Eine kollektive Poetik in Form und Inhalt

Zu Thomas Mann passen Assoziationen wie Buddenbrooks, Zauberberg und Nobelpreis. Kai Sina fügt in seinem neuen Buch über Manns politischen Aktivismus diesen Assoziationen Neues hinzu und bricht mit alten Vorstellungen. Nach der Lektüre von Was gut ist und was böse ist die Rezeption von Manns Werken eine andere, sie geschieht nun im Licht demokratischer und politisch-humanistischer Handlungen.

Von Lennart Speck

Bild: Via Wikipedia, CC-BY-SA 3.0

Erst Hans Rudolf Vaget, dann Heinrich Detering und jetzt Kai Sina: Alle drei sind Professoren, die ersteren emeritiert, der letztgenannte folgte 2020 einem Ruf nach Münster auf eine Professur für Transatlantische Literaturgeschichte. Alle drei haben, und das macht den Sinn dieser Aufzählung erst aus, sich mit Thomas Mann und Amerika beschäftigt. Vaget beleuchtet in einer Biographie, die zu einem Standardwerk avanciert ist, Manns Leben in den Staaten. Detering betrachtet unter anderem in einer Studie Manns Verhältnis zur Religion im amerikanischen Exil. Sina hingegen tritt nicht in die Fußstapfen Vagets oder seines Lehrers Detering, sondern geht seinen eigenen Weg: In Was gut ist und was böse entdeckt er Thomas Mann als politischen Aktivisten. Da drängt sich doch die Frage auf: Der biedere Buddenbrooks– und Zauberberg-Autor mit seinen Sätzen, die auf viele Studierende so schwer wirken wie die Gesamtausgabe Manns selbst, soll politisch aktiv sein und sich – eingedenk der frühen Kritik an demokratischen Idealen in den Betrachtungen eines Unpolitischen – für eine wehrhafte und partizipatorische Demokratie einsetzen? Auch ein Buch über Thomas Mann kann dieser Tage überraschen.

Thomas Mann – also doch politisch aktiv!

Für Sina ist der politische Aktivismus Manns Teil der Werkgenese. Der Aktivismus offenbart sich nicht nur in Vorträgen und Abhandlungen, sondern auch in seinem literarischen Werk. Der Essay geht der Frage nach, wie Thomas Mann politischen Aktivismus gelebt hat und sich dieser in seinem Werk widerspiegelt. Bei der Beantwortung der Frage werden verschiedene Textsorten analysiert, denn politisch handelt Thomas Mann sowohl in Romanen als auch in Vorträgen.

Um diese These zu bekräftigen, folgt das Buch Mann von Deutschland über Ägypten nach Amerika und von München nach Los Angeles. Es ist zu lesen, wie er nicht nur in Princeton auftrat, sondern auch mit seinen Vorträgen – auf sogenannten Circuits, Vortragstourneen, die immer noch zum amerikanischen politischen Alltagsgeschäft gehören – durch die USA reist. Das Buch begleitet Mann zum Schluss wieder in die Schweiz, von wo aus der 1938 ins Exil in die USA aufbricht. Die Radioansprachen Manns Deutsche Hörer! sind ein gewichtiger Teil der Analyse, die durch die Beurlaubung der Mitarbeitenden von Voice of America eine traurige Aktualität bekommen. Das Radio war ein Mittel aus dem Exil einen Beitrag für den Frieden zu leisten, da mit dem Radio Zensurgrenzen besser umgangen werden konnten: bestimmte Radiowellen konnten nicht blockiert werden. 1942 im Krieg gegründet sollte Voice of America die demokratischen Werte der USA in die Welt senden. Werden Vergangenheit und Gegenwart miteinander verglichen, zeigt das, wie sehr das Radio für die freie Rede stand und steht, die gegenwärtig in den USA keine laute Stimme mehr hat.

Synergie aus Form und Inhalt

Diese Fülle an Orten geht bei Sina mit einer interessanten Form einher, die im Zusammenhang mit der Bewegung Manns gelesen werden sollte: Seine Kapitel – 19 an der Zahl – sind jeweils in kurze Abschnitte von ca. 3-5 Seiten unterteilt. Auf den ersten Blick scheinen die Abschnitte wohl zu kurz und inhaltliche Schwerpunkte auf recht knappen Raum abgehandelt. Auf den zweiten Blick zeigen sie zweierlei: Was gut ist und was böse ist kein Sach- oder gar Fachbuch, sondern ein Buch, das in einem Publikumsverlag für anspruchsvolle Literatur erschienen ist. Wohlgemerkt liefert Sina einen Anhang von knapp 50 Seiten inklusive Personenregister mit. In engem Zusammenhang damit steht die Form mit dem Land, aus dem er berichtet, und dem Thema, über das er schreibt: Zur DNA der Geisteswissenschaften im anglo-amerikanischen Sprachraum, und damit auch in den USA, gehört der Essay als Form. Somit schlägt sich die meinungsgefärbte und offenere Form auch inhaltlich nieder, die eben durch Erzählen erklärt. Was in anglo-amerikanischen Sachbüchern zum Standard gehört, hat es in deutschen Leitmedien nicht so leicht, obwohl die Sachbücher aus dem anglo-amerikanischen Raum einen beträchtlichen Teil der deutschen Novitäten darstellen. Ein Essay soll zum Denken einladen und kann nicht jeden noch so interessanten Seitenstrang ausarbeiten, was sich in Form, Stil und Länge niederschlägt.

Doch nicht nur das Land, in dem Sina geforscht hat, hatte Einfluss auf die Ästhetik des Essays, sondern auch die Grand Tour Manns durch die Welt von München nach Zürich wird durch die offene Form abgebildet. Vorträge, Ortswechsel, der Zug als Arbeitszimmer, Radioansprachen – diese Vielfalt führt dazu, dass Abschnitt für Abschnitt, Orte und Begebenheiten in den Mittelpunkt gerückt werden, die in einer anderen Form nur durch deutlich mehr Seiten erreicht worden wäre. Sinas Essay vermittelt zwischen einem Ganzen (dem Buch) und einem Teil (den einzelnen Abschnitten). Inhaltlich schlägt sich das auch in dieser vermittelten Form nieder: Das Ganze (der politische Aktivismus Manns) wird durch das einzelne Teil (die einzelnen Handlungen, ob Literatur, Vortrag oder Radioansprache) erklärt.

Demokratisch reden – kollektiv handeln

Sina kontextualisiert die Rede Manns Von deutscher Republik und lenkt die Aufmerksamkeit auf den demokratischen Pragmatismus des Vortragenden, der sich an einem Maßstab des freien Wortes orientiert und abwägt, um am Ende überzeugen zu können. Jede Äußerung orientiert sich an demokratischen Leitprinzipien, die er seit der Republikrede verinnerlicht hat. Sein politisches Schaffen ist nicht nur an den Einzelfall, sondern auch an das Übergeordnete, wie demokratische Werte, gebunden.

Kai Sina
Was gut ist und was böse
Propyläen Verlag: 2025
304 Seiten, 24 €

Den Wendepunkt der Republikrede interpretiert Sina im Kapitel »Eher Rückkehr als Wende«, in dem er – sich von der aktuellen Forschung absetzend und so einen Forschungsbeitrag leistend – Manns Pragmatismus als eine Rückkehr zum Verhalten im essayistischen Frühwerk sieht: Auch Thomas Mann sieht die Aufgabe literarischer Kunstwerke darin, Position zu beziehen und politisch sein zu können. Im Streit mit seinem Bruder Heinrich Mann beharrt Thomas Mann hingegen einzig und allein auf der Wirkung literarischer Kunstwerke: »Wirke, Künstler, handle nicht!«. Sinas Text hätte es an dieser Stelle gutgetan, wäre noch ein zusätzliches Beispiel gefallen, das deutlich macht, dass Thomas Mann früher auch Literatur und politisches Handeln zusammengedacht hat. Diese Wende Manns zum politisierten Literaten wird erst später im Buch explizit, wenn es um Aussagen geht, die Mann in sein Epos Joseph und seine Brüder einflicht: Literatur wird dadurch ein Mittel, eigenständige Aussagen und Positionen zu kommunizieren.

Die Interpretation Sinas der Tetralogie Joseph und seine Brüder ist schließlich das markanteste und interessanteste im Buch, nicht nur weil der darin verarbeitete Humanismus Manns ihn aus der viel beschworenen Biederkeit rückt und ihn mehr demokratisiert als verbürgerlicht, sondern auch weil es ein neues Licht auf die vier Romane wirft. Sie beinhalten pointierte Aussagen gegen den Nationalsozialismus, erforschen die jüdische Kultur und sind damit wieder Teil eines Ganzen: der demokratischen Grundlegung Manns Aktivismus. In der Analyse des Schaffens- und Produktionskontexts zeigt sich, dass die politische Praktik den Aktivismus im Gepäck hat: Der erste Roman der Tetralogie Die Geschichten Jaakobs kommt 1933 noch in Deutschland heraus und Mann ist sich der Gefahr wie auch des Zeichens durchaus bewusst. Sina zeigt, dass Romane Teil eines politischen Aktivismus sein können und liefert damit simultan Gründe dafür, dass Romane immer im historischen Kontext gelesen werden sollten und nie nur die Erzählung als solche thematisieren.

Eine Komposition für eine offene Gesellschaft

Die Stärke von Sinas Abhandlung entsteht durch die Synergie aus inhaltlicher Stringenz und mit ihr zusammenhängender formaler Kohärenz. Ob Radiovorträge, Joseph und seine Brüder, Reden oder Erzählungen in der Weimarer Republik: politisch aktiv war Thomas Mann, aber wie, ist nur in Was gut ist und was böse nachzulesen, und es sei jeder:jedem ans Herz gelegt, der:die Lust auf Joseph und seine Brüder und auf Thomas Mann, ob im Studium oder nicht, kriegen möchte. Das Buch macht durch seinen Aufbau keinen Unterschied zwischen Lesenden vom Fach und interessierten Laien, womit Sinas Buch einen Beitrag zur offenen Gesellschaft leistet.

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