Wer schreibt, hat schon verloren

Eine Journalistin veröffentlicht einen Artikel über Machtmissbrauch im Theater. Nach dem Suizid des Beschuldigten wird sie öffentlich angefeindet. Antje Rávik Strubels Roman Der Einfluss der Fasane analysiert mediale Mechanismen, gesellschaftliche Doppelmoral und zeigt, wie Kritik im Kulturbetrieb schnell zu Ausgrenzung der Kritiker:innen führt.

Von Almire Ibrahimi

Bild: Via Pixabay, CC0

Ein Mann bringt sich um. Zurück bleibt ein Vakuum. Kai Hochwerth – umjubelt, umstritten, eine Figur, die alles beherrschte und nun schweigt. Was bleibt, sind Rauschen, Spekulation, Fluch und Fassade. Und mittendrin: Hella Renata Karl, Feuilletonchefin und Stimme einer Welt, die sie plötzlich verstummen lässt.

Antje Rávik Strubel lässt in Der Einfluss der Fasane keine Zeit zum Luftholen. Der Roman beginnt im freien Fall. Keine Vorgeschichte, kein Schutz. Nur die Nachricht vom Suizid und die Frage, was ihn ausgelöst hat. Oder wer. Denn Hella hat kurz zuvor einen Artikel veröffentlicht. Es war ein Text, der benennt, was lange bekannt war und nie ausgesprochen wurde: Dass Kai seine herausragende Stellung als gefeierter Intendant und Leiter eines der erfolgreichsten Theater Berlins nutzte, um zu manipulieren, zu überreden, zu zwingen. Hella schreibt in ihrem Artikel, dass sich sein Machtmissbrauch nicht nur in übergriffigem Verhalten gegenüber Mitarbeiterinnen zeigte, sondern sogar so weit reichte, dass eine junge, schwangere Schauspielerin zum Abbruch ihres Kindes gedrängt wurde. Nicht aus freiem Willen, sondern unter der Last einer Autorität, die keine Wahl ließ. Und doch war es nicht der Täter, den man verdammte, sondern Hella, die ihn sichtbar machte.

Karrierebruch und Gegenwehr

Was folgt, ist kein literarisches Nachspiel, sondern eine präzise Demontage einer Karriere. Die Leser:innen des Artikels empören sich. Die Kolleg:innen schweigen. Robert Heinze, Schauspieler und langjähriger Weggefährte Kais, hetzt öffentlich gegen die Journalistin, erklärt sie zur »Mörderin mit Feder«. Er ruft zum Boykott auf, versucht die Zeitung zu diskreditieren und Hella aus dem Kulturbetrieb zu drängen.

Strubel macht nicht das Grauen zum Spektakel, sondern die Atmosphäre. Man spürt, wie sich ein Mensch verliert. Nicht in einem dramatischen Sturz, sondern in einem leisen Zerfall. Nicht Hella verlässt die Bühne, sondern sie verliert ihre Rolle. Sie wird nicht aus der Öffentlichkeit gedrängt, sie fällt ihr zum Opfer. Wehrlos, während sich ihre Stimme im Lärm derer auflöst, die sich entrüsten wollen, ohne zu wissen, warum. Alles, was sie sagt, wird gegen sie ausgelegt. Alles, was sie war, zerrinnt zu einem Bild, das andere über sie malen.

Eine Figur voller Widersprüche

Dabei ist Hella keine Figur, die um Sympathie buhlt. Im Gegenteil: Sie blickt häufig herablassend auf ihr Umfeld, hält sich für etwas Besseres – ein intellektuelles Selbstverständnis, das sie zugleich isoliert und angreifbar macht. Ihre erste Begegnung mit Kai ereignet sich bei einer Theaterpremiere, kurz nach ihrem Amtsantritt als Feuilletonchefin. Schon in diesem Augenblick spürt Hella eine elektrisierende Spannung zwischen ihnen, eine unausgesprochene, geladene Nähe. Sie fühlt sich von ihm sowohl geistig als auch körperlich angezogen, wohl wissend, welche Machtstellung er innehat und mit welcher Selbstverständlichkeit er diese ausspielen kann. Aus dieser Begegnung speist sich ihre ambivalente Haltung: eine Hassliebe, getragen von gleichermaßen Bewunderung wie Abscheu. Hella bewundert seine Autorität im Theaterbetrieb, sein Charisma und seine Wirkung – und verachtet ihn zugleich für die Mittel, mit denen er sich behauptet. Diese widersprüchlichen Gefühle verleihen der Figur Tiefe und machen ihre spätere Einsamkeit umso greifbarer.

Antje Rávik Strubel
Der Einfluss der Fasane
S. Fischer 2025
240 Seiten, 24 €

Sprachliche Präzision statt Spektakel

»Die Sonne ging über dem Funkturm auf, der Himmel war blau. Und irgendwo auf der anderen Seite der Welt erwachte jemand zum ersten Mal nicht.«

Diese Beschreibung des Todes von Kai zeigt: Die Sprache des Romans begegnet einer Erschütterung nicht mit Lärm, sondern mit Präzision und einem feinen Gespür für das Absurde. Sie ist beschreibend, doch nie bloß abbildend. Satirisch und zugleich bitterernst, durchzogen von Metaphern, Wortspielen, kleinen semantischen Sprengsätzen. Strubel schreibt nicht gegen die Welt an, sie biegt sie so lange, bis man ihre Risse sieht.
Und dann: der Fasan.

Er taucht nicht als Erklärung auf, nicht als Erlösung. Er steht am Rand, wortlos, wie ein Wesen aus einer anderen Ordnung. Er erscheint in Momenten des Stillstands – wenn Hella innehält, wenn nichts mehr sicher ist, wenn selbst der Schmerz keinen Namen mehr trägt. Der Fasan ist nur da. Und das reicht.

Ein System schützt sich selbst

Der Einfluss der Fasane entlarvt eine Welt, in der nicht die Taten zählen, sondern wer die lautere Geschichte erzählt. In der nicht der Täter sozial abgestraft wird, sondern jene, die den Schleier lüften. Antje Rávik Strubel zieht den Vorhang vor einer Branche zurück, die sich selbst schützt, indem sie andere opfert. Sie zeigt, wie gnadenlos ein System reagiert, wenn jemand aus dem inneren Kreis ausschert. Diese Geschichte ist kein Kommentar, sondern ein Spiegel. Sie zeigt, wie schnell sich die Öffentlichkeit gegen Einzelne wendet, wenn das Bild, das man sehen will, ins Wanken gerät und wie leicht Stimmen verstummen, wenn sie unbequem werden. Das Buch zeigt, wie perfide es sein kann, sich in einem Milieu zu Wort zu melden, das vorgibt, für alle Beiträge offen zu sein, aber wenig aushält, wenn tatsächlich etwas gesagt wird.

Am Ende bleibt keine Moral, keine Auflösung. Nur der Blick auf eine Wirklichkeit, in der jede:r glaubt, was ihm oder ihr passt. Und das Learning: Wer über andere schreibt, riskiert, selbst zum Text zu werden.

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