In seinem neuen Redenband Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird spricht Saša Stanišić literarisch über seine Erinnerungen an Jugoslawien und seine Flucht, verfällt dabei aber leider manchmal in einen Politiker-Jargon. Das tut den Reden jedoch keinen Abbruch, weil das Literarische viel stärker hervortritt.
Von Lorena Gstrein
Was bedeutet es, wenn im eigenen Land Krieg herrscht, es zerfällt und man fliehen muss? Wie findet man eine Sprache für solche Erinnerungen, und wie kann man überhaupt über Krieg schreiben? Auf diese Fragen, die nur einen Bruchteil des Ganzen darstellen, versucht Stanišić in seinem neuen Redenband Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird. Eine Ermutigung (Luchterhand 2025) Antworten zu geben. Mit einem ernsten und gleichzeitig oft gewitzten Ton spricht er viel über seine Erinnerungen an Jugoslawien – diese sind besonders eindrücklich, weil sie den Reden einen literarischen Charakter verleihen. Gleichzeitig schwingt eine politisch-gesellschaftliche Botschaft mit, die jedoch leider manchmal in politische Phrasen abdriftet.
Herkunft und Krieg als Fundament der Reden
In seinen Reden, die er fast ausnahmslos zu Preisverleihungen gehalten hat, beleuchtet Stanišić viele Themen. Einen gemeinsamen Nenner bilden jedoch seine Herkunft und der Jugoslawienkrieg. Es geht darum, wie man in einer Sprache schreiben kann, die noch nicht die eigene ist, und darum, was Sprache kann. Stanišić eröffnet eine emotionale sowie politische Dimension von Sprache und Sprachlosigkeit, indem er von der Trennung von den anderen erzählt, die er selbst wahrgenommen hat, als er noch kein Deutsch sprechen konnte. Er erzählt, wie seine Mathelehrerin ihn und seine Klasse auf den Kriegsbeginn vorbereitet hat, wie er diesen selbst erlebt hat und welche Erinnerungen er an Begegnungen mit Grenzsoldaten und seine Flucht hat.
Dabei spricht er darüber, wie Ethik und Ästhetik bei einem so schwerwiegenden Thema wie Krieg zusammengebracht werden können, um den Opfern Respekt zu zollen. Am Beispiel des Krieges zeigt Stanišić, dass die Recherche für fiktionale Texte auch eine moralische Aufgabe sein kann, und das Recherchierte zuverlässig ins Erzählte übertragen werden muss. Als Autor entscheidet man mit, wie spätere Lesende den Krieg wahrnehmen. Das ist mit der großen Verantwortung verbunden, die historischen Fakten richtig wiederzugeben, indem man genau hinschaut. Nur so wird gewährleistet, dass es nicht zu einer Verharmlosung des Krieges kommt, unter der die Opfer noch mehr leiden. Die korrekte Faktenwiedergabe ist ebenfalls wichtig, um die gesellschaftliche und juristische Anerkennung und Aufarbeitung der Kriegsverbrechen nicht zu demolieren. Stanišić kommt hier wieder auf Sprache zurück und sagt, dass es schwer sei, die richtigen – oder zumindest ansatzweise richtigen – Worte zu finden, wenn man über Krieg schreibt. In diesem Teil ist er durchaus selbstkritisch, wenn er einräumt, dass er »selbst nicht frei von Zweifeln [sei], was [s]einen Umgang mit der recherchierten Realität angeh[e]«. Es ist ihm wichtig, dass er den Zusammenhang von Ethik und Ästhetik darstellt, weil seine eigene Notwendigkeit und Motivation zu schreiben so mehr zur Geltung kommt. Laut Stanišić geht das, worüber er schreibt, nicht nur ihn selbst etwas an, sondern alle. Jede:r sollte sich mit dem Krieg im Allgemeinen und mit dem Jugoslawienkrieg im Besonderen beschäftigen, unabhängig davon, inwieweit dieser eine:n persönlich betrifft. Auch hier zeigt sich wieder, wie aktuell die Themen dieses Autors sind.
So gehen aus den vorliegenden Reden direkt und indirekt Botschaften an die Gesellschaft hervor. Stanišić fordert beispielsweise mehr Aufmerksamkeit für diejenigen, die Krieg miterleben und aus ihrer Heimat fliehen mussten – diese Menschen sollen mehr Unterstützung erhalten. Stanišić möchte seine Lesenden bzw. Zuhörenden ermutigen ihre Meinung kundzutun, auch wenn sie etwas sagen wollen, das nicht jede:r hören will. In seiner Rede zur Eröffnung des Göttinger Literaturhauses – ja sogar Göttingen findet Erwähnung in seinen Reden – fordert er, dass Literatur für alle zugänglich sein sollte, und zeigt, dass Literatur immer ein offener Raum sein sollte, zu dem jede:r etwas beitragen kann.
Die Mathelehrerin aus Jugoslawien
Stanišićs Erinnerungen und Anekdoten aus seiner Kindheit in Jugoslawien sind besonders bewegend. In der Rede Genossin Rozalija Mimić geht es um seine Mathelehrerin. Er beschreibt ihre Strenge und wie er und seine Mitschüler:innen sich im Unterricht vor ihr fürchten. Seine Darstellungen sind auch unterhaltsam, beispielsweise wenn er erzählt, wie sie die Klasse »mit der Ausdauer und Konsequenz einer gedopten olympischen Reckturnerin« Mathematik und das Fürchten lehrt. Wie die meisten anderen Reden hat auch diese einen literarischen Charakter, sie sticht jedoch hervor, weil sie sich in besonderer Weise auf diese Lehrerin konzentriert, und Stanišić von ihr ausgehend seine Gedanken und Erinnerungen weiterspinnt. Er beschreibt, wie Rozalija Mimić seiner Klasse nicht nur Mathematik beibringt, sondern auch fragt, wovor die Kinder Angst haben. Anschließend erklärt sie ihnen, wie sie sich im Falle eines Kriegsausbruchs verhalten sollen. So vermittelt sie ihnen neben dem, was im Lehrplan vorgesehen ist, etwas, das weit darüber hinausgeht, nämlich Wissen über den Menschen selbst und seine Gefühle. Dieser wichtige Kontrast spitzt die erzählte Geschichte – Stanišić ist schließlich auch ein Geschichtenerzähler – noch mehr zu und zeigt, dass jede:r in irgendeiner Weise ein Bewusstsein für Gefühle braucht, um ein gutes Leben zu führen und als Mensch vollständig zu sein.

Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird
Luchterhand 2025
151 Seiten, 22 Euro
Diese Rede ist besonders gelungen, weil sie auf literarische Weise eine andere Lebensrealität eröffnet, in der Krieg, Angst und Trauer vorherrschen. Zudem erscheint sie auf bedrückende Weise aktuell. Am Ende wird Stanišić mit seinen politischen Botschaften allerdings zu explizit, und erklärt den Lesenden noch einmal, was er im Grunde durch die Erzählung über seine Lehrerin schon gesagt hat, z. B. erklärt er die Mittel des Nationalismus und schreibt als letzte Sätze: »Für Wehret den Anfängen sind wir zu spät. Für Güte, Fürsorge, Umsicht – für Zivilcourage – nie.«. Hier klingt er leider stellenweise wie ein Politiker, was zwar ärgerlich ist, aber die sehr gute Rede nur minimal abschwächt, weil es nur einen geringen Teil einnimmt. Das Literarische ist so emotional und eine Freude zu lesen, dass man Stanišić die politischen Floskeln verzeihen und sie ausklammern kann.
Sprache als Spiel
Dass Stanišić Sprache als Spiel begreift, wie er auch selbst explizit sagt, macht seine Reden zur unterhaltsamen Lektüre. Er trifft eine gute Balance zwischen Ernsthaftem und Gewitztem, und die Übergänge zwischen beiden Stilen sind fließend. In der ersten Rede über den titelgebenden Stromkreis beschreibt er zunächst, wie er in der Schule nie verstanden hat, warum dieser als Rechteck abgebildet wird. Dann nutzt er den Stromkreis als Metapher dafür, dass er viele Dinge in der Welt, wie beispielsweise Krieg, nicht versteht, und auch als Symbol für seine eigene Biographie. Damit meint er, dass seine Biographie aus vielen verschiedenen Stromkreisen besteht, die sich miteinander verbinden, z. B. seine Familie und seine Hobbys. Durch die Stromkreis-Metapher zeigt er die Komplexität des menschlichen Lebens auf, weil er in seiner eigenen Biographie nicht versteht, wie die verschiedenen »Stromkreise« zusammengekommen sind. Stilistisch ist es gelungen, dass Stanišić seine Reden oft mit einem Objekt oder einem Konzept (wie dem Stromkreis) beginnt, um darauf aufbauend seine Gedanken zu seinen zentralen Themen Identität und Krieg weiterzuentwickeln. Auf diese Weise macht er den Lesenden seine Assoziationen leicht zugänglich. Es ist auch positiv zu betrachten, dass er sich bei den Metaphern offensichtlich selbst nicht zu ernst nimmt. So schimmert immer wieder Selbstironie durch, was vergegenwärtigt, dass Sprache immer auch ein Spiel ist, und dem ernsthaften Kern seiner Reden dadurch sogar noch mehr Nachdruck verleiht.
Stanišićs Redenband Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird eröffnet auf literarische Weise einen Blick in seine Lebensrealität in Jugoslawien, im Krieg und schließlich in Deutschland. Diese ist natürlich immer auch politisch grundiert, was Stanišić manchmal dazu verleitet, ein wenig in eine politische Sprechweise abzurutschen, die nicht zu seinem sonst emotionalen, berührenden literarischen Schreiben passt. Seine Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend und seine Reflexionen über das Schreiben sind so aussagekräftig, tiefgründig und unterhaltsam zugleich, dass das direkt politische Element das Lesevergnügen nicht schmälert. Es gelingt Stanišić seinen eigenen Stromkreis von Reden wunderbar zu schließen.

