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Ratgeber für Luschen

Die schwedische Cartoonistin Nanna Johansson zeichnet bissige, absurde Comics über Gesellschaft und Geschlechterstereotype. Die stimmen heiter – und machen ob ihrer allgegenwärtigen Relevanz auch traurig. Besonders hat sie es auf Ratgeberliteratur abgesehen.

Von Laurenz Pothast

Auf dem lukrativen Markt der Ratgeber für (Öko-)Lifestyle, Mode, Schönheit, Selbstoptimierung und Naturnähe erscheint eine subversive Mitstreiterin: die schwedische Zeichnerin und Radiomoderatorin Nanna Johansson mit ihrem Comic Natürliche Schönheit. Die Zielgruppenfrage klärt ein Blick auf den

Buch


Nanna Johansson
Natürliche Schönheit
avant-verlag: Berlin 2019
160 Seiten, 20,00 €

 
 
Buchrücken: »Jetzt hörst du mir mal zu, du Lusche.« Einmal Selbstbild dekonstruieren, bitte. Aber Achtung: Die Lektüre könnte den für Ratgeberliteratur unerwünschten Nebeneffekt des Nachdenkens (innerlicher Vorgang, nicht schminkbar) haben. Aber keine Angst: Jede*r ist weiterhin seines eigenen Glückes Schmied. Und wer sich nur richtig anstrengt, entdeckt doch irgendwann die eigene ›Schönheit‹. Oder?

Johansson verbindet in sieben Kapiteln spitzfindige Alltagsbeobachtungen, Medienkritik und Geschlechterstereotype. Wie letztere von alltäglichen und professionellen Witzemacher*innen instrumentalisiert werden, wird immer wieder thematisiert. Dadurch deckt Johansson unausgesprochene Vorannahmen auf, deren Allgegenwärtigkeit und Alltäglichkeit eigentlich nur traurig stimmen können. Sie wendet ihre Beobachtungen aber ins Humoristische, wenn etwa man*frau sich über den neuen Hund unterhält: Ein sympathisches Tier sei dieser, »wenn nur sein Arsch nicht so fett wäre.« Oder Männer jammern in der Kneipe über die Bilderflut von »Klitoris-Close-Ups« auf Datingportalen:

Joa, deine Muschi ist feucht, aber bevor du sie mir zeigst, könntest du vielleicht mal hallo sagen?

Wer diese Umkehrung der Verhältnisse ebenso witzig und erhellend findet wie der Rezensent, dem sei an dieser Stelle der französische Netflixfilm Kein Mann für leichte Stunden (2018) empfohlen.

Wie Normen (re-)produziert werden

Zwischen Schminktipps (mehr auftragen) und Diät-Rezepten (weniger essen) finden sich kleine Serien von Strips zum Voyeur-Fernsehen oder zu schnelllebigen Modetrends. Die Tendenzen der Ernährungs- und Selbstoptimierungsberatung, Körper nach unrealistischen Normen zu beurteilen, werden schonungslos aufbereitet. Innerlichkeit wird mithilfe genormter Glückssymbolik ausgestellt, Persönlichkeit und Grauzonen sind unerwünscht. Ob der Hase vielleicht schon immer so lief, fragen die »historischen Frauenzeitschriften«: Im Spiegel der Zeiten sorgt sich Wikingerin Freya um ihre Figur während des Mittwinterfests (»weniger Met!«), die mittelalterliche Hildegard braucht Tipps für das Bestehen der Wasserprobe und Wild-West-Jane sucht Beschäftigung, während ihr Mann »Ureinwohner metzelt«.

Das titelgebende, vielleicht nervigste Buzzword im Bullshit-Bingo der Perfektionierungsindustrie lautet indes ›Natürlichkeit‹. Daher die vielen Tiercartoons, aber bitte auf keinen Fall Analogien zum Menschen herstellen. Wenn etwa der an extra-3-Katholi erinnernde Papst uns seine Lieblings- und Hasstiere vorstellt. Lieblingstiere: Aufopfernde und jungfräuliche Weibchen. Platz eins im Negativranking: Das Pferd, denn, na klar, es kann selbstbestimmt Schwangerschaften abbrechen. Ähnliches gilt für die Modeindustrie: Zwei Schnecken im gleich gemusterten Gehäuse, eine Frage: »Wer trug es besser?« Wer bestimmt hier eigentlich für wen, wie man*frau auszusehen und sich zu verhalten hat?

Eigenständig, skurril, absurd

Auf teils skurrile, manchmal obszöne und sicherlich eigene Weise schreibt und zeichnet Nanna Johansson ihren kritischen Katalog. Mal benutzt sie Bilder als Zeichenhintergrund, mal genügt ihr etwas schroffer Zeichenstil, der menschliche Schwächen so gut in den Vordergrund zu schieben vermag. Als originell erweist sich auch der Humor, der in den nicht eindeutig kritisierenden Comics zum Selbstzweck wird. Einige Pointen zielen etwa ins Absurde, Groteske, und sicherlich empfinden Leser*innen unterschiedlich, ob diese landen. Der Vergleich mit Liv Strömquist (Der Ursprung der Liebe, der Ursprung der Welt) und Daria Bogdanska (Von unten), deren Graphic Novels auf Deutsch ebenfalls im Berliner avant-Verlag erscheinen, liegt nahe, wenngleich Johansson auf durchgehende Narration verzichtet. Was also bleibt, wenn das gesellschaftliche Denken über männlich und weiblich gelesene Personen dekonstruiert, ja zertrümmert wurde? – Die vom Klappentext empfohlene »mittelfristige Anregung zum kritischen Denken«.

Was Johansson wohl zu Gwyneth Paltrows neuer Kerze – Duftmarke: »This Smells Like My Vagina« (»Riecht wie meine Vagina«) – zu sagen hat?



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 Veröffentlicht am 14. April 2020
 Kategorie: Belletristik
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