wenn es Probleme gibt. Der menschliche Austausch bildet den Kern unserer Arbeit. Daher möchten wir, dass die Texte ohne Unterstützung von LLMs verfasst werden.
Wir raten ausdrücklich davon ab, sie für Aufgaben wie eine Rechtschreibprüfung oder Formulierungsvorschläge einzusetzen, zumal hierfür bereits praktikable Hilfen angeboten werden: Jedes Officeprogramm besitzt eine eigene Rechtschreibprüfung und Inspiration für eure Artikel könnt ihr überall finden, zuallererst bei euren Freund:innen, Kommiliton:innen oder bei uns. Wenn ihr stattdessen ein LLM für Aufgaben bemüht, die sich auch anders bewältigen lassen, ist unserer Meinung nach die Gefahr groß, dass Inhalte verändert werden oder ihr Aufgaben, die euch nicht lieb sind, aber zu jedem Schreibprozess dazugehören, immer wieder abwälzt. So könnt ihr, im worst case, nicht für die Inhalte des eigenen Textes garantieren und auch keinen eigenen Stil finden. Ihr würdet euch der Möglichkeit, zu lernen, berauben und gleichzeitig ein besonders ressourcenintensives Tool bemühen, wo es eine sparsamere Methode genauso getan hätte.
Was wir uns wünschen
Wir erwarten, dass ihr die Nutzung von KI-Tools transparent macht. Wenn wir den Eindruck haben, dass ein Artikel mithilfe eines LLMs entstanden sein könnte, ohne dass dies gekennzeichnet ist, fragen wir nach. Bei einer Nutzung für nicht-generative Aufgaben wie Themenfindung, Rechtschreibprüfung oder für Formulierungsvorschläge können wir den Text veröffentlichen, werden jedoch einen Disclaimer über den Artikel setzen und so offenlegen, welches Tool für welchen Zweck genutzt wurde. Sollten wir Grund zu der Annahme haben, dass der Text nicht selbst verfasst wurde, sodass Aussagen über den Textgegenstand nicht mehr verlässlich scheinen, veröffentlichen wir den Artikel nicht – denn das würde unserer Meinung nach dem Sinn von Litlog widersprechen. Im Klartext heißt das: Wir wünschen uns, dass ihr auf KI-Tools verzichtet, tolerieren ihre Nutzung aber in engen Grenzen.
Wenn sie genutzt werden, muss der Umgang ein bewusster und kritischer sein. Wer sie verwendet, bezahlt dafür vielleicht im Rahmen eines monatlichen Abonnements, vor allem aber mit den eigenen Daten: Alles, womit man die KI füttert, geht in die Datenbanken des Unternehmens ein und wird dort weiterverwertet. Das ist beim journalistischen Schreiben insbesondere dann ein Problem, wenn das LLM mit bereits zur Veröffentlichung vorbereiteten Texten gefüttert wird oder wenn ein Entwurf, beispielsweise die Rohfassung eines Interviews, sensible Informationen über euch oder eine andere Person enthält.
Aus diesen Gründen möchten wir nicht, dass ihr KI-Tools nutzt, die die eingespeisten Daten weiterverarbeiten. Stattdessen solltet ihr, wenn überhaupt, die KI-Tools der GWDG nutzen, zumindest sofern diese universitätsintern laufen. ChatGPT beispielsweise kann dort nur als externes Tool verwendet werden und ist daher für unsere Ansprüche ungeeignet.
Für jedes Problem die passende Lösung
Generell ist fragwürdig und wird derzeit in dutzenden Gerichtsverfahren geklärt, ob Tech-Konzerne die Trainingsdaten für ihre KI-Projekte stets unter ethisch vertretbaren Umständen, zum Beispiel in Sachen Urheberrecht, beziehen. Gerade bei journalistischen Texten, die auf aktuelle Themen wie neu veröffentlichte Bücher oder soziopolitische Entwicklungen eingehen sollen, hilft ein LLM auch deshalb nur wenig weiter, weil zum besprochenen Gegenstand schlicht keine Daten vorliegen.
Wir schätzen daher den Nutzen von LLMs für unsere kulturjournalistische Arbeit auch unabhängig von unseren Lernansprüchen als gering ein. Wir denken, dass sich die Probleme, die uns regelmäßig begegnen, anders lösen lassen: Zeitstress beim Schreiben, Buch noch nicht fertig gelesen? Einfach um mehr Zeit bitten, es gibt keine fixen Deadlines! Formulierungsschwierigkeiten, Gedanke unklar? Fragt uns, denn dafür sind wir da! Du denkst, dein Text ist nicht gut genug? Erzähl uns, was dich stört oder verunsichert, und wir setzen uns gemeinsam an die Verbesserung!
Die Lust am Text
Wir sind eine kleine Redaktion von etwa zehn Leuten, die zum allergrößten Teil ehrenamtlich mit euch an euren Texten arbeitet. Wir stecken Zeit und Energie in die Redigatsprozesse, weil wir glauben, dass dadurch etwas Gutes entstehen kann. Wir wollen mit euch etwas über eure Texte lernen, im Austausch darüber kritische Gedanken entwickeln und euch ermuntern, euren Meinungen, mit guten Argumenten unterfüttert, Ausdruck zu verleihen. Wir haben Lust am Text sowie am kritischen Denken, und möchten beides Autor:innen, die für uns schreiben, vermitteln. Das kann uns kein LLM abnehmen.
Wo das LLM ökonomie- und effizienzorientiert ausgerichtet sein muss, können wir frei entscheiden, ob und wofür wir unseren Verstand benutzen. Wir können uns als angehende Geistesarbeiter:innen in Universitäten, Verlagen, Zeitungen mit unseren Fähigkeiten, die sich eben nicht ersetzen lassen, hervortun. Wir wollen für unsere Expertise einstehen, indem wir unsere Arbeit selbst machen. Wenn auch ihr Lust darauf habt und eine Rezension, einen Veranstaltungsbericht, ein Interview oder Ähnliches für Litlog schreiben mögt, freuen wir uns sehr. Wenn das nicht der Fall ist, ist das aber auch komplett in Ordnung, denn es muss ja niemand.

