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Eine verlässliche Größe

Vier Wochen lang feiern die Westfalen jährlich in Neuss ein internationales Shakespeare-Festival. Im 400. Todesjahr des Dichters verschaffte sich Stefan Walfort einen Eindruck aus dem nachgebauten Globe-Theater. Am 11. Juni 2016 wurde dort aus dem Sommernachtstraum eine Mittsommernachts-Sex-Komödie.

Von Stefan Walfort

Pferdeporträts, benannt nach Hamlet, Othello, Romeo und anderen Figuren des Shakespeareschen Oeuvres, schmücken die Eingänge einiger Pferdeställe auf der abwegig gelegenen Neusser Rennbahn. Statt Pferden tummeln sich in den Boxen Menschen. Bei einem Glas Wein, beim Pils, beim Snack und der via Lautsprecher übertragenen Stückeinführung stimmen sie sich ein auf die Inszenierung von Woody Allens Sommernachts-Sexkomödie durch das Potsdamer Ensemble Poetenpack. Trotz des EM-Spiels Albaniens gegen die Schweiz sind zirka 400 ZuschauerInnen nach Neuss aufgebrochen. Seit 1991 ist hier eine der Rekonstruktionen des von Shakespeare 1599 mit aus der Taufe gehobenen Londoner Freilufttheaters, des Globes, beheimatet, deren Zahl die der »elisabethanischen Theater im Original« längst übertrifft.1 Das Poetenpack hat sich beim Neusser Festival in den letzten Jahren als verlässliche Größe etabliert. Jenseits dieses Events bringt das Ensemble neben Klassikern von Kleist, Lessing, Tschechow, Tabori, Tucholsky und einigen Gegenwartswerken auch weitere Stücke von Shakespeare auf die Bretter.

Nachbau des Globe-Theaters, Bild: Christoph Krey

Netz aus Doppelspielen

In die Sommernachts-Sexkomödie übernimmt Woody Allen 1982 aus der Shakespeareschen Vorlage nur das zentrale Motiv der Liebeswirren. Auf oft groteske und gerade deshalb so vergnügliche Weise zeigt sein Plot die Abhängigkeit menschlicher Konfliktbewältigungsstrategien von Neurosen und deren Ausprägungsgrad. Was der Allen-Biograf Stephan Reimertz nur als von Allen wiederkehrend aufgegriffenes, mittelschichtsspezifisches Problem »der modernen Gesellschaft« wahrnimmt,2 treibt die Sommernachts-Sexkomödie am Beispiel dreier Paare auf die Spitze: Während eines Landausflugs bandeln drei Männer mit den Frauen der anderen an und verheddern sich in einem Netz ihrer Doppelspiele. Was Reimertz übersieht, ist das Potenzial für Kritik an dem Missbrauch der Machtpositionen, die es den Männern ermöglichen, die Frauen zu Objekten zu erniedrigen ‒ ein Phänomen, das sich weder auf die Zugehörigkeit zu bestimmten Schichten noch auf einen bestimmten Zeitraum begrenzen lässt.

Shakespeares Spiel im Spiel, den Versuch einer Laientheatertruppe, Ovids Tragödie über den Doppelsuizid der Thisbe und des Pyramus aufzuführen, streicht Allen ebenso rigoros wie die Flucht Lysanders und Hermias vor den herzoglichen Heiratsplänen sowie ihr Hereinplatzen in den Ehekrach des Elfenkönigs Oberon. Einzig den Elfen Puck (Arne Assmann) fügt das Poetenpack seiner unter dem leicht variierten Namen Mittsommernachts-Sex-Komödie inszenierten Woody Allen Adaption wieder hinzu.

Sex auf dem Esstisch und blutiger Kuchen

Mit grün gefärbtem Gesicht und einem Geweih auf der Stirn schleicht Puck als erster auf die Bühne ‒ vorbei an einem Wald, der sich im Hintergrund abzeichnet, vorbei an drei großen, goldenen Bilderrahmen. Mit einem Didgeridoo ahmt er das Sausen abgeschossener Pfeile nach. Mit Stielaugen inspiziert er einen Esstisch, der inmitten eines der Rahmen platziert worden ist. Puck ist es, der das Verwirrspiel, in das die ProtagonistInnen hineinschlittern, auslöst, indem er ihnen einige Pilze serviert. Lediglich Maxwell (Rainer Gabriel), ein bislang in die Krankenschwester Dulcy (Barbara Fressner) verliebter Arzt und Aufschneider, traut sich, davon zu essen. Daraufhin verguckt er sich in Ariel (Nadine Rosemann). Diese jedoch will am kommenden Tag den Autor und Kunstkritiker Leopold (Willi Händler) heiraten. Der wiederum baggert hinter ihrem Rücken Dulcy an, spielt mit ihr Schach, belehrt sie süffisant darüber, dass die Tiere auf dem Brett nicht »Hengste«, sondern »Springer« genannt würden, bohrt nebenbei nach, ob sie schon mit älteren Männern geschlafen habe und ob sie sich vorstellen könne, sich zu späterer Zeit für ihn »frei[zu]machen«. Wiederholt bedrängt er sie mit seinen Sexphantasien.

Andrew, ein Börsenmakler und belächelter Erfinder von Fluggeräten, Geisterkugeln, Geräten zum Entfernen von Fischgräten und allerlei ähnlichem Schnickschnack, versucht derweil seine Ehe zu retten: In der Hoffnung auf fachkundige Hilfe gegen seine erektile Dysfunktion zieht er ausgerechnet seinen Konkurrenten Maxwell ins Vertrauen. Die Panik seiner Gattin Adrian (Gislén Engelmann) blendet er aus. Nichts erschüttert sie nachhaltiger als die Idee, dass Dritte etwas über ihr Sexualleben erfahren könnten. Als die beiden von den vier anderen beim Kopulieren auf dem Esstisch erwischt werden, könnte die Schmach für sie kaum größer sein, für das Publikum kaum amüsanter. »Irgendwie ist unsere Ehe ranzig geworden«, so resümiert Andrew, und deshalb kann er sich vorstellen, seinen Gefühlen für Ariel, mit denen er ohnehin seit Beginn des Ausflugs hadert, freien Lauf zu lassen. Der Versuch, beim Buhlen um die Gunst Ariels gegenüber Maxwell die Oberhand zu gewinnen, scheint zunächst aussichtslos zu sein. Dann jedoch zerstört Maxwell mit Erpressungsversuchen jegliches Vertrauen von ihr. Elf Minuten räumt er Ariel ein, um sich von Leopold loszusagen; andernfalls werde er sich erschießen: »Dein Hochzeitskuchen wird mit Blut besudelt sein.«

Elitäres Gehabe und dummdreister Impetus

Als Leopold gewahr wird, dass Maxwell ihm seine Braut abspenstig zu machen droht, feuert er auf dessen Brust einen Pfeil ab. Maxwell überlebt, Leopold bereut seine Tat, und da es Andrew gelingt, mit einer Geisterkugel den Zauber der Pilze aufzuheben, fügt sich alles zum Guten. Die zweieinhalbstündige Aufführung endet mit anhaltendem Applaus. Zu Recht ist es Arne Assmann, der den lautesten Beifall einheimst, denn als Puck hat er virtuos die Szenen mit Musik untermalt: Mit einem Saxophon-Solo hat er dem Servieren der Pilze etwas Schelmisches verliehen, mit der Querflöte bei einem Federballspiel Andrews und Adrians das Zischen des Balls imitiert und auf der Akustikgitarre während des Geschlechtsakts der beiden »My Bonnie is over the Ocean« geklimpert und ihnen mit einer gehörigen Portion Wehmut in der Stimme die Wollust vergällt. Willi Händler überzeugte in der Rolle Leopolds durch bestechend elitäres Gehabe. Verse notierend und deklamierend stolzierte er durch die Gegend ‒ immer darauf bedacht, dass es bloß niemand übersehe. Rainer Gabriel als Maxwell hingegen fehlte es nicht an dummdreistem Impetus, als er beispielsweise Dulcy ein billiges Blümchen ‒ »von Nanu-Nana«, wie er betonte ‒, als Präsent in die Hand drückte oder als er nach dem Verspeisen der Pilze einen Vergiftungsanfall mimte, womit er allen anderen einen gewaltigen Schrecken einjagte, und so barg die Personenkonstellation von Anfang an reichlich Konfliktpotenzial. Summa summarum lässt sich dem Poetenpack ein spaßiger Theaterabend verdanken. Vermutlich werden die ZuschauerInnen das Ensemble auch in den kommenden Jahren nicht missen müssen.

Minimum an Interaktion

Aussichten, die besondere Atmosphäre des Globe-Theaters auch in Neuss zu erleben, wurden jedoch enttäuscht. Die Neusser Globe-Rekonstruktion weicht nämlich in entscheidender Hinsicht vom Original ab: Anders als im 16. Jahrhundert existiert keine in die Mitte des Parketts hineinragende Bühne, um die sich die ZuschauerInnen drängen. Auch ist es durch die geschlossene Decke, durch das Spiel mit Kulissen und Licht ein Leichtes, Illusion zu erzeugen. Zwar setzte der Regisseur Andreas Hueck solche Mittel nur sparsam ein, aber dennoch erinnerten die Bühne und der Zuschauerraum an das typische Guckkasten-Modell, das den SchauspielerInnen nur ein Minimum an Interaktion mit dem Publikum abverlangt.

Was das Shakespeare-Festival vielmehr auszeichnet als der Nachbau des Globes, sind die internationalen Gäste, mit denen es jährlich aufwartet. Im 400. Todesjahr des Dichters war unter anderem das Flute Theatre eingeladen und hatte der RP-Rezensentin Helga Bittner zufolge mit einer »mit Bravour« gespielten Hamlet-Deutschlandpremiere geglänzt.3 Außerdem mit dabei: Die Londoner Mountview Academy of Theatre Arts mit einer Julius-Caesar-Interpretation und die französische Compagnie 13 mit dem Kaufmann von Venedig. Vom 27. Mai bis zum 25. Juni stellten die SchauspielerInnen in 15 Produktionen, an 37 Spielterminen ihr Können unter Beweis. Getreu dem Motto Shakepeare and beyond stand das Festival dieses Jahr im Zeichen der Inspiration wegweisender Künstler durch das Shakespeare’sche Wirken. Daher wundert es nicht, dass die bremer shakespeare company mit Schillers Maria Stuart einem der einflussreichsten Shakespeare-Bewunderer Tribut zollen durfte.

Wer die Wartezeit bis zum nächsten Jahr zu überbrücken sucht oder wem die Fahrt nach Neuss zu weit erscheint, dem sei empfohlen, sich die Mittsommernachts-Sex-Komödie im November im Stadttheater Minden anzusehen oder andere Stücke aus dem Repertoire des Poetenpacks, beispielsweise in Hameln oder in Wolfsburg, zu genießen.

  1. Vgl. Suerbaum, Ulrich, Shakespeares Dramen, Tübingen/Basel ²2001, S. 50.
  2. Vgl. Reimertz, Stephan, Woody Allen. Eine Biographie, Reinbek 2000, S. 14.
  3. Vgl. Bittner, Helga, Die zwei Seiten des Hamlet, 15.06.2016, Url: http://www.rp-online.de/nrw/staedte/neuss/die-zwei-seiten-des-hamlet-aid-1.6048413 (letzter Aufruf: 24.06.2016).


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 Veröffentlicht am 18. Juli 2016
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