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Reihe: Jenseits des Kanons
Der Krieg nach dem Krieg

Die mosambikanische Autorin Paulina Chiziane hat mit Wind der Apokalypse ein aufwühlendes Zeugnis über den Bürgerkrieg in ihrem Land vorgelegt. Europäischen Leser*innen bietet der Text Einblick in die Leidensgeschichte einer ganzen Nation, die hierzulande viel zu selten im Fokus steht.

Von Alexander Altevoigt

Mosambik, 1992: Das Land befindet sich (noch) im Bürgerkrieg, der schon seit 1977 wütet. Zwei Jahre nach der Unabhängigkeit von Portugal im Jahr 1975 entbrannte ein unerbittlicher Kampf zwischen der sozialistischen Befreiungsfront (FRELIMO) und der antikommunistischen Widerstandsbewegung (RENAMO), der das Land bis heute prägt. Morde auf offener Straße, Vertreibungen, Landminen und Hungerkatastrophen haben sich tief in das kollektive Gedächtnis und die Landschaft Mosambiks eingebrannt. Inmitten dieser Kriegswirren versucht die junge Paulina Chiziane die Bilder, die sich ihr als Mitarbeiterin des Roten Kreuzes und als mosambikanische Bürgerin täglich auf den Straßen und in den Lagern darbieten, in Worte zu fassen, sowohl literarisch als auch politisch. So schreibt sie 1992 (veröffentlich 1994) in ihrem Essay Eu mulher… Por uma nova visão do mundo (dt. Ich, eine Frau… Für ein neues Welbild):

Die Detonationen der Granaten sind schon Teil der nächtlichen Atmosphäre geworden. Immer und immer wieder zersplittern die Kugeln meine Fensterscheiben. Jede Nacht ist gezeichnet von Unsicherheit. Der allabendliche Abschied, das Gute-Nacht-Wünschen ist wahrhaftig, denn jeder neue Morgen könnte schon nicht mehr Teil unserer Geschichte sein. Genau deshalb verleihe ich meinen Schriften einen Charakter von Dringlichkeit. Ich würde ungerne sterben, ohne mein Werk vollendet zu haben.1

Zu diesem Zeitpunkt hatte Paulina Chiziane bereits einen Roman veröffentlicht: Balada de Amor ao Vento (1990), auf Deutsch im Jahr 2001 unter dem Titel Liebeslied an den Wind veröffentlicht, und war danach für den Text angefeindet worden. Denn viel Aufsehen und noch mehr Ablehnung hatte die Geschichte über eine junge Frau in einer von Polygamie geprägten Gesellschaft erregt. Trotzdem oder gerade deshalb wurde das Buch gut verkauft und ein zweiter Roman ging in Druck. Ventos do Apocalipse (1993), in Deutschland als Wind der Apokalypse noch vor dem Erstlingswerk im Jahr 1997 publiziert, war zeitlich vor Balada de Amor ao Vento abgefasst worden, blieb aber aus verschiedenen Gründen zunächst in der Schublade. Dass Chizianes geschlechtliche Identität als Frau maßgeblich ihre Erfahrung als junge Autorin beeinflusst hat, äußert sie in einem Interview, in dem sie von den Reaktionen auf ihre ersten Texte spricht:

Die Leute schauten mich an und sagten: ›Du weißt, wie man schreibt? Du hast das Vermögen? Wo hast du es erlangt, wo hast du gelernt, was weißt du alles?‹ Tausend Fragen, weil ich eine Frau bin […]. Mein Text konnte gut sein, doch wollte man Schwachstellen darin finden. Die Zeit schritt voran und die Leute sagten: ›Aber sind Sie wirklich eine Frau?‹ Weil ich nämlich bereits das gemacht hatte, was Frauen normalerweise tun; und wenn sie die Grenzen jetzt durchbrechen konnte, dann ist sie keine Frau, sondern ein bisschen wie ein Mann.2

Paulina Chiziane konnte die ›Grenzen‹ tatsächlich durchbrechen und hat sich schnell mit ihren Texten in der Literaturszene des Landes etabliert. Auch Wind der Apokalypse gehört zu den meistrezipierten Schriften der Autorin. Der Roman ist eine intensive Auseinandersetzung mit dem Bürgerkrieg in dem südostafrikanischen Land, der die Schriftstellerin während ihres ganzen jungen Erwachsenenalters begleitete, und muss als schriftliches Zeugnis dieser verheerenden Episode gelesen werden. In einem weiteren Interview spricht Paulina Chiziane nämlich ganz dezidiert von der Verantwortung Literaturschaffender, den Nachfolgegenerationen die Grausamkeiten der Vergangenheit zu überliefern: »Die Literatur kann als kollektive Katharsis fungieren und auch als Erinnerungsraum. Die junge Generation muss wissen, was gestern passiert ist.«3

Krieg und Leid in Vergangenheit und Gegenwart

Dieses Erzählen der älteren Generation, damit die Jungen die Vergangenheit kennenlernen, durchzieht auch den Roman: Regelmäßig setzen sich die Dorfältesten zu den Kindern und Jugendlichen und fungieren als Binnenerzähler, um von früheren Kriegen zu berichten; und sie haben schon einiges er- und durchlebt. Immer wieder spuken Erinnerungen an historische Kriege und die grausame Kolonialzeit im Dorf umher, wo das Geschehen des ersten Teils des Romans stattfindet. Doch auch die Gegenwart belastet die Menschen dort schwer; eine extreme Dürre und Nachrichten vom Bürgerkrieg in den anderen Provinzen machen den Dorfbewohnern das Leben zur Hölle.


Paulina Chiziane by Otávio de Souza via Wikipedia CC BY-SA 2.0

In der ersten Hälfte des Romans steht Sianga im Fokus. Dieser, ein ehemaliger Chef im traditionellen Organisationssystem des Landes, der heute aber entmachtet ist und als verbittert und faul gilt, erhält vom Teufel höchstpersönlich den Auftrag, die Dorfbewohner*innen hinters Licht zu führen. Im Gegenzug, so wird es ihm versprochen, soll er alte Macht wiedererlangen. Der Pakt wird geschlossen, und Sianga stürzt sein ganzes Dorf in ein noch größeres Verderben. Er luchst den Bewohner*innen die letzten Lebensmittel ab, um ein – von Anfang an wenig erfolgversprechendes – Regenritual zu initiieren. Als zu guter Letzt auch noch der Ort von einer blutrünstigen Bande junger Männer, die selber Söhne des Dorfes sind und unter falschem Vorwand von Sianga zu kriegerischen Mördern ausgebildet wurden, überfallen wird, endet Siangas Geschichte in einer Katastrophe. Bei den Tumulten töten sich sein Sohn und seine Tochter gegenseitig, und er selber wird vom lokalen Verwalter zum Tode verurteilt.

Wie ein Dorf zugrunde geht

Dieser erste Teil des Romans zeichnet ein Bild des ländlichen Mosambiks in Zeiten des Krieges und präsentiert fast en passant fundamentale Sorgen und Ängste der Bevölkerung. Die sozialen und familiären Strukturen geraten ins Wanken; Misstrauen und der Glaube an unrealistische Auswege aus der Situation geben sich die Hand. Die menschliche Bereitschaft zu brutalen Taten kommt ungefiltert zum Vorschein. Da wäre zum Beispiel die ambivalente Rolle des Nachwuchses, an dessen Schicksal sich das ganze Dilemma der Situation zeigt. Sollten Babys oder Kleinkinder beispielsweise auf der Flucht im Versteck schreien, läuft die ganze Gruppe Gefahr, entdeckt zu werden. So erhalten Mütter dann auch rasch den Befehl, das Unvorstellbare zu tun: »Frau, das Kind, wird schreien, und wir werden entdeckt. Töte dieses, später werden wir ein neues machen«.4 Zudem werden Kinder in Zeiten großer Hungersnot zur Gefahr: »Der neue Säugling ist unerwünscht in der Familie, er ist ein Rivale, der den Älteren ein Stück Nahrung streitig macht. […] und die liebevollsten Mütter fühlen im Innersten den unaussprechlichen Wunsch, die Früchte ihres eigenen Leibes zu beseitigen«.5 Mehrmals werden die Lesenden Zeug*innen der Kindstötung durch die eigene Mutter. Das Überleben der Erwachsenen und die Sicherheit der Gemeinschaft scheinen wichtiger zu sein als der Nachwuchs.

Andererseits sind die eigenen Nachkommen auch ›nützlich‹ im ökonomischen Sinne. Der alte Sianga möchte beispielsweise Geld mit seiner Tochter Wusheni verdienen: Er verspricht sie einem alten Bekannten, der für die junge Frau einen ordentlichen lobolo zahlen will, eine Art Brautpreis in Form von prächtigen Rindern. Jedoch lassen sich im Text auch Stellen aufspüren, in denen Nachwuchs in Zeiten der Krise ein himmlisches Geschenk und Resultat menschlicher Liebe und Nähe symbolisiert. So nutzen Siangas Tochter Wusheni und ihr Geliebter Dambuza die Tatsache, dass in der jungen Frau Leben heranwächst, als Gelegenheit, ihre Liebe offen zu zeigen und auf diese Weise mitwachsen zu lassen. Auf dem Höhepunkt ihres Glücks beendet die Gewalt, die über das Dorf hereinbricht, jedoch jäh die Beziehung und begräbt alle Wünsche für eine bessere Zukunft. Die schwangere Wusheni, ermordet durch ihren Bruder, und Dambuza, erhängt am Baum aufgefunden, werden zu Symbolfiguren der Hoffnungslosigkeit, die das Leben besonders der jungen Menschen im Dorf prägt.

Auflösung der einen Stimme: polyphone Erzählung

Verstärkt wird dieser Effekt durch die Erzählstruktur und -instanz. Prinzipiell chronologisch angeordnet, sind stellenweise Rückblenden und von der Handlung motivierte Reflexionen der Erzählstimme(n) zu finden. Der Prolog führt in verschiedene Themen des Textes ein: in die Grausamkeit des Krieges, in dem Menschen ihre Kinder opfern; in die Irrationalität der Menschen, wenn ihnen das Blaue vom Himmel versprochen wird; in den

Buch

/
Paulina Chiziane
Wind der Apokalypse
Aus dem Portugiesischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Elisa Fuchs.
Frankfurt am Main: Brandes & Apsel 1997
264 Seiten, 19,50€

 

Autorin

Paulina Chiziane (*1955 in Mosambik) hat beim Roten Kreuz gearbeitet und den Bürgerkrieg hautnah miterlebt. Ihr Roman Niketche über Polygamie in Mosambik ist mit dem wichtigsten Literaturpreis des Landes ausgezeichnet worden. Neben Wind der Apokalypse sind bei Brandes & Apsel zwei weitere Romane auf Deutsch erhältlich.

 
 
menschlichen Egoismus in Krisensituationen. Der Rest des Romans folgt zwar einem klaren narrativen Strang, doch wechseln sich Stimmen und Perspektiven oft ab. Es ist häufig unklar, wer gerade spricht (auch weil Anführungszeichen bisweilen fehlen) oder ob es sich um Gedanken beteiligter Figuren handelt. Einige Passagen wirken wie spontan eingefangene Äußerungen, ähnlich wie im Rahmen einer Dokumentation oder einer Reportage: »Nach der nächsten Kurve kommen die Hügel, wo sich die Angreifer gern verstecken, ein gefährlicher Ort. Ob wir wohl ohne Zwischenfall durchkommen?«6 Es bleibt unklar, ob es sich um nicht gekennzeichnete Dialoge ohne eindeutige Sprecher*innen handelt oder um innere Monologe unbekannter Figuren. So oder so wird diese Erzähltechnik aber dem Anliegen des Romans insofern gerecht, als auf diese Weise die ›Kamera‹ von den als Protagonist*innen wahrgenommenen Figuren wegschwenkt, um die Universalität des Dargestellten zu vermitteln. Die geschilderten Sorgen und Ängste teilen nämlich alle Beteiligten gleichermaßen.

Der Text entwickelt eine Polyphonie, eine Mehrstimmigkeit also, die als Erzählstrategie den Effekt hat, die Autorität der Autorin aufzuweichen und Widersprüche, Divergenzen und Meinungsvielfalt sichtbar zu machen. Neben dieser ungewöhnlichen Einbindung nicht identifizierbarer Stimmen bedient sich Paulina Chiziane auch der klassischen Binnenerzählungen durch Figuren, wie sie eingangs schon Erwähnung gefunden haben. Mündliche Erzählformen einzubinden gilt als typisches Merkmal afrikanischer Literaturen, wenn auch entsprechende Konzepte und Bezugstexte oft nur vage oder problematisch definiert werden. Der Effekt einer Stimmenvielfalt wird dadurch verstärkt, dass am Ende des ersten Teils fast alle namentlich genannten und bis dato als Hauptfiguren wahrgenommenen Dorfbewohner*innen tot sind. Für den zweiten Teil macht das die Fokussierung neuer Figuren notwendig. Auf diese Weise löst Paulina Chiziane die Struktur der klassischen Heldengeschichte auf, denn die Handlung kann auch ohne ihre bisherigen Protagonist*innen voranschreiten.

Flucht, Neuanfang, Katastrophe

Den Überlebenden des Massakers bleibt nicht viel anderes übrig, als zu fliehen. Gemeinsam mit Ankömmlingen aus einer anderen Provinz, denen sie anfangs sehr feindlich gegenüberstehen, machen sich die Dorfbewohner*innen unter dem Kommando von Sixpence, einem Veteranen aus dem Krieg gegen Portugal, auf den Weg. Hier beginnt die zweite Hälfte des Romans, der nun die Umstände kriegsbedingter Binnenflucht offenbart. Die ständige Angst, von feindlich gesinnten, bewaffneten Gruppen entdeckt zu werden, die Ungewissheit, ob auf dem Weg genug Essen und trinkbares Wasser zu finden sein werden, und der Tod als ständiger Begleiter machen aus der Suche nach einem besseren Ort zum Leben den Abstieg in die Hölle. Luftangriffe, Durchfallerkrankungen und wilde Tiere dezimieren die Zahl der Fliehenden.

Nach scheinbar endlosen Strapazen erreichen die Verbliebenen ein Dorf in den Bergen, wo sie ungeahnte Gastfreundschaft erfahren und nach und nach wieder zu Kräften kommen – was sie auch ihre eigene Einstellung gegenüber ›Fremden‹ überdenken lässt. Inmitten einer Phase der Traumabewältigung ist es ironischerweise nun Dauerregen, der die nächste Krise herbeiführt, viele Unterkünfte hinfort schwemmt, Ernten zerstört und neue Krankheiten auslöst. Auf dem Höhepunkt der Misere tauchen – nicht von allen gern gesehene – Hilfsorganisationen im Bergdorf auf, und geschultes Personal klärt die Notleidenden über Gesundheit und Hygiene auf, untersucht alle Kinder und Mütter und initiiert den Bau eines Brunnens. Nach einiger Zeit blüht das Dorf in neuem Glanze: Die Ernte ist üppig, die Laune gut. Bei einem fröhlichen Gottesdienst sollen Kinder getauft und Paare vermählt werden, doch die Glückseligkeit nimmt ein jähes Ende: Die Anwesenden werden von bewaffneten Banden überfallen, und das Dorf wird praktisch ausgelöscht.

»Die Geschichte wiederholt sich«

Es ist ein mindestens ernüchterndes, wenn auch nicht überraschendes Ende. Die Figuren sind von Anfang an zum Leiden verdammt, und die zwischenzeitliche Idylle im Bergdorf darf wohl als letztes Aufbäumen der Hoffnung verstanden werden. Zu Beginn des Romans, als Sianga und andere Ältere im Dorf von den vergangenen Kriegen erzählen, entgegnet jener einem Einwand seiner Frau, dem zufolge all die schlimmen Geschehnisse doch Vergangenheit seien, mit einer scheinbaren Floskel: »Die Geschichte wiederholt sich«.7 Doch gerät das Schicksal der Menschen im ländlichen Mosambik in der Tat zu einer never ending story. Die Ankunft der Geflüchteten im Dorf von Sianga war also eine mise en abyme, eine Spiegelung dessen, was den Dorfbewohnern blühen würde. Denn auch sie, die Geflüchteten, wurden durch Gewalt und Hunger aus dem eigenen Ort getrieben, und den Überlebenden des Massakers ganz am Ende des Romans wird es sicherlich nicht anders ergehen. Es ist abzusehen, dass sie, getrieben von Hunger und Krankheit, sich ebenfalls auf die Suche nach einer neuen Heimat begeben werden. An einer Stelle fasst es die Erzählstimme wie folgt zusammen: »Wer dem Hunger entkommt, entflieht nicht dem Krieg; wer dem Krieg entkommt, ist vom Hunger bedroht«.8 Auch im realen Mosambik drohte sich die Geschichte zu wiederholen, als 2016 die alten Konflikte wieder aufbrachen und die bewaffnete Sektion der mittlerweile zur politischen Partei gewordenen RENAMO die daraufhin geschlossenen Friedensvereinbarungen für nichtig erklärte.

Interessanterweise spielen die Namen RENAMO und FRELIMO als Hauptakteure des Bürgerkriegs im Roman keine Rolle. Paulina Chiziane entpolitisiert den Krieg damit nicht – die politische Dimension kommt im Text zu tragen, wenn die Dorfbewohner*innen die Provinzverwalter anflehen und wenn der Einsatz der internationalen Hilfsorganisationen und besonders deren Geld als »eine neue Form geistiger Kolonialisierung«9 kritisiert werden –, sondern entideologisiert ihn. Den politischen Gruppierungen mangelt(e) es nicht an medialer Präsenz, wohl aber den ›Durchschnittsbürgern‹ weit weg von den politischen Epizentren des Landes, die am allermeisten unter der Gewalt leiden. Die Autorin maskiert die Kriegsparteien als apokalyptische Reiter10, die, wie ein vernichtender Sturm, am Himmel lauern und nach und nach Verderben über das Land bringen. Bedrohung ist Bedrohung; ganz gleich, wer die Luftangriffe fliegt, die Landminen verlegt oder raubend und tötend durch die Orte zieht, zahllose Unbeteiligte leiden und sterben. Im Roman wird nicht um die politische Macht, sondern um das eigene Überleben gekämpft.

Mangelnde Rezeption in Europa: Eine entfernte Welt, die aber zu nah geht

Damit ist der Roman wahrlich keine Wohlfühlliteratur, sondern ein gnadenloser Text, dessen Autorin klar Position gegen rohe Gewalt bezieht. Dass der Text in Europa und in Deutschland wenig bekannt ist, hat sicher auch mit dem Thema und der Darstellung zu tun: Während die – in Europa gerne noch Kolonialkriege genannten – Befreiungskriege als Teil der portugiesischen Geschichte gesehen und dementsprechend viel Beachtung finden, werden die in mehreren Ländern folgenden Bürgerkriege als ›afrikanische Angelegenheit‹ verstanden und wenig aus europäischer Perspektive aufgearbeitet. Noch viel schwerer aber wiegen wohl die Herkunft und die Originalsprache, denn portugiesischsprachige Literatur aus dem subsaharischen Afrika darf zweifelsohne – selbst unter literarisch Versierten – als Nische bezeichnet werden.

Mangelnde Nachfrage und verhältnismäßig wenige Übersetzungsarbeiten bedingen sich so gegenseitig. Neben dem fehlenden Kontakt, über den eine deutsche Leser*innenschaft auf solche Literaturen stoßen könnte, dürfte auch

Reihe

Die ausgetretenen Pfade des literarischen Kanons verlassend setzen die Autor*innen dieser Reihe sich mit Dichterinnen, Denkerinnen, Schriftstellerinnen auseinander, deren Werke oft ganz zu Unrecht im Schatten kanonischer Texte liegen und hier in Teilen neu entdeckt werden können. Weitere Beiträge folgen hier.

 
 
das, was gemeinhin als Geschmack oder Interesse bezeichnet wird und maßgeblich auch von Marketing und Medienpräsenz beeinflusst wird, eine große Rolle spielen. Während in Portugal zwar die kulturell-literarische und auch akademische Community Paulina Chiziane zweifelsohne als eine der besten Vertreter*innen mosambikanischer und portugiesischsprachiger Literatur sieht, sind in anderen Ländern Europas solche Autor*innen fast unsichtbar. Liegt das daran, dass sie ›ferner‹ sind als alles, was zum Westen zählt, aber auf eine unangenehme, brutale Weise eben sehr real? Die kolonialistische Exotisierung und Romantisierung Afrikas ist mittlerweile zwar weniger stark verbreitet, jedoch rückt an ihre Stelle ein undifferenziertes Bild eines armen und chaotischen Kontinents. Das kommt beim Publikum längst nicht so gut an wie das popkulturell angesagte Lateinamerika (das selbstverständlich auch extrem spannende Literatur zu bieten hat). Dass von Seiten einflussreicher Personen aus dem Literaturbetrieb, Beispiel: Marcel Reich-Ranicki, eurozentristische Vorstellungen von ›Kultur‹ den Weg in die Massenmedien fanden und finden, tut dann sein Übriges.11

Dabei ist es umso wichtiger, dass eine europäische und deutsche Leser*innenschaft über den Tellerrand des Mittelmeers und der Sahara blickt und versteht, dass mit der Unabhängigkeit vieler afrikanischer Staaten nicht ›alles gut‹ wurde. Romane wie Wind der Apokalypse bilden zwar auch nur kleinste Ausschnitte aus einem schwer zu fassenden Gesamtbild, aber sie liefern wertvolle Leseerfahrungen. Der Text verkörpert die ambivalenten Empfindungen bei einem solch schwierigen Thema: Einerseits herrscht Fassungs- und Sprachlosigkeit angesichts so viel Leidens; und andererseits spiegelt sich die von Paulina Chiziane erwähnte Dringlichkeit wider, auf dokumentarische, protokollhafte Weise der jungen Generationen des eigenen Landes und der restlichen Welt mitzuteilen, was es bedeutete, den mosambikanischen Bürgerkrieg hautnah mitzuerleben. Gut und wichtig also, dass der Roman in einer (aus öffentlichen Mitteln finanzierten) deutschen Übersetzung vorliegt, was dem Text samt Geschichte dahinter und den deutschsprachigen Leser*innen erlaubt, sich gegenseitig kennenzulernen.

  1. Chiziane, Paulina (2013 (1994)): »Eu mulher…Por uma nova visão do mundo«. Abril. Revista do Núcleo de Estudos de Literatura Portuguesa e Africana da UFF, 5 (10), 199–205. Übersetzung vom Autor.
  2. Paulina Chiziane in: Leite, Ana Mafalda et al. (2012): Nação e narrativa pós-colonial II. Angola e Moçambique. Entrevistas. Lissabon: Colibri, S. 197. Übersetzung vom Autor.
  3. Paulina Chiziane in: Wieser, Doris (2015): »›Os anjos de Deus são brancos até hoje‹. Entrevista a Paulina Chiziane«, in: Rodrigues-Moura, Enrique & Wieser, Doris: Identidades em movimento. Construções identitárias na África de língua portuguesa e seus reflexos no Brasil e no Portugal. Frankfurt a.M.: TFM, S. 289. Übersetzung vom Autor.
  4. Chiziane, Paulina (1997): Wind der Apokalypse. Aus dem Portugiesischen von Elisa Fuchs. Frankfurt a.M.: Brandes & Apsel, S. 11.
  5. Ebd., S. 95.
  6. Ebd., S. 134.
  7. Ebd., S. 24.
  8. Ebd., S. 46.
  9. Ebd., S. 215.
  10. Vgl. ebd., S. S. 35-36.
  11. Auf Aussagen von Reich-Ranicki, dass ›die Afrikaner‹ gar nicht schreiben könnten, verweist der senegalesische Literaturwissenschaftler Moustapha Diallo in der Sendung Das Kulturgespräch vom 06.07.2016 und versucht so, einen Grund für den schwierigen Stand, den subsaharische afrikanische Literaturen auf dem deutschen Buchmarkt haben, zu erklären. Die Ausgabe In die Ferne lesen. Afrikanische Literaturen in Deutschland ist leider nur auf Anfrage und gegen eine Technikgebühr beim Deutschlandfunk erhältlich. Einige Informationen lassen sich aber hier finden.


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 Veröffentlicht am 15. Mai 2020
 Kategorie: Wissenschaft
 von Sophie Taeuber-Arp via Wikimedia Commons gemeinfrei
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