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Slam auf Slam

Am 3. Advent heißt es wieder einmal: Bühne frei für den Poetry Slam! Mit Florian Wintels als featured poet startet im Jungen Theater der letzte Poetry Slam Wettbewerb für das Jahr 2018. Als geladene Gäste mit dabei sind Eberhard Kleinschmidt, Florian Langbein, Rebecca Heims und William Laing.

Von Sonja Nierste

»Advent, Advent, ein Lichtlein brennt« – so lädt der Poetry Slam Göttingen am 16. Dezember zu einem weiteren in einer ungezählten Reihe erfolgreicher Poetry Slams ein, die monatlich im Jungen Theater in Göttingen stattfinden. Dass sie erfolgreich sind, ist auch für Erstbesucher*innen erschließbar, wenn es von erfahreneren Besucher*innen heißt, der Raum sei lediglich »relativ voll«, obwohl die Stuhlreihen bis auf wenige Ausnahmen gefüllt sind und nur der Teppich vor der Bühne noch Platz bietet. Diese Lücke zwischen erhöhter Bühne und Sitzreihen schließt sich jedoch schnell: Da es zur nahenden Weihnachtszeit gehöre, enger zusammenzurücken, verlegen die Moderatoren Felix und Joachim kurzerhand die Bühne nach vorne und ziehen auf den Teppich um. Zu beiden Seiten von Zuschauer*innen eingerahmt, die entlang der Wände sitzen, führen sie mit vielen kleinen Anekdoten entspannt und souverän durch das Programm.

Eröffnet wird der Abend wie meistens von einem bekannteren Gesicht: Florian Wintels, der 2013 und 2016 die niedersächsischen Meisterschaften im Poetry Slam gewann und zweimal im Finale der deutschlandweiten Meisterschaften stand. Erfahrung und Talent sind ihm anzumerken: Mit zwei Liedern (Besser und Mein Auto), leitet er sich selbst auf der Gitarre begleitend stimmungsvoll in den Wettbewerb ein und zeigt mit viel Witz und gezielter Stimmmodulation, was eine gute Performance ausmacht und wie viel kreativen Raum ein weiter Begriff von »Poetry Slam« eröffnet.

Florian Wintels (Foto: Jessica Szturmann)
Von »Humus-Stürmen«, Zombies und Studierenden-WGs

Eine inhaltliche Beschränkung gibt es nicht, und so bieten die Slammer*innen beider Runden eine Vielfalt an Themen und Perspektiven: Florian Langbein lässt wiederauferstandene Horrorgestalten abstruse Unterhaltungen über Politik und die Vorzüge eines Sarges als Behausung führen. Rebecca verschlüsselt Kritik am oberflächlichen Miteinander in einer Alltagserzählung über Konversationen. Sophie klare Worte für das Gefühl des Verlorenseins und das »Manchmal« unseres Zeitalters; Swantje sucht nach dem Ursprung von »Heimat« in einem Text über das Reisen. In einem Rückblick auf das Jahr deutet Jakob Shitstorms zu fruchtbaren und somit positiven »Humus-Stürmen« um, Eberhard erzählt vom Leiden einer Weihnachtspute auf ihrem Weg von der Geflügelfarm bis auf den Esstisch. Mal steht das Thema mehr im Vordergrund, mal der Witz, mal die Struktur oder die Stimme, mal die Unterhaltung und mal die Botschaft, doch eines haben alle Texte und Vortragenden gemeinsam: Sie zeigen, dass beim Poetry Slam nicht nur das Wort an sich, das Thema oder der Stil wichtig sind, sondern auch ein wenig Schauspielkunst.

Poetry Slam

Beim Poetry Slam handelt es sich um einen Dichter*innen-Wettstreit, bei dem die sogenannten Slammer*innen unter bestimmten Bedingungen mit selbstgeschriebenen Texten gegeneinander antreten. Die Bedingungen können sich je nach Veranstalter*in unterscheiden, beinhalten aber i.d.R. eine Zeitbegrenzung, ein Verbot von Requisiten und die Bedingung, dass der vorgetragene Text selbst verfasst wurde. Das Textgenre ist frei wählbar, von Kurzgeschichten über Lyrik, Rap, Prosa, Limericks bis zu Mischformen ist alles erlaubt. Den Sieger oder die Siegerin der jeweiligen Runde bestimmt das Publikum.
 

Göttinger Slam

Wettbewerbsbedingungen im Jungen Theater: Selbstgeschriebene Texte, maximal sieben Minuten Redezeit, keine Requisiten oder Kostüme.
Ablauf: In zwei Runden treten acht Slammer*innen gegeneinander an. Die Teilnehmer*innen kommen teilweise von außerhalb, die anderen werden am Vorstellungsabend zufällig ausgelost. Interessierte können sich bis kurz vor Beginn in die »offenen Liste« eintragen, die am Eingang ausliegt.

 
 

Denn ein Poetry Slam ist mehr als ein bloßer Vortrag, er ist ein Gesamtkunstwerk. Das beweisen auch die beiden, die nach zwei kurzweiligen Runden im Finale stehen: Rebecca Heims (Grenzposten) und William Laing (Ich mag dich – als Freund). Rebeccas Thema sind Grenzen: Sie erzählt von ihrer Fahrt nach Osterburg, wo einst die Grenze zwischen BRD und DDR verlief, und in diesen Rahmen bettet sie die Frage nach unseren oft unbewussten Denkmustern und einem surrealen Grenzempfinden ein. Denn: »Grenze ist etwas, das im Kopf entsteht. Ob du sie zum Nächsten, zum Nachbarn oder als Land auslebst.« Ihre ruhige Stimme harmoniert gut mit der nachdenklichen Stimmung ihres Werkes und fängt die Aufmerksamkeit des Publikums mühelos ein. Williams zweiter Auftritt steht dazu in einem interessanten Gegensatz: Sein Slam ist schnell, beinahe hektisch, und reißt seine Zuhörer*innen einfach mit. Seine Stimme springt bewusst zwischen Laut und Leise, gezielt gesetzte Gesten unterstreichen die Komik oder Tragik eines Moments, während er in Dialogform von dem Gefühl erzählt, in der sogenannten Friend-Zone zu landen. Ein gutes Wortspiel jagt das nächste, ein Talent, das er auch schon in seinem ersten Text (Willst du mit mir schlafen?) unter Beweis stellte.

In ihrer Verschiedenheit sind beide Texte Beispiele für gelungenen Poetry Slam: Grenzposten arbeitet gezielt mit Strukturen, setzt Überschrift für Überschrift, Grenzposten für Grenzposten und wählt einen realen Ausgangspunkt, um auf eigentlich bekannte, aber oft unbewusste Denkstrukturen hinzuweisen. Ich mag dich – als Freund dagegen nimmt ein bewusst empfundenes, eigentlich sehr schmerzhaftes Gefühl auf und überspitzt es mit einer guten Performance, einem schnellen Tempo und geschickten Wortspielen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass nach einem vorläufigen Unentschieden ein zweites Mal abgestimmt werden muss, ehe William als knapper Sieger feststeht.

Die beiden Moderatoren links Felix, rechts Joachim mit den Finalist*innen Rebecca und William (Foto: Jessica Szturmann)
Ein Gewinn für Jeden

Es lässt sich schwer bestreiten, dass die angereisten Slammer*innen durch die bereits gesammelte Erfahrung einen Vorteil gegenüber der offenen Liste haben. Doch zum Ausgleich wird einer der beiden Preise – zwei Bücher – an eine*n Teilnehmer*in der offenen Liste vergeben. Diesen gewinnt Jakob mit seinem Text über »Humus-Stürme«, Sieger des Finales wird William. Im Grunde ist der Preis jedoch nur symbolisch zu verstehen, denn das Publikum bestimmt die Gewinner*innen durch ein Klatschsystem ohne feste Regeln – wer mag, kann also für alle Teilnehmende gleichlaut klatschen und braucht sich nicht zu entscheiden. Was dadurch in den Vordergrund rückt, ist die Erfahrung und der Spaß am Vortragen und Erleben von Poetry Slam: Die offene und entspannte Atmosphäre ist perfekt, um sich selbst einmal als Slammer*in auszuprobieren oder einfach zwei Stunden kreativer Vielfalt in ihren Anfängen und Fortschritten zu genießen.



Metaebene
 Autor*in:
 Veröffentlicht am 7. Januar 2019
 Auf dem Titelbild die Slamer*innen von links nach rechts: Franzi, Jakob, Sophie, Florian Langbein, Swantje, William, Rebecca, Eberhard und Debora. Foto: Jessica Szturmann, mit freundlicher Genehmigung durch den Poetry Slam Göttingen
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