Literaturherbst in Bewegung?

Litlog war am 12. August bei der Programmpräsentation des Literaturherbsts und berichtet über Erwartungen an das Festivalprogramm, Erwartungen der Leitung und klar: mögliche Highlights, auf die sich gefreut werden kann.

Von Lisa Marie Müller

Bild: Lisa Marie Müller

Die Programmpräsentation ist gut besucht – jedoch nicht nur von Pressevertreter:innen. Zumindest liegt die Vermutung nah, da sich dieses Jahr besonders oft auf Sponsor:innen wie Sartorius und andere Partner:innen des Festivals bezogen wird: Es wird sich immer wieder bedankt, kurz ein Gesicht gesucht und dann weiter gemacht. Die Vermutung liegt nahe, dass dies ein Symptom der zunehmenden Prekarisierung von Kulturarbeit ist. Neben der Erwähnung der Unterstützer:innen wird eine weitere Rahmenbedingung zu Beginn hervorgehoben: Gesa Husemann bekommt nun einen anderen Vertrag, der ihrer Rolle und ihren Aufgaben formal gerechter wird und ihr auch offiziell mehr Verantwortung gibt: Seit dem 1. August ist sie beim Literaturherbst als künstlerische Leitung fest angestellt und führt das Festival nun als Doppelspitze, gemeinsam mit Johannes-Peter Herberhold. Dieser bleibt Geschäftsführer, aber erklärt, dass er aufgrund seines Alters nun solche Änderungen vornimmt, damit die Festivalorganisation in Zukunft gesichert bleibt. Gesa Husemann ist nun doppelt in Doppelspitzen vertreten – die Leitung des Literarischen Zentrums mit Anna-Lena Markus bleibt wie gehabt bestehen.

Das Programm (sowie das Drumherum mit Merch und Booklets) hat ein paar Highlights, ist aber unter dem Motto »bewegt bleiben« nicht so bewegend, wie es sein könnte. Viel Erwartbares, ein paar neue Spielstätten, aber wenig Außergewöhnliches. Vielleicht ist man bei der Größe und Qualität des Festivals auch einfach mittlerweile verwöhnt und nimmt (zu) viel für selbstverständlich. Auf den Covern der Programmhefte sind dieses Jahr keine Menschen abgebildet, stattdessen gibt es ein Foto von Bücherstapeln mit einer Requisite (Mikrofon) obenauf liegend – das bringt auf den Punkt, worum es geht, und mit der Erläuterung durch Husemann – »Wir geben dem Buch eine Stimme« – ist es irgendwie schön. Auch elegant: Die diesjährigen Festivaljutebeutel, in denen die Besucher:innen der Programmpräsentation das Programm erwartet, sind mit dem Wortspiel »Wort-gewand(t)« geschmückt (Props an die Person, die sich das ausgedacht hat).

Erwartungsmanagement

Ähnlich wie bei der Longlist kann man vor der Verkündigung des Programms für den Literaturherbst anhand verschiedener Besprechungen und Sichtbarkeiten von Büchern raten, welche es wohl ins Programm schaffen werden. Dabei sind ein paar Veranstaltungen jedes Jahr gesetzt, wie beispielsweise die Lesung mit dem:der noch nicht feststehenden Buchpreisträger:in. Manche Autor:innen sind so groß und so erwartbar (Caroline Wahl), dass sie schon vor der eigentlichen Programmpräsentation verkündet wurden. Herberhold deutet noch während der Präsentation an, dass zu Robert Habeck und Caroline Wahl jeweils auch noch ein zweiter Termin möglich seien, sollten sie sich (wie zurecht angenommen) gut verkaufen. Zu Robert Habeck ist schon einen Tag später klar: Es gibt eine zweite Lesung zu seinem Buch Arctic Meltdown, auch diese ist bereits ausverkauft. Wer zu spät dran ist, kann aber über das Streamingangebot Literaturherbst ON AIR zuschauen.

Gute Veranstaltungen, die erwartet werden konnten: Die Lesung von Toxibaby mit Dana von Suffrin sowie ein Abend zu Zeit der Monster von Şeyda Kurt. Literaturherbststandard ist mittlerweile auch, dass es eine Veranstaltung mit Autor:innen des Gastlandes der Frankfurter Buchmesse (dieses Jahr: Tschechien) ins Programm schafft: Jaroslav Rudiš und Alice Horačková teilen sich dafür die Bühne. Das Besondere: Beide sprechen Deutsch, müssen also an dem Abend nicht übersetzt werden. So viel zum Erwartbaren. Gänzlich unerwartbar ist, was am 30. September mit Improsant auf der Bühne passieren wird: Die Imro-Gruppe gibt Orientierung und Einblicke in Form von improvisierten Szenen zum Programmheft – eine sicherlich unterhaltsame Veranstaltung.

Das Wissen vom Nicht-Wissen

Unter dem Stichwort »Unsicherheit« findet man im Programm des Literaturherbsts gleich zwei Veranstaltungen und dies könnte etwas über den derzeitigen gesellschaftlichen Zustand aussagen: Vieles ist unsicher, viele sind verunsichert und was an Unsicherheit gut sein kann, erklärt Manuel Scheidegger in Die Zukunft der Intelligenz: Warum wir dümmer klüger wären. Der Physiker und Klimaforscher Tim Paulmer zeigt in The Primacy of Doubt, inwiefern Unsicherheit auch zum Verständnis der Welt beitragen kann.

Als wichtiger Bereich des Festivalprogramms gilt der feministische Herbst. Das sogenannte FEMfest möchte Einblick in feministische Debatten geben. Die Autor:innen sind gut gewählt, der Titel der Veranstaltung jedoch nicht: Feminismus mit FEM abzukürzen ist nicht üblich und legt Assoziationen zu fem/femme nahe – einem Begriff, der den weiblichen Ausdruck bzw. eine betont feminine Ästhetik von Personen beschreibt. An dem Abend kommen drei spannende Autor:innen zusammen: Veronika Kracher mit ihrem aktuellen Buch Bitch Hunt, Sibel Schick mit Mein Körper – wessen Entscheidung? und Edith Löhle mit Kurzer Prozess.

Highlights

Wie sonst bei keiner Ankündigung ist von den Anwesenden sicht- und hörbare Freude über Hannah Häffners Die Riesinnen zu vernehmen. Ein weiteres Highlight findet am 11. Oktober im FIZ statt: Verena Keßler liest aus Gym, super on brand, im Gym. Vielen Göttinger:innen dürfte der Name Ruth Klüger ein Begriff sein: Nun gibt es ein Buch, das aus ihrem Nachlass entstanden ist und in dem ihre Mutter Alma Hirschel erzählt. Ein neues Format ist die Waldexkursion mit »Forst erklärt«: Von den Schillerwiesen aufwärts werden spannende Fakten zum Wald bei einem Spaziergang erklärt.

2026 wird als das Jahr der Trompete verkündet: Harald Eggebrecht führt durch einen Abend, bei dem der schwedische Startrompeter Håkan Hardenberger die Geschichte und Gegenwart des Instruments nachzeichnet. Passend dazu gibt es eine Veranstaltung zur Geschichte des Jazz, eine Hommage an Miles Davis (der dieses Jahr hundert Jahre alt geworden wäre) mit dem Marten Auer Quintett und Christan Brückner. Außerdem gibt es eine Veranstaltung unter dem Motto »Ton macht Text macht Ton«, bei der die Autorin Anentte Pehnt zusammen mit Improvisationsmusiker Harald Kimmig eine Live-Improvisation zwischen Klängen und Geschriebenen bauen wird.

Das ganze Programm ist hier einsehbar. Wer über eine der Veranstaltungen für Litlog berichten möchte, kann sich gern unter info@litlog.de melden.

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