Zerstreute persönliche Abrechnung

Elfriede Jelinek zeichnet sich in Angabe der Person wie gewohnt durch ihren Zynismus und ihre systemkritische Position aus. Eine Auseinandersetzung mit der Existenzfrage prägt ihren Gedankenstrom, in dem sie sich manchmal leider verliert.

Von Lucie Mohme

Bild: Via Pixabay, CC0

Die großen Bücher des Jahres 2022 neigen zum Genre der gesellschaftskritischen Autobiographie. Erst gewann Annie Ernaux den Literaturnobelpreis  und der Deutsche Buchpreis ging an Kim de l’Horizon. Auch Elfriede Jelineks im Dezember 2022  veröffentlichtes Werk Angabe der Person folgt diesem beliebten literarischen Genre. Die Autor:innen stehen mit kennzeichnenden Stilen alle für sich, obwohl sie sich in der Direktheit ihrer ungeschönten Worte doch vergleichen lassen. Die Literaturnobelpreisträgerin Jelinek ist für ihre scharfzüngige, ironische und elliptische, manchmal auch Bewusstseinsstrom-artige Eigenart des Schreibens bekannt. Diese Ausdrucksform sagt einem:r zu oder sie bleibt einem:r fern, aber auch für Advokat:innen ihres Schreibstils ist ihr neuestes Buch streckenweise überaus zäh und verzettelt.

Eindringen ins Private

Anlass des autobiographischen Zusammenwurfs und der Lebensabschnittserinnerungen ist ein steuerliches Ermittlungsverfahren gegen Jelinek, wobei von offiziellen Papieren bis hin zu persönlichen E-Mails einiges gegen Jelineks Willen durchsucht wird. Grund sind angeblich die zwei Wohnsitze München und Wien, aber der genaue Vorwurf ist nicht bekannt. Wie eine wüste und unangemeldete Durchsuchung fühlt sich Angabe der Person aber nicht nur aufgrund des unstrukturierten Stils an. Die Worte stehen für den Hass der Autorin gegen den Staat, den Umgang mit Geflüchteten, den Wirecard- und Cum-Ex-Skandal sowie die Erinnerung an das Schicksal verfolgter Menschen während der NS-Zeit. Viele Themen finden ihren Weg in ihr biographisches Erinnerungswerk und zeigen, wie persönlich nicht nur jedes ihrer Werke ist, sondern dass Jelinek sich mit der Druckertinte ganz persönlich auf den Seiten dieses Buches wiederfindet.

Überall, wo wir nicht sind, ist ebenfalls nichts, und nichts bleibt, nur diese eine riesige, weite Leere. Und deshalb wollten sie vielleicht alles von mir, aber das alles ist nichts.

Ihr Gedankenstrom driftet immer wieder ins Existenzialistische ab, wobei dies bei einer gesellschaftskritischen und auch systemaufwühlenden Autorin wie Jelinek nicht verwunderlich ist. Oft dreht sich ihre Seinsfrage um ihr Widerstreben gegen die Staatsmacht und die Erwartungen, die vielleicht auch ihre jüdischen Vorfahren stellen. Letztendlich kommt es zur Genugtuung gegenüber den Behörden, die nichts finden. Jelinek obsiegt mit ihrem blanken Meinungsbild, das sie vom Staat und der Gesellschaft hat, indem sie radikal ehrlich ist. Der Versuch der bayerischen Finanzbehörde, Jelinek als die Bösewichtin zu entlarven, scheitert. Die Wut des ganzen Vorfalls ist der Autorin anzumerken, sie wählt jedoch die Möglichkeit, sie in nüchterner bis hin zu poetischer Selbstironie zu verarbeiten.  

Überwältigendes Durcheinander

Die Zeilen laden dazu ein, sich auf die Autorin einzulassen. Der ein oder andere eingeworfene Gedanke kann mal verwirrend sein, denn der Text ist wie ein persönlicher Blick in Jelineks Zuhause. Zwar kommt man dem Wesen und den Ansichten der Autorin näher, jedoch fehlt öfter die Struktur, womit es für die Leser:innen mitunter schwierig wird, den Faden nicht zu verlieren.

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Elfriede Jelinek
Angabe der Person

Rowohlt: Hamburg 2022
192 Seiten, 24,00€

Die bewährte Wortgewalt Jelineks kann funktionieren. Aber das Durcheinander ist gewöhnungsbedürftig. Vielleicht ist die Uraufführung von »Angabe der Person« am Deutschen Theater Berlin, die im Dezember Premiere feierte, dafür hilfreich. Der Regisseur Jossi Wieler überlässt in der Inszenierung zwar viel dem Text, so Michael Laages in Die Deutsche Bühne, doch die drei Schauspielerinnen »erfüllen sie in grandioser Konzentration Jelineks Gedanken-Strom mit so viel Leben und doch mit so wenig Spiel wie möglich.«. Jelineks Worten fehlt es nie an einer gewissen Prise Dramaturgie, die auf der Bühne ihre volle Wirkmacht entfalten kann und Besucher:innen fesselt.

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