Autofiktionale Andeutungen, ein dezenter Flirt mit dem Thomas-Mann-Jubiläum, ein Dessous auf dem Cover und nicht zuletzt eine literarische Leistung – Anna Prizkaus Roman Frauen im Sanatorium checks all the boxes. Warum ist dieses Buch trotzdem nicht zur literarischen Sommersensation geworden?
Von Eva Tanita Kraaz
Bild: Via Pixnio, CC0
In einer besseren Welt, in der der Buchmarkt tatsächlich von literaturinteressierten Menschen bestimmt wird, hätte der Roman Frauen im Sanatorium breite Aufmerksamkeit erfahren. In unserer Welt sieht es so aus: Obwohl Anna Prizkaus Romandebüt einen soliden literarischen, literaturbetrieblichen und marketingstrategischen Gameplan hatte, konnte es sich den Platz als Must-Read des Lesesommers nicht erspielen.
Kalkuliert war ganz sicher der publizistische Bezug auf die Autorin: Die Protagonistin und Erzählerin heißt Anna. Das lenkt den Blick auf Prizkau, deren öffentliches Auftreten erfrischend ist. Das soll kein Anlass werden, Bernhard Hecklers langweiliges (so meint zumindest perlentaucher.de) Porträt in der Süddeutschen Zeitung aufzuwärmen. Paraphrasieren lässt er sich leicht verfälschend so: Prizkau trägt branchenuntypisch für Millenialfrauen keinen Mikropony, verzichtet nicht auf klassisches Make-Up und war auch nicht auf einem Literaturinstitut. Das hat medienwirksames Potenzial, aber zumindest an dieser Stelle lässt sich sagen: Gott sei Dank (für den fortschreitenden Rückbau latent misogyner Literaturkritik) wurde der Aspekt der Selbstinszenierung sonst nirgendwo ausgeschlachtet.
Kantinenprofanitäten und Fin de Siècle-Chic
Auch das aktuell verbreitete Thema des Romans hätte mediale Anschlusskommunikation ermöglicht: Es geht um Mental Health – aktuell ist das zumindest in dem Sinne, dass Prizkau es ganz sicher nicht bei dem Begriff schimpfen würde. Der Titel des Romans ist buchstäblich zu verstehen: Es geht um Frauen in einem Sanatorium. Indem sie antiquiert vom Sanatorium schreibt, zitiert Prizkau ein ganzes Genre mit dem Zauberberg als seinem bekanntesten Vertreter an. Well played im Thomas-Mann-Jahr (hätte man meinen können). Es wäre leicht, in dem Klassiker eine intertextuelle Stütze zu suchen, ohne echten Halt zu finden. Das tut Prizkau nicht. Versiert wurden ihre reichen literaturgeschichtlichen Anspielungen schon 2021 in Klagenfurt auf den Tagen der deutschsprachigen Literatur diskutiert, wo Prizkau einen Ausschnitt aus dem Buch gelesen hatte. Was hier wichtig ist: Die Autorin ist frei vom gegenwärtig überladenen Diskurs über (Küchen-)Psychologie. Sie erzählt undogmatisch und ohne pädagogischen Anspruch von psychischer Krankheit. Sie belässt es nicht bei der klischeebesetzten »Ich verstehe«-Klinikarzt-Figur, sondern rückt den Fokus auf die Patientinnen, die selbst mit ihren Geschichten ringen. Trotz aller moderner Kantinenprofanitäten – der Klinikaufenthalt erlangt dabei etwas von seinem Fin de Siècle-Chic zurück und die Beschwerden wirken zuweilen wie kultivierte Faiblessen. Das ist natürlich verharmlosend. Dass das kaum irgendwo problematisiert, geschweige denn skandalisiert wurde, kann man als Ausdruck eines gewandelten Zeitgeists verstehen: Es ist fast schon wieder verpönt, auf Sensibilitäten herumzumoralisieren.
Doch was ist mit der literarischen Qualität? Nun, Prizkaus Schreiben ist genauso weit entfernt von Bernhard Hecklers langweiligem Porträt über sie wie von Thomas Manns Ermüdungsprosa. Im Wahrheitsanspruch konkurrieren bei ihr multiple Binnenerzählungen über die verschiedenen Figuren. Sie stammen von unterschiedlichen unzuverlässigen Instanzen. Das ist auf subtile Weise spannend. Weder Thema noch Sprache werden überstrapaziert. Der sedierte Klinikalltag als ruhige Gegenwart der erzählten Zeit löst sich zunehmend in Trinkgelage und romantische Abenteuer auf: Anfänglich schlägt sich die Medikation der Protagonistin noch in der Form nieder. In überwältigender Lethargie findet man sich über die Codierung der Farben spekulierend wieder. Darunter immer wieder Dunkelblau – der Anzug, den der Verlobte von Annas Freundin trägt, oder der Kaffeebecher ihrer Stiefmutter – und alle Schattierungen von Rot – koralle sind die Lippen der Pflegerin, rotorange die Wangen des Nymphensittichs aus der Kindheit; rostrot die Klinik; pink die Flamingos in der Werbung; blassrosa, fast weiß dagegen die Federn von Pepik, dem sie, noch medikamentiert, im Kurpark von ihrer Mutter, von der Migrationsgeschichte ihrer Familie erzählt. Ebenjenen Pepik vernachlässigt sie bald, das Geschehen verdichtet sich.
Flirty wie ein Beach Read
Unzweifelhaft effektvoll prangt Pepik trotzdem auf dem Buchcover. Ein blassrosa Flamingo vor fliederfarbenem Hintergrund mit einem altrosa Dessous im Schnabel – »sexy«, könnte man sagen, so wie Bernhard Heckler den Roman beschreibt. Mit Juli als Veröffentlichungstermin hat der Verlag Frauen im Sanatorium als alternative Sommerlektüre platziert: Die Optik ist flirty wie ein Beach Read – ein Genre, das wie seine New-Adult-Geschwister Variationen auf bekannte Charaktere, Figurenkonstellationen, Plottwists verspricht. Das vorliegende Buch löst zumindest das Versprechen auf Sex ein, das die Unterwäsche auf dem Cover andeutet. Das funktioniert jedoch nie als erfüllte Fantasie. Generell bleiben Sehnsüchte in diesem Buch unerfüllt und genauso beschränkt bleiben alle möglichen Kompensationsstrategien für diese unerfüllten Sehnsüchte.

Frauen im Sanatorium
Rowohlt 2025
304 Seiten, 24€
Diskutiert wird dadurch etwas gleichermaßen literarisch wie lebensweltlich Substanzielles: die Möglichkeit von Selbstermächtigung durch eigene Narrative. In der klassischen Gesprächstherapie bleibt die Deutungshoheit bei der Klientin. Annas Therapeut treibt das auf die Spitze und fordert sie auf, ihre Geschichte als Märchen zu erzählen. Diese theoretische Macht stößt da an Grenzen, wo es nicht nur um Bedeutung, sondern um Fakten und ihre Konsequenzen geht. Anna Prizkau lässt ihre Frauen im Sanatorium über ihre eigenen Ästhetisierungen stolpern. Doch weder dieses beträchtliche Sujet noch die kunstvolle Komposition oder die reizvolle Gestaltung haben im literarischen Diskurs verfangen.
Zuletzt hätte die Platzierung von Anna Prizkau im Verlagsprogramm ihr zu mehr Leser:innen verhelfen können. Selbstverständlich hat Caroline Wahls neuer Bestseller die Rowohlt-Herbstvorschau 2025 aufgemacht – die ‚Hundert Augen‘-Sektion jedoch führte Frauen im Sanatorium an. Das ist der Teil des Verlags, in dem sonst Giulia Becker oder Sarah Lorenz erscheinen. Wahl, Becker und Lorenz sind drei Autorinnen mit einer großen (Online-)Fangemeinde. Zumindest im Falle der letzten beiden haben diese Fans schon dann Vorbestellungen für ihre Bücher aufgegeben, als kaum je eine literarische Zeile von den Autorinnen als solche veröffentlicht war. Wie schön wäre es gewesen, wenn man diesen Menschen auch Prizkaus Roman hätte unterjubeln können. Noch schöner, wenn sie auf den Geschmack gekommen wären und sich dann Prizkaus noch viel bessere Erzählungen Fast ein neues Leben (Friedenauer Presse 2020) besorgt hätten. Schön, denn dann hätten wir ausführlich über Prizkaus immer irgendwie halbbetäubten Stil diskutieren können oder über ihre Protagonistinnen, deren initiale Gutmütigkeit sich nie in gesunde Skepsis auflöst, sodass wir niemals eine simple Moral fürchten müssen.

