Der nüchterne Weltuntergang

Theresia Enzensberger nimmt uns in ihrem für den Deutschen Buchpreises 2022 nominierten Roman Auf See mit auf eine Recherchereise in die Tiefen des Fanatismus. Doch die »Seestatt« ist kein Urlaubsziel: Die utopisch anmutende, schwimmende Stadt vor der Ostsee wird bei genauerem Hinsehen zu einem dystopischen Albtraum. Die neoliberale Gesellschaft im Roman hinterlässt bei allen Figuren ihre Spuren.

Von Ivana Schwanzer

Bild: Via Pixabay, CC0

Theresia Enzensbergers erster Roman Blaupause wurde 2019 mit der Alfred-Döblin-Medaille ausgezeichnet und erzählte die Coming-of-Age-Story einer Studentin am Weimarer Bauhaus im Blogger-Stil. Der ebenfalls vom Hanser Verlag veröffentlichte neue Roman der Autorin mit dem Titel Auf See erzählt nun aus der Sicht von zwei Figuren: Die Ich-Perspektive erhalten Leser:innen durch die 17-jährige Yada, die auf der »Seestatt«, einer unabhängigen, autarken Stadt in der Ostsee, groß wird. Sie wird von ihrem Vater, einem libertären Tech-Unternehmer, regiert. Yada plagt sich mit Schlafwandeln herum und möchte über einen Einblick in das Überwachungssystem der Stadt herausfinden, was sie nachts treibt, während sie tagsüber ihrem strikt getakteten Tagesablauf nachgeht. Sie erfährt von den Gründern der Stadt, ihrer »erkrankten« Mutter, ihren eigenen medizinischen Verschreibungen und dem menschenunwürdigen Mitarbeiterschiff. Für Yada ist die Stadt der sicherste Ort, denn laut ihrem Vater ist die Welt außerhalb am Untergehen.

Eine andere Perspektive bekommen die Leser:innen durch Helena, die anders als Yada auf dem Festland in Berlin lebt, das offensichtlich nicht untergegangen ist. Die Malerin wird ungewollt zu einer kleinen Berühmtheit: Aus purer Neugier gründet sie eine Sekte. Ein orakelartiges Video bringt sie in den Blick der Öffentlichkeit. Plötzlich gilt sie als Kunstfigur. Sie bleibt modernen Technologien und Finanzinstituten fern und sammelt interessante Geschichten und Artikel in einem Archiv, in das wir über einige Kapitel Einblick erhalten. Dies macht sie in den Augen vieler Menschen bewundernswert und ihr Privatleben für etliche Medien interessant. Helena selbst sieht sich als ziemlich normal, auch wenn sie ein sehr zurückgezogenes und trostloses Leben fristet. Leider beginnt die von ihr gegründete Sekte sich nach ihrem Ausstieg zu verselbstständigen und zwingt sie aus der Passivität.

Gegenwärtige Dystopien und korrumpierte Utopien

Dystopien reizen damit, dass sie die Zukunft in pessimistisch-beunruhigenden Farben malen. Enzensberger arrangiert dies in ihrem neuen Roman so: Der sachliche Schreibstil wirkt ruhig, doch die beschriebenen Ausgangssituationen erwecken eine mulmige Unruhe. Als würde eine:n inmitten eines brennenden Hauses jemand darum bitten, nochmal Platz zu nehmen. Der Roman beginnt mit dem Gedicht »Darkness« von Lord Byron. Inspiriert von dem Vulkanausbruch des Tamboras 1816, dessen Schwefelmenge in der Atmosphäre die Temperaturen sinken ließ und das »Jahr ohne Sommer« verursachte, erweckt es Endzeitstimmung. Das dystopische Weltgeschehen mit all seinen Kriegen und Umweltkatastrophen ist wie ein Hintergrundstrahlen, das den Text begleitet. Über Helenas Archiv setzt sich allmählich ein Bild zusammen, mit was für einer Welt wir es hier zu tun haben. Und diese ungeheuerlichen Geschichten stellen sich als gar nicht mal so fiktiv heraus und sind stellenweise spannender als Yadas und Helenas Geschichte. Als könne man etwas über die eigene, heutige Realität in den Blick bekommen, das in der Dystopie bereits auf eine:n lauert. Yadas Wohnort wird dagegen so beschrieben:

Vierzig Waben, miteinander verbundene Einheiten türmten sich zwischen zwei Dock- und Essensstationen und einer hochkomplexen Entsorgungsstation auf. Um die Insel herum ein mächtiger Wellenbrecher, dahinter Windräder, soweit das Auge reichte.

Wie im Geiste von Orwells 1984 bildet die Stadt einen kleinen Überwachungsstaat. Doch bis auf die Überwachungskameras ist das Schlimmste, was geschehen kann, dass man von der Inselstadt verbannt wird. Die Geschichte insgesamt geht nicht wie 1984 unter die Haut durch schiere Brutalität, sondern pendelt sich in einer trostlosen und düster aussehenden Welt ein. Auch der Umgang mit Technik führt uns in keine Horrorvorstellungen, sondern wirkt sehr normal. Helena meidet die Technik, da sie schlechte Erfahrungen gemacht hat, während Yadas Zugriff auf Informationen begrenzt wird, weil sie nur auf die Datenbanken des lokalen Intranets der Insel zugreifen kann. Beide sind auf ihre Weise isoliert von der modernen Technologie, auch wenn diese nicht partout verteufelt wird. Die »Seestatt« soll mit eigener Versorgungs- und Entsorgungsanlage inmitten von Klimakrisen eine Utopie sein.

Doch das größenwahnsinnige Projekt hinkt an allen Stellen. Es ist weder selbstständig noch fortschrittlich. Inspiriert von den Weltuntergangsvorstellungen aus dem Silicon Valley finden sich vor dem Bau der »Seestatt« auch die Gründer in einer, wie Enzensberger sagt, »euphorisierten Planungsgeilheit« wieder und arbeiten in einem »fieberhaften Wahn« die schwimmende Metropole aus. »The Seasteading Institute« ist die reale »Seestatt«, die Enzensbergers Geschichte den ersten Denkanstoß gab. Diese Organisation wurde gegründet, um die Einrichtung autonomer Gemeinschaften auf Seeplattformen in internationalen Gewässern zu erleichtern. Der Rest der Welt wird in Extremen beschrieben, die eine Schere zwischen Arm und Reich zeigen. Die im Buch beschriebene Armut, besonders im Berliner Tiergarten, in dem ein »Meer aus Zelten« steht, kauft man Enzensberger ab. Doch der Reichtum, den Helena und einige ihrer Freunde in der Hauptstadt zugleich angeblich haben, erscheint hingegen unrealistisch und wie eine Bequemlichkeit beim Schreiben. Ständig sind irgendwelche Häuser oder Hotelzimmer zur Verfügung und Helena besitzt genug Geld, um mehrere Erwachsene über Jahre hinweg mitzuversorgen.

Pragmatisches Erzählen

Enzensberger erzählt in einem berichtenden Schreibstil. Das heißt: wenige Dialoge, viele innere Monologe und viel erlebte Rede, was sich sehr bedacht und neutral liest. Abwechslung erhält man durch Kapitel, die aus Textfetzen wie einem Zeitungsartikel oder Tagesplan bestehen. Enzensberger ist dabei voll in ihrem Element: Als freie Journalistin für die Frankfurter Allgemeine, Die Zeit und Monopol und als Gründerin des Magazins BLOCK sind Sachlichkeit und Recherchearbeit große Stärken, die sich auch in Auf See bemerkbar machen. Auch wenn der Schreibstil thematisch passend ist, kann er stellenweise etwas zäh wirken. Auf See ist kein Buch, das man leicht verschlingt, daher bietet es sich an, sich für das Lesen Zeit zu nehmen. Der atmosphärische Anfang des Romans auf dem dunklen Meer, dessen Anblick Yada unerlaubt von ihrem Vater heimlich bewundert, macht neugierig auf weitere Geheimnisse der »Seestatt«. Doch auf halbem Wege gibt es ein Stocken im Lesefluss, da die Figuren in ihrem Schaffen nicht vorankommen. Erst nach etwa 100 Seiten fühlt es sich an, als würde die Geschichte wieder zum Leben erwachen.

Figuren ohne Eigenleben

In all der Neoliberalismuskritik bleibt das Zwischenmenschliche etwas auf der Strecke. Das ist insoweit schade, weil die Weichen dafür bereits gestellt sind. Yadas Konstellation mit ihrem Vater oder Helenas eingerosteter Umgang mit ihren Mitmenschen bieten eine Steilvorlage für Konflikte. Die letzten Kapitel erlauben zwar ein Aufeinandertreffen vieler Figuren, wobei auch einige Reibereien entstehen, doch die werden schnell vom Tisch geräumt. Als würde die Geschichte an erwähnten Stellen sich schnell wieder sachlichen Themen widmen wollen. Als Leser:in vermisst man echte Gefühle zwischen den Figuren, die mehr sind als ein bloßer Bericht.

Die sachliche Distanz, die Enzensbergers Stärke ist, wird ihrem Schreibstil zum Verhängnis: Die geopolitischen Themen des Romans, die sich genauso gut für Essays eignen würden, nehmen einen großen Raum ein. Das ist auch in Ordnung, da es thematisch passt, gleichzeitig wird aber alles andere auch in einer berichtenden Sachlichkeit erzählt. Zwar versuchen sowohl Helena als auch Yada, etwas herauszufinden, doch die Nüchternheit im Erzählen ihrer persönlichen Gefühle und Handlungen ist ungünstig. Es wirkt fast so, als hätten Helena und Yada das Ende ihrer Geschichte nur erreicht, um Licht auf Missstände zu werfen, nicht aber um die eigene persönliche und emotionale Entwicklung voranzutreiben. Trotz des großen Potenzials in Hinblick auf die emotionale Entwicklung werden die Figuren schlussendlich für die gute Sache zweckentfremdet.

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Theresia Enzensberger
Auf See

Hanser: München 2022
272 Seiten, 24,00€

Auf See ist für Leser:innen, die mehr über die Abgründe von neoliberalem Fanatismus wissen möchten, interessant. Wer darüber hinwegsehen kann, dass die Geschichte etwas zäh wird und ihre emotionale Figurenentwicklung nicht im Vordergrund steht, kann mit der Lektüre auf eine spannend-finstere Seefahrt aufbrechen.

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