Vor 90 Jahren erschien Ernst Gombrichs Weltgeschichte, vor 20 erreichte ihre Neuauflage ein Publikum, zu dem ein junger Litlog-Autor Gerrit Elsner gehörte. Zwar ist das Werk weit besser gealtert als die meisten anderen Produkte der 30er Jahre, eine Mängelliste gibt’s trotzdem.
Von Gerrit Elsner
Bild: Ausschnitt von Édouard Hocquarts “Panorama de l‘Histoire Universelle”, 1830, via David Rumsey Map Collection, David Rumsey Map Center, Stanford Libraries, CC 3.0
Es war einmal eine Weltgeschichte. Wohlig, nahbar, auch über die Abgründe ihrer Materie hinweg, ein wenig wie Grimms Märchen, die ihr Publikum lehrsam mit den Grausamkeiten des ›Da draußen‹ behelligen und drum umso fester in den häuslichen Rückzug einhegen. Diese Weltgeschichte war, als sie im Wien der 1930er von ihrem Chronisten aufgeschrieben wurde, innovativ, traf einen Nerv, wurde schnell in viele Sprachen übersetzt. Inzwischen selbst zur Geschichte geworden, hat sie mit beachtlicher Konstanz Generation um Generation mit einem bestechenden Erzählangebot versorgt.
Als frisch promovierter Kunsthistoriker veröffentlichte Ernst Gombrich im Jahr 1936 seine zuvor innerhalb weniger Monate aus etablierten Historiografien und einschlägigen Primärquellen synthetisierte Weltgeschichte von der Urzeit bis zur Gegenwart. Sie bildete den ersten Band der Reihe Wissenschaft für Kinder im Wiener Steyrermühl-Verlag. DuMonts überarbeitete Neuauflage unter dem Titel Eine kurze Weltgeschichte für junge Leser (1986) beinhaltete ein reflektierendes Schlusskapitel des Autors (»Das Stückchen Weltgeschichte, das ich selbst erlebt habe«) und stieß auf das Wohlwollen deutscher Feuilletons. Gleiches gilt für die ein weiteres Mal aktualisierte Ausgabe von 2005, deren Vorwort Gombrichs Tochter Leonie beisteuerte. Ihr Vater war 2001, als einer der profiliertesten Kunsthistoriker:innen des 20. Jahrhunderts, in London gestorben.
Multimediales Vergnügen
Gombrichs 1936 selbst noch jugendliche Erzählerstimme, die zu seinem Lebensende hin exzentrisch und altmodisch geklungen zu haben scheint (siehe dazu ein kurioses Porträt in der Zeit von 1997), habe ich als Kind nicht wahrgenommen. Der historische Kontext erschloss sich mir erst Jahre später, und die immer schon aufgeweckte, kindgerechte Sprache des Buches, zumal von Neuauflage zu Neuauflage aktualisiert, leistete dazu sicher ihren Beitrag. Was noch hinzukam: dass ich, strenggenommen, gar nicht zu Gombrichs Leser:innen gehörte. Stunden um Stunden von CD-Umdrehungen lang hörte ich stattdessen – einem anderen Wiener – Christoph Waltz zu, der, kurz vor seinem internationalen Durchbruch als Schauspieler, die 2005er-Ausgabe als Hörbuch eingesprochen hatte.
Seine Darbietung in reizend wienerndem Hochdeutsch (beziehungsweise hochgedeutschtem Wienerisch?) erschien mir so getreu der niedrigschwelligen Alltagssprachlichkeit des Werkes, dass ich die beiden Österreicher für mehr oder weniger dieselbe Person hielt. Im Singsang führten sie also gemeinsam von den ›Höhlenmenschen‹ der Urgeschichte zu den ›Geistesmenschen‹ der Aufklärung, von den Blutströmen und Scheiterhaufen der Religionskriege zu den Dampfmaschinen und Fabrikschloten der Industrialisierung. Meist in und um Mitteleuropa, ab und zu auch darüber hinaus, nach China, Indien oder Amerika.
Pädagogisch wertvoll
Bemerkenswert war und ist die pädagogische Bedachtsamkeit der von Gombrich – in der Tradition historiografischer Visualisierungsversuche (siehe dazu das Titelbild dieses Beitrags) – als »Strom der Geschichte« illustrierten Raum-Zeit-Figuration. Regelmäßig tritt der Erzähler heraus, um die eigene Situierung sowie die seiner Leser:innen zu reflektieren. In direkten Ansprachen vermittelt er Zeitlichkeit (»Es war einmal«) und Faktizität (Leopold Rankes »Wie es wirklich gewesen«) der historischen Akteur:innen und Räume.1Vgl. für eine literaturwissenschaftliche Einordnung Gunda Mairbäurl, Ernst H. Gombrichs Eine kurze Weltgeschichte für junge Leser – eine Spurensuche, in: Susanne Blumesberger, Wynfrid Kriegleder, Ernst Seibert (Hg.), Kinderliteratur als kulturelles Gedächtnis. Beiträge zur historischen Schulbuch-, Kinder- und Jugendliteraturforschung II, Wien 2021, S. 247–282. Gombrichs charmant nüchterne, stets in wohlwollender Väterlichkeit (ab)wertende Narration demonstriert mein Lieblingssatz, ein Kommentar zur Langzeitwirkung der Athener Demokratie: »Es ist sehr merkwürdig, dass es so ist, aber es ist wirklich so.«
Als grippaler Neunjähriger, der die Schule verpasste und stattdessen mit Salzstangen bei Hannibals Alpenüberquerung mitfieberte, hatte ich keine ausgeprägte Vorstellung von der Zeitlichkeit dieser Weltgeschichte. Oder davon, was es bedeutete, dass für den Autor noch 1935 »wirklich undenkbar [war], dass man sich je wieder erniedrigen könnte, Andersgläubige zu verfolgen, Geständnisse auf der Folter zu erpressen oder gar die Menschenrechte zu leugnen«. Gombrich schrieb diesen Satz Jahrzehnte später in England, wohin er, Sohn getaufter jüdischer Eltern, kurz nach Veröffentlichung seines Buches ausgewandert war (das im noch austrofaschistischen, dann großdeutsch-nationalsozialistischen Österreich übrigens verboten wurde). Ein ebenfalls emigrierter Landsmann, Fritz Saxl, verschaffte dem Mitzwanziger eine Anstellung am gerade von Hamburg nach London umgezogenen Warburg Institute, das er nach dem Krieg lange Jahre leiten sollte.
Erzählkunst-Geschichte
Dass Gombrich dereinst über einen Mailändischen Palazzo aus der Hochrenaissance und nicht etwa den Investiturstreit oder das Risorgimento promoviert hatte, erklärt vielleicht sein Gespür für die Plastizität und Materialität vergangener Lebenswelten. Aufgewertet um spekulative Anekdoten und schmunzelnde Sticheleien gegen befremdliche Sitten, die niemand besser intoniert als ein Schauspieler, der wenig später in Hollywood nicht nur für seine historischen Tarantino-Rollen bekannt wird, sondern auch als Botschafter österreichischer Gemessenheit zu überzeugen weiß. So hörte auch ein präpubertärer Fan von Römerschlachten und sogenannten ›Indianerfilmen‹ gerne zu, wenn es um den friedlich mondänen Schlosspark von Versailles ging oder die Schattenseiten der Französischen Revolution:
»Der war genau so feierlich und abgezirkelt und verspielt wie das ganze Leben dort. Kein Baum durfte wachsen, wie er wollte, kein Busch durfte seine natürliche Form behalten. Alles Grün wurde gestutzt und zugeschnitten zu schnurgeraden Blätterwänden und runden Buchshecken, zu weiten Rasen mit schnörkelhaften Blumenbeeten, zu Alleen mit kreisrunden Plätzen, mit Statuen, Teichen und Springbrunnen. Dort wanderten nun die ehemals mächtigen Herzöge mit ihren Damen auf dem weißen Kies auf und ab und unterhielten sich in zierlichen, hübsch geformten Sätzen über die Art, wie der schwedische Gesandte neulich seine Verbeugung gemacht hatte, und über ähnliche Dinge. Du kannst dir denken, was so ein Schloß und so ein Leben gekostet hat.«
»Und wen sie [die Jakobiner] bekämpften, den ließen sie köpfen. Es wurde eine eigene Maschine erfunden, die Guillotine, die das Köpfen einfach und schnell besorgte. Es wurde ein eigenes Gericht gegründet, das Revolutionstribunal, und das verurteilte Tag für Tag Menschen zum Tod, die dann auf den Plätzen von Paris durch die Guillotine starben. Die Führer dieser aufgeregten Volksmassen waren merkwürdige Leute.«
Und da ist sie schon wieder, die Merkwürdigkeit. In ihr drückt sich unverhohlen die Subjektivität des Historikers Gombrich aus, der den jungen Zuhörer zu einem In-der-Welt(geschichte)-Sein animiert, das nicht faktenkalt stillsteht, sondern von der Interessantheit, der Neuheit, der Offenheit seiner Möglichkeiten lebt: War das nicht merkwürdig? Warum erscheint es mir so? Was wäre gewesen, wenn …?
Die australische Geschichtsphilosophin Marnie Hughes-Warrington, die seit einigen Jahren an der Konzeption und Praxis von artificial historians (»past data« verarbeitende Algorithmen, zum Beispiel Chatbots, denen historische Fragen gefüttert werden2Vgl. Marnie Hughes-Warrington, Anne Martin, Lewis Yarlupurka O’Brien, Artificial Historians, London und New York 2025.) tüftelt, bezieht sich dabei explizit auf Gombrich und andere Autor:innen kindgerechter Geschichtsschreibung. Für sie zeichnet geschichtswissenschaftliche Logik und damit gute Geschichtsschreibung eine bewusste Integration von Unsicherheiten, kontrafaktischen Überlegungen und persönlichen Zugängen aus. Und die fänden sich eben häufiger in Werken wieder, die an Kinder und Jugendliche gerichtet sind.
Gut gealtert? Kommt drauf an
Ist die Weltgeschichte für junge Leser damit so aktuell wie eh und je? Abgesehen von der schauerlichen Vertrautheit aszendenter Faschismen? Na ja. Zunächst muss ich eingestehen, dass neben den spielerischen offenen Fragen sehr wohl auch ungebrochener historistischer Wahrheitsanspruch in Gombrichs Wissensvermittlung angelegt ist: Das Wort wirklich kommt fast 150-mal vor, meist nicht als Teil einer Frage. Außerdem habe ich, als ich größere Teile des vergangenen Winters in Ostwestfalens Bummelbahnen verbrachte (wo es ungefähr so viel Internet gibt wie im Wien der 1930er – so kam ich auf das Hörbuch zurück), eine Art Mängelliste geführt (das macht man heute so).
Da wären: Reproduktionen rassistischer Stereotype, etwa im Abschnitt über die Ständekämpfe der römischen Republik, wo die Plebejer als »harte, eiserne Willensmenschen« mit den »sanften Indern« verglichen werden, die Alexander der Große wenige Seiten zuvor unterwarf. Viele weitere Vereinfachungen, die sich bei genauerem Hinsehen als problematisch herausstellen. Streckenweise qualifiziert sich der Text für eine Debatte um die Nutzung bestimmter ›historischer Begriffe‹. All das ist auch deshalb schade, da insbesondere den Schlusskapiteln, die von den Abwegen des Kapitalismus und, richtigerweise in direkter Verbindung damit, den konkurrierenden europäischen Kolonialismen des ausgehenden 19. Jahrhunderts handeln, durchaus kritische Überlegungen zu Grunde zu liegen scheinen (so: die Übel des ewigen Wachstums). Ein Abriss wie der folgende reicht aber leider nicht aus (Hervorhebungen von mir):
Flashbacks
In dieser Reihe kehren wir zu den Büchern, Filmen, Serien, Musikalben und Games unserer Kindheit und Jugend zurück. Mit welchem Blick haben wir die Dinge damals betrachtet? Und wie hat sich dieser Blick durch jahrelanges Studium verändert? In persönlichen wie wissenschaftlichen Reflexionen erkennen wir nicht nur die von uns betrachteten Gegenstände auf neue Weise, sondern auch die weiten Wege, die wir seit unserer ersten Begegnung mit ihnen zurückgelegt haben.
Alle Beiträge dieser Reihe findet ihr hier.
»Kurz, es wurde wirklich für die europäischen Völker wichtig, Kolonien zu besitzen. Um den Willen der dort einheimischen Bevölkerung kümmerte man sich dabei gar nicht. Du kannst dir denken, dass sie manchmal schrecklich schlecht behandelt wurden, wenn sie es sich einfallen ließen, mit Pfeil und Bogen auf die einmarschierenden Truppen zu schießen.«
Was sich hier bilderbuchmäßig manifestiert (und tatsächlich ist die Weltgeschichte stets illustriert erschienen!), die allzu märchengleiche Geschichtlichkeit dieser Geschichte, ist mir vor 15 Jahren sicherlich entgangen. Anders als die Germanistin Gunda Mairbäurl fände ich es gar nicht so »unangebracht«, Gombrich seinen Eurozentrismus mit allem, was dazugehört, »zum Vorwurf zu machen, wie es gelegentlich der Fall ist«.3Vgl. Mairbäurl, Weltgeschichte, S. 263. Mein Verständnis für den Empfehlungswert des Buches hat sich jedenfalls gewandelt, seit ich das Album letztes Jahr auf Spotify entdeckt habe. Als eindringliche persönliche Warngeschichte hat es weiter seine Berechtigung, deklamiert ansonsten aber allzu liebenswürdig von den großen und den grausamen Männern (sie sind meist mutig und immer, wirklich immer tapfer), ganz ohne sich an denjenigen Menschen zu stören, die vielleicht, sagen wir, Frauen gewesen sein mögen (merkwürdig!) oder außerhalb eines 3000-Kilometer-Radius um die alte Kaiserstadt geboren. Mindestens gehört noch an viele weitere von Gombrichs Aber-es-ist-wirklich-sos ein Fragezeichen.

