Wo das Fühlen fehlt 

Die Autorin Sohn Won-pyung erzählt in ihrem ersten Roman Mandel die Geschichte eines Jungen, der keine Gefühle empfinden kann und dennoch heranwächst. Der sechzehnjährige Yunjae leidet seit seiner Geburt an Alexithymie, einer Unfähigkeit, Emotionen zu empfinden. Durch seine Geschichte zeigt der Jugendroman Mandel, wie Menschen mit fehlender Empathie wahrgenommen werden und welche Bedeutung Gefühle für das Zusammenleben haben.

Von Sejeong Kim 

Bild: Sejeong Kim 

Yunjae, der sechzehnjährige Protagonist des Jugendromans Mandel von Sohn Won-pyung, kann von Geburt an keine Gefühle richtig empfinden oder ausdrücken. Seine Mandelkerne, die sogenannten Amygdala, sind kleiner als bei anderen Menschen und so leidet er an einer Alexithymie: der Unfähigkeit, Emotionen wahrzunehmen und zu kommunizieren. Als er sechs Jahre alt ist, findet er in einer Gasse neben einem kleinen Laden einen blutüberströmten Jungen. Yunjae informiert den Ladenbesitzer, der gerade fernsieht: »Er sieht aus, als würde er sterben.« Doch da Yunjae seine Worte ohne sichtbare Emotionen spricht, reagiert der Mann gleichgültig und wirft ihm vor, zu lügen. Der Junge stirbt und sowohl der Ladenbesitzer als auch Yunjae werden von der Polizei vernommen. Dabei schreit der Mann Yunjae fast verzweifelt an: »Du hättest mir das mit mehr Ernst sagen müssen, dann würde mein Sohn noch leben!« 

Leben nach der Tragödie 

Wie schon der Titel Mandel andeutet, steht die Mandel in diesem Roman für Yunjaes Amygdala, also für das „Nicht-Fühlen“. Yunjaes Familie merkt früh, dass er anders ist als andere. Seine Mutter und seine Großmutter bringen ihm allgemeine Gefühle bei, damit er ein normales Leben führen kann. Sie bemühen sich unermüdlich, ihn so aussehen zu lassen, als könnte er Empathie empfinden, auch wenn er tatsächlich nicht dazu in der Lage ist. Doch an seinem vierzehnten Geburtstag, am Heiligabend, ereignet sich eine Tragödie: Vor Yunjaes Augen wird seine Großmutter auf offener Straße ermordet. Seine Mutter fällt daraufhin ins Koma und Yunjae bleibt allein zurück. Mandel erzählt, wie der Ich-Erzähler Yunjae nach diesem Erlebnis mit Außenseitern wie seinem Mitschüler Gon in Konflikt gerät und zugleich seine eigenen Gefühle entwickelt. 

Won-pyung Sohn
Mandel
Blumenbar 2024
224 Seiten, 24 €

Aufgrund von Yunjaes Unfähigkeit, Emotionen zu empfinden, ist der Stil des Romans trocken. Gerade deshalb treten jedoch die Gefühle der anderen Figuren besonders deutlich hervor. Die Lesenden folgen Yunjaes distanziertem Blick und seinen Überlegungen – nicht nur bezüglich der Emotionen anderer Menschen, sondern auch hinsichtlich der Gedanken des Mannes, der seine Familie ermordet hat. Dabei wird einerseits erfahrbar, wie sehr Yunjaes Gefühlswelt von der gewöhnlicher Menschen abweicht, andererseits aber auch, wie scheinheilig vermeintliche Empathie und Verständnis oft sind. 

Die Frage nach der Monstrosität 

Warum also hat die Autorin eine solche Geschichte geschrieben? Und weshalb hat dieser Roman, obwohl er formal als Jugendroman erscheint, gerade unter Erwachsenen so große Popularität erlangt? In ihrem Nachwort erzählt die Autorin von ihrer Geburtserfahrung und gesteht darin den Ursprung des Romans: Sie stellte sich die Frage, ob man ein Kind auch dann noch lieben kann, wenn es zum »Monster« wird und aus dieser Überlegung heraus sind die Figuren Yunjae und Gon entstanden. 

So erscheinen beide Protagonisten als Figuren, die den Erwartungen ihrer Eltern völlig widersprechen und als »Monster« wahrgenommen werden. Yunjae leidet an Alexithymie, Gon hingegen wächst ohne Liebe auf, durchlebt Adoption und Zurückweisung sowie ein Leben im Jugendgefängnis. Dadurch ist er unfähig, anderen Menschen emotional nahe zu kommen. Beide Figuren werden aufgrund ihrer emotionalen Defizite in Familie und Gesellschaft immer wieder problematisiert. 

Gon wünscht sich, dass seine verletzten Gefühle lieber ganz verschwinden würden. Deshalb richtet er sein besonderes Interesse auf Yunjae, beneidet ihn zugleich aber um seine emotionale Krankheit. Paradoxerweise empfindet Gon sogar Überlegenheit gegenüber Yunjae, der kaum echte Gefühle verspüren kann. So zeigen sich die Gefühle in der Adoleszenz als unkontrollierbar und widersprüchlich: Gons Haltung – »Wenn ich mich schon nicht vor Verletzung schützen kann, dann verletze ich eben andere Menschen« – trifft auf Yunjaes völlige Gefühllosigkeit. In dieser paradoxen Konstellation entsteht eine merkwürdige Freundschaft, die Yunjae allmählich verändert.

Die Monstrosität der Gefühle 

Mandel greift gesellschaftliche Probleme auf, die in der koreanischen Literatur und in den Medien immer wieder thematisiert worden sind: Amokläufe, Jugendkriminalität, Schulgewalt, Kindererziehung und Bildungsfragen. Während andere Autor:innen häufig die überschäumenden oder unverständlichen Gefühle Jugendlicher untersuchen, geht Sohn Won-pyung den entgegengesetzten Weg. Sie erkundet die Psyche eines Jugendlichen, dem Gefühle fast völlig fehlen. 

Ist es also wirklich besser, eine »normale« Mandel zu haben? Die Worte des Ladenbesitzers, der Yunjae tadelt – »Du hättest mir das mit mehr Ernst sagen müssen« – oder die Fragen eines Mitschülers, wie es sich denn anfühle, die eigene Familie sterben zu sehen – all das wirft die Frage auf, welches Gefühl in unserer Gesellschaft eigentlich wahre »Monster« hervorbringt. Sohn Won-pyung zeigt die alltägliche Gewalt normaler Menschen, obwohl sie intakte emotionale und kognitive Fähigkeiten haben. So legt sie die unbewusste Monstrosität unserer eigenen Gefühle offen. 

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