Friederike Mayröcker war wohl eine der bedeutendsten Lyriker:innen des 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Ihre Gesammelten Gedichte 2004–2021 bilden den zweiten Teil ihres lyrischen Werks, das seinerseits nur einen kleinen Teil ihres umfangreichen und vielseitigen Schaffens darstellt.
Von Johanna von der Fecht
»Älterwerden ist furchtbar«, sagte Friederike Mayröcker einmal in einem Interview. Das Furchtbare sei auch, dass Frauen dabei an Würde verlören. Doch wird der Gedichtband, der posthum nun ihr Spätwerk versammelt, von einem Foto geziert, das Mayröcker als Frau in hohem Alter zeigt – das Kinn leicht erhoben, der Blick verschmitzt. Diese Entscheidung erscheint gerade aufgrund ihrer Einstellung gegenüber dem Altern als eine liebevolle, schätzende Geste von Marcel Beyer, kundiger Herausgeber des Bandes und jahrelanger Freund Mayröckers. Das Cover gibt zu verstehen: Mayröcker hatte keinen Grund, sich zu schämen, ist sie es doch, die so voller Lebenslust war und diese in zahlreiche Gedichte übersetzte, die in ihrer Anrufung des Lebens einzigartig sind.
nur nicht enden möge diese Seligkeit dieses Lebens nur nicht enden ich
habe ja erst angefangen zu schauen zu sprechen zu schreiben zu weinen
Die Gesammelten Gedichte 2004–2021 sind im Dezember 2024 zu Mayröckers 100. Geburtstag erschienen, zwanzig Jahre nach der Veröffentlichung ihrer Gesammelten Gedichte 1939-2003. Damals war sie bereits 80 Jahre alt; doch bis zu ihrem Tod im Alter von 96 Jahren setzte sie ihre Schreibarbeit unentwegt fort, weshalb sich auch für diesen zweiten Band eine Fülle von Gedichten ergibt. In Mayröckers Produktivität schlägt sich die Notwendigkeit nieder, mit der sie schrieb: eine Notwendigkeit, um den überbordenden Emotionen Platz zu schaffen und der Schönheit der Welt Sprache zu verleihen. Und dabei entsteht eine eigene Welt, in der Sinneseindrücke und Gefühle auf eine Weise versprachlicht sind, dass sie uns intensiver und prächtiger erscheint als die unsere.
»ich lebe in Bildern«
Es ist der »Konsum«, den Mayröcker wiederholt erwähnt und der den Anstoß zum Schreiben gibt: jener von Gemälden, Musik und Literatur, von der Natur, von Wien und von Begegnungen mit Freund:innen und Fremden. Mayröcker konsumiert. Und will man die Metapher weiterführen: Das Leben ist ihr Nahrung für das Schreiben. Es wird mit einer fast schon kindlichen Begeisterung gelebt, denn alles wird gesehen, gefühlt, geliebt. Sie nimmt alles auf mit diesem zärtlichen, aufmerksamen Blick und vermittelt ihn in ihren Gedichten.
»meine frühen Jahre diese / frühen verletzlichen Jahre«
Während Mayröcker in ihrer früheren Lyrik noch viel stärker über den gegenwärtigen Moment schreibt, weicht dieser in ihrem Spätwerk immer wieder der nun »erleuchteten« Vergangenheit. Nicht immer besteht dabei Eindeutigkeit darüber, ob über Vergangenes oder Gegenwärtiges geschrieben wird, derart ist die Evokation ihrer Erinnerungen. Mit ihren Gedichten überwindet Mayröcker so die Zeit, entkommt beim Schreiben am Morgen ihrem alternden Körper und ist wieder ein Kind im Sommerurlaub in »D.«, eine Frau in Florenz, eine verliebte Frau.
heute an diesem knospenden Morgen August nach fast 75
Jahren 1 Berühren 1 Hinabtasten nach diesem Kind das ich war
gläubig und schweigsam wehmütig beinahe ohne Bewusztsein Stirn-
fransen blasse Augen jetzt nach 75 Jahren bedecke ich beide
Augen mit meinen Händen und weine weine über die verlorene Zeit
»noch immer Hand in Hand mit IHM / durch den groszen Sommer«
Immer wieder ist sie auch bei Ernst Jandl, ihrem Lebenspartner von vielen Jahrzehnten, der bereits 21 Jahre vor Mayröcker verstarb. Jahre später noch trauert sie über diesen Verlust und weint über seine Abwesenheit. Das Schreiben scheint ihr dabei ein Ventil für ihren Schmerz, indem gemeinsam Erlebtes erinnert und imaginiert wird: zum Beispiel wie die beiden nebeneinandergehen, Hand in Hand, schweigend und friedlich. Es entstehen herzzerreißende Liebesgedichte.
wollen wir in den Prater oder
nach Schönbrunn, wir werden langsam
gehen und hie und da uns setzen auf eine
Bank. Die Bäume noch ohne grün aber das
zaghafte Sprieszen der Forsythiensträucher, die
Tränen werden uns kommen vor Glück, wir werden spüren
eines Lebens Anfeuerung.
»die Verwüstung der Sinne im verwitterten Kopf«
Mayröckers freie Verse oszillieren zwischen der Lebensfreude, die Gegenwart wie Vergangenheit huldigt, und der Trauer über die Unausweichlichkeit des endenden Lebens – dem ihrer Geliebten und dem ihren. Denn sie altert. Und dieses Altern vollzieht sich entlang ihres Schreibens und der Gedichte in diesem Band, die größtenteils chronologisch angeordnet sind und vom Verfassungsdatum unten links begleitet werden. Der immer näher rückende Tod schwebt so über den Gedichten und die Angst davor stößt genau dann hervor, wenn Mayröcker von Arztbesuchen schreibt: »und weine heute schon den ganzen Tag / denn meine Ärztin sagt mit dreiundachtzig /musz man sterben : ich aber möchte LEBEN«. Oder dann, wenn sie ihren von Alterszeichen geprägten Körper thematisiert: »hatte gedacht : nie mehr etwas schreiben / können nie mehr wieder aber heute die wallende / Seele (Brust) und das zirpende (zuckende) Auge«. Die Kehrseite ihres so starken Lebens- und Schreibdrangs drängt sich in diesen Momenten als unausweichlich auf.

Gesammelte Gedichte 2004-2021
Suhrkamp: 2024
560 Seiten, 38€
Letztlich muss das Schreiben dem Tod kapitulieren. Doch das Geschriebene bleibt bekanntlich erhalten und mit ihm auch die Lebendigkeit, die Mayröcker in der Begegnung mit Natur, Kunst und Menschen sowie der wachen Erinnerung daran erfuhr – und die wir nun in ihrer Lyrik erfahren:
die Dämmerung jetzt schon um 7, das Licht : versunkene
Rosen windstille Nacht der Vollmond versunken ich liebe die
Welt die eingekehrten Bäume an ihrer Rinde möchte ich kauern
hocken zu ihren Füszen