Am 11. November werden die ukrainische Autorin Lesja Ukrajinka (1871-1913) und ihr Text Am Meer in den Fokus gerückt. Der Abend im Literarischen Zentrum umfasst eine inhaltliche Diskussion über Ukrajinkas Schreiben und ihre politischen Themen, literaturwissenschaftliche Perspektiven und eine poetische und klangliche Inszenierung.
Hinweis: Berry Steenken absolviert ein Volontariat im Literarischen Zentrum und hatte diese Funktion auch an dem Abend der Lesung inne, die hier besprochen wird.
Von Berry Steenken
Bild: Literarisches Zentrum Göttingen (v. l. n. r.: Claudia Dathe, das »Poesiekollektiv Landschaft« (Sascha Conrad, Ulrike Sandig und Grigory Semenchuk), Haska Shyyan, Tanja Maljartschuk und Carola Hilmes)
Die ukrainische Autorin Lesja Ukrajinka war Übersetzerin, Dramatikerin, Teil der Frauenbewegung und Schriftstellerin in einer widerständigen Ukraine. In ihrem Erzählband Am Meer, der 2025 als zweiter Teil der Reihe Ukrainische Bibliothek im Wallstein Verlag erschienen ist, schreibt sie in klarer und nuancierter Sprache über Menschen, die in der ukrainischen Literatur um 1900 sonst selten als Subjekte thematisiert wurden: über ukrainische Frauen ihrer Zeit in verschiedensten gesellschaftlichen Positionen, ihre (Un-)Freiheiten und ihr Leben im politischen Spannungsfeld zwischen der Ukraine und Russland, das sich besonders deutlich am Beispiel der Bewohner:innen der Krim zeigt. Dieser Erzählband wird im Laufe des Abends auf Deutsch und Ukrainisch, in Diskussion und Lesung, filmisch und musikalisch betrachtet.
Ein multimedialer und bilingualer Abend
Die Bühne ist in zwei Teile aufgeteilt: Neben dem »Poesiekollektiv Landschaft« sitzen fünf Frauen, die sich Ukrajinkas Schreiben und ihrer Person von verschiedensten Perspektiven nähern. Als ukrainische Schriftstellerin und Herausgeberin des Bandes Am Meer nimmt Tanja Maljartschuk eine ganz eigene und persönliche Perspektive ein, die sich in ihrem tiefen historischen Verständnis und verschiedenen Anekdoten zu Ukrajinkas Schreiben zeigt. Eine ähnlich persönliche Perspektive bringt Haska Shyyan, deren Ukrainisch von ihrer Übersetzerin Sofiya Onufriv live ins Deutsche übertragen wird, auf die Bühne. Sie kann mit ihrem dezidiert feministischen Ansatz, ihrer Themenauswahl und ihrer ukrainischen Identität thematisch und literarisch in einer Traditionslinie zu Ukrajinka gelesen werden. Die beiden werden durch Carola Hilmes mit einer dezidiert theoretisch-literaturwissenschaftlichen Perspektive ergänzt. Claudia Dathe – vertraut mit literarischem Übersetzen aus dem Ukrainischen und Russischen und mehrfach ausgezeichnet für ihr Engagement in der Vermittlung ukrainischer Literatur – moderiert das Gespräch und hat somit die große Aufgabe, diese verschiedenen Perspektiven miteinander in einen produktiven Austausch zu bringen.
Ukrajinkas Texte sind durch Übersetzungen auch für ein deutsches Publikum zugänglich. Dennoch lebt die Auseinandersetzung mit ihr auch von der ukrainischen Sprache. Auf vielfältige Weise taucht deshalb das Ukrainische über den Abend hinweg auf: Dathe, Maljartschuk und Shyyan sprechen kurz miteinander auf Ukrainisch, Maljartschuk und Dathe reagieren bereits vor der Übersetzung auf Shyyans Redebeiträge und Maljartschuk schlägt gelegentlich alternative Übersetzungen für einzelne Wörter vor, die Shyyan verwendet. Das ermöglicht nicht nur dem Publikum, sich dem Gegenstand und der Literatur näher zu fühlen, sondern lässt auch das Gespräch organisch wirken.
Die Bühne teilen sie sich mit dem »Poesiekollektiv Landschaft«, das (zu) Poesie performt. Ulrike Sandig, Sascha Conrad und der ukrainische Dichter Grigory Semenchuk stehen in hellroten Hosenanzügen an einem Pult. Die ersten Worte des Abends gehören ihnen und sie starten ihn mit einer Mischung aus Film, Performance, und Gesang, sphärischen Klängen und Techno-Beats. Der Screen hinter ihnen zeigt szenische Kunst, von der sich die Augen kaum lösen können. Immer wieder erscheint dort Sandigs singendes, schemenhaftes Gesicht und überlappt mit anderen Bildern auf dem Screen. Mit diesem multimedialen, spacey Zugang zu Literatur und Lyrik beginnen und beenden sie die fachliche Diskussion des Abends.
Die Ukraine Ukrajinkas
Das Gespräch beginnt niedrigschwellig. Maljartschuk tastet sich an Ukrajinkas Lebensrealität heran und nimmt das Publikum mit in die Welt der literarischen Produktion in der Ukraine am Ende des 19. Jahrhunderts. Der Beginn der Frauenbewegung, die imperiale Macht des Russischen Reichs und die Einschränkungen ukrainischer Veröffentlichungen sind starke Einflüsse auf Ukrajinkas Leben und Schreiben. So wurden seit 1863 ukrainische Publikationen im russischen Zarenreich stark eingeschränkt und 1867 mit dem Emser Erlass im gesamten Zarenreich verboten. Der Name Ukrajinka, das selbstgewählte Pseudonym der Autorin, kann als Zeichen ihres kulturellen Widerstands gegen diese Repression interpretiert werden.
Über die enorme Bedeutung Ukrajinkas für die ukrainische Literatur wird den ganzen Abend über indirekt gesprochen – einmal bringt Hilmes dies auf den Punkt. Sie hält ein Lehrbuch zur ukrainischen Literatur hoch, auf dem drei Gesichter zu sehen sind. Unter diesen herausragenden Persönlichkeiten findet sich auch die Autorin des Abends. Hilmes zeigt hier die Bedeutung Ukrajinkas, die sie als weibliche und feministische Autorin trotz oder vielleicht auch grade wegen ihrer politischen Texte, die tabuisierte Themen benennen und besprechen, innehat. Denn, wie Hilmes über sich sagt, hat sie zwar ihre »Hausaufgaben gemacht«, aber trotz umfangreicher Recherche keine Autorinnen mit vergleichbarer Wirkkraft in der deutschen und englischen Literaturlandschaft gefunden. Sogar Virginia Woolf, der eine vergleichbare Stellung zugesprochen werden könnte, kommt laut Hilmes nicht an Ukrajinkas prägende Auswirkungen für die ukrainische Nationalliteratur heran.
Am Meer
Sanid liest einen Textausschnitt vor und lässt den Text mit glasklarer Artikulation lebendig werden – wer sich engeren Textbezug gewünscht hat, kommt also jetzt voll auf seine Kosten. Das Publikum wird eingeladen, sich auf zwei Frauen in der Krim einzulassen: Die Ich-Erzählerin ist mit einer jungen, reichen und naiv erscheinenden Frau unterwegs, die aus Moskau kommt und in der Krim zu Besuch ist. Die junge Frau ist unbedarft auf dem Weg zu einem sozialen Event und trifft dabei einen Arbeiter, der beinahe ihren hellroten, teuren Hut mit grüner Farbe beschmiert. Ein erzürnter Kommentar ihrerseits und sein dunkler, hasserfüllter Blick bringen hier mit wenigen Worten eine fühlbare Spannung in die Situation.
Vom Podium wird diese noch etwas präziser aufgearbeitet: Maljartschuk thematisiert die Spannungsverhältnisse der Krimbevölkerung zu Zeiten Ukrajinkas und spricht über die zunehmende Differenz zwischen Ukrainer:innen und reichen Moskauer:innen. Urlaubende aus Moskau sehen die Krim als Sommerausflugsziel und besitzen dennoch das ganze Jahr über große Anteile der schönen Küstengrundstücke. Stechend ehrlich thematisiert Ukrajinka mit der jungen Frau die Selbstverständlichkeit und Selbstbezogenheit der Oberschicht, die erwartet, dass die Krim sich nach ihrem Rhythmus richtet. So wird beispielsweise gefordert, dass Bauarbeiten in eine Zeit verschoben werden, in der die Urlauber:innen nicht da sind, damit teure Kleider nicht von staubigen Straßen beschmutzt werden.
Neben dem Klassenbewusstsein Ukrajinkas liegt ihr Fokus deutlich auf der gesellschaftlichen Position von Frauen. Es stellt sich auf der Bühne die Frage: Welche Frauen werden eigentlich gezeigt und wieso? Geht es hier um die Darstellung von Freiheit in den Gedanken oder um die Repräsentation von Unterdrückung und patriarchalen Repressionen, unter denen Frauen leiden und denen sie nicht komplett entkommen können? Maljartschuk stellt fest, dass Frauen in Ukrajinkas Prosa vielleicht frei denken, in ihren Lebenssituationen jedoch klar unfrei sind. Ukrajinkas feministisches Projekt liegt für sie in ebenjener Repräsentation, in der Thematisierung und Enttabuisierung von diesen unfreien Umstände, von Rollenbildern und unterschiedlichen Lebensrealitäten.
Ein Abschluss
Das letzte Wort gehört wieder dem »Poesiekollektiv Landschaft«. Die Bühne ist bereits leer, nur die drei Personen in roten Anzügen stehen noch da und lassen den Abend mit bewegendem, traurigem und fast verstörendem Text aus ihrem Lied »Bavovna« ausklingen. Mit der Zeile »Der Himmel voller Drohnen – soll Russland weiß belohnen« rufen sie dem Publikum eindringlich ins Gedächtnis, dass der Krieg, nur weil er derzeit kaum in den Medien erscheint, keineswegs vorbei ist und Menschen immer noch darunter leiden – sowohl Ukrainer:innen, die kontinuierlich um ihr Leben fürchten und kämpfen als auch zivile Russ:innen, die sich gegen diesen Krieg und damit gegen ein repressives Regime stellen.

