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Abenteuer in Arkansas
Black Box Molière

Auch in Arkansas gibt es studentisches Theater. Im Black Box Theater mimt Tartuffe ein Scientology-Mitglied. Das ist längst nicht so schlimm, wie es klingt: Die neue Folge der Abenteuer in Arkansas prüft, was das Theater Department der University of Arkansas so zu bieten hat.

Von Hanna Sellheim

Als ich an einem Sonntag das Black Box Theater mitten im pittoresken Downtown Fayetteville besuche, ist der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt. Draußen vor der Tür tummeln sich Studierende in der Hoffnung, noch ein Ticket zu ergattern. Das Theater Department der University of Arkansas spielt heute zum letzten Mal Tartuffe, den sorgfältig durchgekauten Klassiker des ebenso sorgfältig durchgekauten französischen Dramatikers Molière. Meine Erwartungen sind dementsprechend gemäßigt. Das Theater selbst ist nichts Besonderes, untergebracht in einem Universitätsgebäude, erinnert es in seiner Spartanität an das DT-2.

Der überdekorierte, wenn auch latent geschmacklose Bühnenraum lässt von Anfang an keinen Zweifel daran, dass wir uns im Hause einer wohlhabenden Familie befinden. Dazu passen auch die Kostüme: In Schwarz-Weiß-Grau-Tönen gehalten mit bunten High Heels als Farbkontrasten, spiegeln diese urbanen Reichtum in verschiedenen Altersklassen wider. Manche Entscheidungen bei der Garderobe, wie die übergroße Handtasche der Großmutter, sind zwar durchaus witzig, finden aber kein Konterpart in der Wahl der restlichen Accessoires und wirken darum reichlich willkürlich. Doch gespart wurde hier an nichts: Die Ausstattung wirkt an keiner Stelle improvisiert, alles sieht hochwertig aus.

L.A. statt Frankreich, Scientology statt Katholizismus

Werden die ollen Kamellen herausgekramt, stellt sich stets die Frage: Warum jetzt? Man kann diese Frage durchaus abschmettern und antworten, dass aktuelle Relevanz kein Qualitätsmerkmal ist und alte Stücke auch alleine aufgrund ästhetischer Kriterien für gut befunden werden können. Doch das tut die Inszenierung nicht und findet stattdessen eine halbgare Antwort: Es versetzt die Handlung ins zeitgenössische Los Angeles – was sich nur aus dem Programmheft erschließt, das Stück selbst gibt darauf keine Hinweise. Im Gegenteil, Tartuffes Anwalt kommt dann doch aus der Normandie angereist und der eingreifende Deus ex Machina, der die Familie aus ihrem Schicksal rettet, bleibt unerklärlicherweise ein Prinz.

Die Aktualität bleibt trotzdem rätselhaft und auch das Programmheft äußert sich nur schwammig: »Well, it’s a universal topic, and the best universal topics are about individuals.« So wahr, so ausgelutscht. Weiter heißt es: »In order to make this story more relevant, we are setting Tartuffe in modern Los Angeles with Tartuffe being a representative of the Church of Scientology.« Auch das wird allein aus der Aufführung selbst nicht klar. Zwar steht auf dem Regal eine Ausgabe von L. Ron Hubbards Dianetics und der zweite Akt beginnt mit einem Einspieler von Tom Cruises beängstigendem Scientology-Propaganda-Video, aber aus den Dialogen selbst will sich der Scientology-Bezug nicht so recht ergeben.

Es bleibt dabei auch die Frage, ob das Department vielleicht mit Absicht diese Änderung vornimmt, um sich vor Ärger zu schützen. Der Tartuffe des Originals ist schließlich katholisch; das Stück kam schon im 17. Jahrhundert nicht gut beim Erzbischof von Paris an. Es ist denkbar, dass auch der Bible Belt des amerikanischen Südens nicht begeistert wäre, einen christlichen Heuchler auf der Bühne zu sehen – zumal der Tartuffe der Inszenierung in einer Szene recht eindeutig einen BDSM-Kink erkennen lässt und bis auf eine strassbesetzte Unterhose alle Hüllen fallen lässt. Doch das macht Molières Stück langweilig unterkomplex: Denn dem Dramatiker ging es eben nicht um Führer*innen dubioser Sekten, die letztlich nur an das Geld ihrer Gefolgschaft wollen, sondern um die Heuchlerei, die sowohl etablierte, machtvolle Institutionen wie die Kirche als auch die durchschnittliche Familie als Kern der Gesellschaft durchweben.

Davon abgesehen versucht das Stück recht halbherzig, die Zuschauer*innen zu einer übertragenden Lesart von Tartuffe zu ermutigen: »The con man still exists today, and the credulous public still exists today – it is one of those stories that survives contemporizing… this is in the news all the time.« Tartuffe als Trump-Allegorie? Meinetwegen, wäre heute nicht alles irgendwie Trump-Allegorie, und nicht auch die Trump-Persona selbst nicht mehr als eine Allegorie der dunkelsten Seiten US-Amerikas. Ja, irgendwie geht es hier um weibliche Selbstermächtigung gegen den Patriarchen und ja, irgendwie spielt auch die Naivität der Öffentlichkeit im Angesicht real existierender Gefahren eine Rolle, aber keiner dieser Aspekte wird so betont, dass er wirklich fruchtbar für eine heutige Auslegung des 400 Jahre alten Dramas werden könnte.

Auch die englische Übersetzung bleibt insgesamt zu nah am französischen Original, um modern zu werden – die beibehaltenen Verse verleiten die Schauspieler*innen, trotz all ihres offensichtlichen Talents, dazu, den Text zu leiern und mit seltsamer Betonung auf den Endreim aufzusagen, der regelmäßig die Bedeutung des Gesagten untergräbt.

Wirkungsvoller Cracker-Slapstick

An der politischen Aktualisierung mag die Inszenierung also scheitern, im Kleinen funktioniert sie aber sehr wohl. Die Inszenierung schafft es, die molièreschen Slapstick-Elemente gekonnt so umzusetzen, dass sie auch für das Publikum des 21. Jahrhunderts zum Lachen sind. Wenn etwa Tartuffe, während er (vermeintlich) von Elmire verführt wird, langsam einen trockenen Cracker zum Mund führt und hineinbeißt, dann hat das durchaus komische Qualität. Alle Schauspieler*innen haben ein beeindruckendes Gespür für Körper und Raum, nutzen kleinste Gesten, um ihren Figuren Charakter verleihen.

Angenehm ist der Schlussapplaus: Die Schauspieler*innen kommen alle einmal auf die Bühne, das Publikum applaudiert, dann gehen alle nach Hause. Im Vergleich zu den Klatschorgien, zu denen sich das deutsche Publikum auch bei höchst mittelmäßigen Leistungen genötigt sieht, scheint das wesentlich sinnvoller und die Leistung der Darsteller*innen keineswegs zu wenig zu würdigen.

Dass die Inszenierung sich nur marginal von einer professionellen Aufführung unterscheidet, liegt daran, dass hier keine Laien am Werk sind: Am Theatre Department der University of Arkansas können Studierende einen praktischen Bachelor oder Master in Theater abschließen, mit Schwerpunkten wie Schauspiel, Regie, Kostümdesign, Lichttechnik oder Stückeschreiben. Der Bewerbungsprozess ist aufwendig, nicht wenige Absolvent*innen verschlägt es nach dem Abschluss an den Broadway und Theater in ganz Amerika. Das Department hat nicht nur mehrere eigene Theater, sondern arbeitet auch zusammen mit dem lokalen professionellen

Reihe

Litlog-Redakteurin Hanna Sellheim studiert zwar für ein Semester in Arkansas, bleibt dem Göttinger Online-Feuilleton aber treu. In unregelmäßigen Abständen berichtet sie in der Reihe »Abenteuer in Arkansas« über ihre kulturellen Erlebnisse in den USA.

 
 
TheatreSquared. Sowohl die Studierenden als auch Mitarbeitende der Uni inszenieren jedes Semester mehrere Stücke; auf Tartuffe folgen In the Book of, ein »contemporary re-imagining of the biblical story of Ruth«, und Heathers the Musical sowie Regie- und Drama-Festivals. Der Spielplan ist also kulturell sowohl mit Highbrow als auch mit Lowbrow durchsetzt, die Aufführungen ziehen die gesamte Studierendenschaft an.

Studentisches Theater ist gut und relevant – das zu betonen erscheint besonders im Angesicht der aktuellen Lage des ThOP angemessen. Und der Blick an andere Institutionen zeigt, wie wichtig Investitionen in kreative Einrichtungen ist, von deren Existenz die Universität als Mikro-Gesellschaft nur profitieren kann und die schon allein deshalb lohnenswert sind.



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 Veröffentlicht am 28. November 2019
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