Willkommen im MEGA GYM

Im Fitnessstudio wird gelogen und getäuscht, es herrschen Konkurrenzkampf und Körperwahn. Verena Keßlers Gym erzählt eine Geschichte, die sich langsam aufbaut und nachhaltig verstört.

Von Lea-Magdalena Reimer

Bild: Via Pixabay, CC0

Das MEGA GYM ist ein riesiges Fitnessstudio, das sich nicht nur in der Größe von herkömmlichen Muskelschmieden unterscheidet. 3.500 Quadratmeter, mehrere Floors, ein Wellnessbereich, Geräte und Anlagen, die so sauber sind, als wären sie nie benutzt worden. Alles scheint makellos. Das ist auch der Anspruch an die Mitarbeiter:innen.

Die Protagonistin hat selbst nicht viel mit Fitness am Hut, als sie sich auf eine Stelle im MEGA GYM bewirbt. Fettiges Haar, ein ungewaschener Körper und ein »Erdnussflipbauch«: Um ihre Chancen auf den Job zu steigern, erfindet sie schnell eine Mutterschaft. Chef Ferhat kauft ihr die Lüge ab und stellt sie ein – er sei schließlich ein »Feminist«. Sie findet sich schnell zurecht, versteht sich gut mit Kolleg:innen und Kund:innen, schließt sogar eine Art Freundschaft mit Ferhats Schwester Şeyla, die tatsächlich Mutter einer kleinen Tochter ist. Sie selbst fängt an zu trainieren, wird so fit, dass sie bald darauf einen Kurs leiten darf – für Mütter. Alles läuft wie am Schnürchen, bis Bodybuilderin Vick auftaucht und eine bisher verborgene Seite der Protagonistin zum Vorschein bringt: »Alles an ihr war Muskel, Muskel und Haut, so viel Fläche, so viel Körper, kein Berg: ein Gebirge.«

No gain, no pain

Die Bewunderung wird schnell zur Obsession, das Idol zur Konkurrenz. Sobald Vick das MEGA GYM betritt, rückt die Arbeit in den Hintergrund. Sie steht unter ständiger Beobachtung der Protagonistin, alles, was sie tut, wird wahrgenommen, analysiert und kopiert. Jeder freie Moment während der Arbeit wird genutzt, um ihr Ziel zu observieren. Wann immer es möglich ist, trainiert die Protagonistin zeitgleich mit Vick, macht genau das, was Vick auch macht. Dieselben Geräte, dieselbe Anzahl an Sätzen. Vick bekommt davon offenbar nichts mit oder lässt es sich nicht anmerken. Was anfangs nach gesunder Motivation aussieht, entpuppt sich schnell als krankhafter Körperwahn. Eine ausgewogene, unauffällige Ernährung entwickelt sich zur Essstörung und das Studio wird auch außerhalb der Arbeitszeiten zum Hauptaufenthaltsort. Den Höhepunkt erreicht die Situation, als Ferhat behauptet, dass Vicks Körper nicht nur das Resultat ihres Trainings, sondern ebenfalls von Steroiden sei.

Dass die wahnhafte Orientierung an Körpern und Können anderer für die Protagonistin kein neues Problem, sondern ein altbekanntes Verhaltensmuster ist, wird durch Rückblenden in den vorherigen Job klar. Die Protagonistin arbeitete fleißig auf eine Leitungsposition hin, alles lief vermeintlich gut – bis Assistentin Emilia auf der Bildfläche erschien. Hier verlief die Obsession jedoch anders. Es gab keine Bewunderung, Emilia wurde einzig und allein als Konkurrentin wahrgenommen, dennoch genauso observiert wie Vick. Sie läuft allerdings auf dasselbe hinaus. Alles, was Vick und Emilia tun, schadet der Protagonistin, indem ihr gezeigt wird, dass sie nicht mithalten kann. Und sie setzt alles daran, dass niemand mitbekommt, welche Macht diese Vergleiche über sie entwickeln.

Auffällig sind die Parallelen zwischen ihrem damaligen Chef Thomas und dem Studioleiter Ferhat. Beide inszenieren sich als Feministen, indem sie beispielsweise eine frischgebackene Mutter einstellen oder ihre weiblichen Mitarbeiterinnen auf mögliche Führungspositionen vorbereiten, ihnen Verantwortung geben. Die Person dahinter ist nebensächlich, sie dient lediglich als Spielfigur, um das Image aufzupolieren und das eigene Ego zu füttern. Dass dies allein kein Feminismus ist, ist den Chefs aber nicht bewusst. Keßler entlarvt hier ein Machtmuster, welches auch in der realen Welt zu finden ist. Sowohl Thomas als auch Ferhat geben sich selbst das Lob und die Anerkennung für die Leistungen der Protagonistin, jedoch nur, solange diese erfolgreich ist und die Erwartungen gänzlich erfüllt. Begeht sie einen Fehler, so klein er auch sein mag, fällt sie in Ungnade und verliert jegliche Unterstützung.

Simpel, aber verstörend

Verena Keßler
Gym
Hanser Berlin: 2025
192 Seiten, 23 €

Die Handlung verläuft eher langsam, was der Spannung des Buches jedoch nicht schadet, dank der konsequenten Zuspitzungen. Die Szenarien, aber auch das Verhalten der Protagonistin werden im Laufe der Handlung immer extremer, bis es in einer großen Eskalation endet. Auch Keßlers nüchterner Schreibstil schafft es dennoch, schockierende und ekelerregende Momente passend zu beschreiben. Sprachlich ist der Roman klar, leicht zugänglich, die Sätze sind strukturell einfach gehalten. Gym ist Verena Keßlers dritter Roman, der brutal ehrlich und gekonnt von Machtmissbrauch und den daraus resultierenden Folgen erzählt.

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