Märchenhafter Herbst

In der einzigen Jugendbuchlesung des Literaturherbstes stellt Cornelia Funke ihren neuen Reckless-Roman vor und ermöglicht einen Einblick in ihren Arbeitsalltag, den Entstehungsprozess ihrer Figuren sowie ihr Zuhause in Kalifornien – inklusive Avocado-Farm und Hundegebell.

Von Friederike Röpke

Titelbild: Via Pixabay, CC0, Bearbeitung: Hanna Sellheim / Zwischenbild: Friederike Röpke

Der Wasserkocher pfeift, ich gieße meinen Tee auf und setze mich vor den Laptop. Es ist Samstag, der 24. Oktober, 17 Uhr, und jeden Augenblickt kann die Live-Lesung Cornelia Funkes im Rahmen des Literaturherbstes Göttingen beginnen – für einige Besucher:innen im Alten Rathaus in Göttingen, für mich in meinem Wohnzimmer. Zu sehen ist die Autorin Margarete von Schwarzkopf, die durch den frühen Abend moderiert und ebenfalls vor einem Laptop sitzt. Auf einer großen Leinwand hinter ihr ist Cornelia Funke in ihrem Atelier – ihrer Garage – in Malibu, Kalifornien zu erkennen, umgeben von lauter Malutensilien und buntbemalten Leinwänden, die auf Funkes Arbeit als Illustratorin ihrer Buchreihe Reckless verweisen. Dass es dem Online-Publikum nicht möglich ist, aktiv an der Lesung teilzuhaben – also weder in der Lage zu sein, Fragen zu stellen, noch zu applaudieren – ist ungewohnt, gehört die verbale und nonverbale Kommunikation zwischen Zuhörenden und Podiumsgästen doch wie selbstverständlich zu »klassischen«, physischen Lesungen dazu. Dieses Format hat auch Auswirkungen auf Funke: da sie weder das im Rathaus anwesende Publikum noch die digital zugeschalteten Menschen sehen kann scheint es, als unterhalte sie sich mit Margarete von Schwarzkopf allein über Leben und Literatur: ein Gespräch zwischen Freundinnen also.

Während der Lesung wechselt Funke den Raum, begibt sich in ihr Wohnzimmer, wo man im Hintergrund sowohl einen Weihnachtsbaum als auch einen ihrer Hunde erblicken kann. Außerdem zeigt sie von Schwarzkopf ihren dschungelartigen Garten aus dem Fenster heraus. Diese Wohnzimmer-Atmosphäre ist entspannt, die beiden Frauen sympathisch, und obwohl im Laufe der Lesung nur wenige Passagen aus Reckless 4. Auf silberner Fährte vorgelesen werden, führen Funke und von Schwarzkopf das Publikum mit ihrem Dialog in die fantastische Welt der Bestseller-Autorin und ihrer märchenhaften Bücher.

Funke, die Märchenerzählerin

Seit dem Erfolg der Tintenwelt, dem Herr der Diebe oder von Die Wilden Hühner ist bekannt, dass Cornelia Funke großartige fiktive Geschichten schaffen kann. Mit der Reckless-Reihe beweist sie, dass sie ihre Welten auch problemlos mit der Textgattung des Märchens verbindet und Elemente aus dieser gekonnt in die von ihr geschaffenen Welt überträgt. Man könnte sagen, dass sie in ihren Reckless-Büchern eine Geschichte von und mit Märchen erzählt. Sie zieht ihre Leser:innen förmlich in die Spiegelwelt, die unter anderem von dunklen Feen, Formwandlern, anthropomorphen Gestalten und sogenannten Goyl mit Haut aus Stein bewohnt wird. Wir begleiten die Brüder Jacob und Will (eine Art Alias der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm?) und die Formwandlerin Fuchs auf ihrer Reise von dem New York »unserer realen Welt« in diese Spiegelwelt. Dort lesen wir von Schatzsuchen, gefährlichen Flüchen sowie Intrigen, Verlust, Liebe und Tod.

Während im ersten Band Bezüge zu den »deutschen« Märchen der Brüder Grimm verarbeitet sind und im zweiten Teil englische und französische Märchen thematisiert wurden, sind im dritten Band Elemente aus russischen Märchen zu entdecken. Der vierte Band Auf silberner Fährte,um den es in der Lesung geht, ist in Japan lokalisiert. Auf Margarete von Schwarzkopfs Frage, warum Funke gerade dieses Land als Schauplatz ihres neuen Buches gewählt habe, erwidert sie, dass sie mit ihren Büchern einmal um die Welt »reisen« wollte, um auch die Orte zu besuchen, die sie in persona noch nie gesehen habe – so auch der Inselstaat im Pazifik. Lächelnd erklärt sie weiter, dass sie durch die Recherche zu Literatur und Kultur Japans und das Schreiben des Buches sogar noch mehr Lust bekommen habe, einmal selbst dorthin zu reisen. Außerdem finde sie den Zusammenhang von Kunst und Magie im japanischen Märchen äußerst interessant. Funke verweist hier auf zwei Sagen, in denen gemalte oder gezeichnete Bilder real werden und den Protagonist:innen aus scheinbar ausweglosen Situationen helfen. Durch Funkes eigene Tätigkeit als bildende Künstlerin ist die Faszination für diese Thematik gut nachvollziehbar.

Neben den Fabelwesen, dem Lösen von Rätseln und der Bekämpfung des Bösen gibt es noch ein weiteres typisches Motiv, welches in Märchen vorkommt und auch bei Funkes Reckless-Reihe einen wichtigen Platz einnimmt: die Geschwister- beziehungsweise die Brüderbeziehung. Während des Schreibprozesses tauschte sich Funke mit dem Drehbuchautor und Filmproduzenten Lionel Wigram über dieses Thema aus. Dieser, ein guter Freund Funkes, ist vor allem durch seine Arbeit als Executive Producer der Harry Potter-Filme und als Produzent der Reihe Phantastischen Tierwesen bekannt. Sowohl Wigrams schwierige Beziehung zu seinem Bruder als auch Funkes eigene Erfahrungen mit ihren Brüdern, von denen einer bereits verstorben ist, boten Basis und Inspiration für die komplexe Beziehung der »Reckless-Brüder«.

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Cornelia Funke
 Reckless. Auf Silberner Fährte

Dressler: Hamburg 2020
464 Seiten, 24,00€

»Ich stehle die Gesichter der Toten«

Was sich nach dem Zitat aus einem Horrorfilm anhört, ist Funkes Beschreibung ihrer Arbeitspraxis. Um Ideen für ihre Figuren zu bekommen schaut sie sich gerne Fotografien aus dem 19. Jahrhundert an, denn in diesem Zeitraum spielt die Geschichte der Reckless-Brüder Jacob und Will. Sie zeichnet die abgebildeten Personen nach, »stiehlt ihnen die Gesichter« und erfindet Geschichten und Charakterzüge dazu, welche die einst realen Menschen in Gestalten ihrer Märchenwelt verwandeln. Erst danach beginnt sie mit der wörtlichen Ausformulierung ihrer Figuren auf Papier. 

Funke spricht von ihren Charakteren, als seien sie real existierende Personen, die selbstständig in die Geschichten hineinspazierten und aktiv an der Entwicklung der Bücher beteiligt seien. So erzählt sie, dass ihre Bösewichte eigentlich weniger interessante Persönlichkeiten seien sollten, aber immer wieder versuchten, sich in den Vordergrund zu drängen: Sie müsse aufpassen, ihnen nicht zu viel Raum zu geben. All ihre Figuren entwickelten ein Eigenleben. So kämen einige auf unscheinbare Weise auf sie zu, manche seien »sehr dramatisch in ihrem Aufritt« und ließen »sich nicht mehr abwimmeln« und wieder andere seien so frech, dass sie ganz aus der Geschichte gestrichen würden, berichtet die Autorin. Die Grenze zwischen Fiktion und Realität scheint bei Funke nicht nur in den Reckless-Büchern zu verschwimmen. Und genau dieser Umgang mit ihren Figuren und Welten macht die Autorin so sympathisch – und die viel zu kurz wirkende Lesung zu einem interessanten Blick hinter die Kulissen einer der bekanntesten deutschen Kinder- und Jugendbuchautor:innen.

Nun wäre es wahrhaftig »leichtsinnig« zu behaupten, es handle sich bei Funkes Reckless-Reihe um Kinderbücher. Da laut Funke »Erwachsenen-Themen« behandelt werden, empfiehlt sie sie für Menschen ab 16 Jahren – ohne Obergrenze. Dass man die Romane als generationenübergreifend verstehen kann bestätigt Margarete von Schwarzkopf, indem sie die Reihe als »All-Age«-Werk bezeichnet – woraufhin Funke von Frauen mittleren Alters berichtet, die sich bei Lesungen für die Figur Fuchs bedankten, weil sie sich mit ihr gut identifizieren konnten. Und warum sollten Erwachsene sich nicht in einer Welt voller magischer Wesen und endlosen Möglichkeiten wiederfinden können?

Und wenn sie nicht gestorben sind…

Reihe

Vom 17. Oktober bis 1. November 2020 fand der 29. Göttinger Literaturherbst statt. Litlog veröffentlicht ab jetzt jeden Werktag einen Bericht zu den diversen Veranstaltungen des Programms.
Hier findet ihr die Berichte im Überblick. Bis zum 30. November könnt ihr die Lesungen außerdem in der Mediathek des Literaturherbsts ansehen.

…dann gibt es noch einen fünften Band. Da fast eine Dekade zwischen dem ersten Buch ihrer Reihe und dem am 2. November im Dressler Verlag erschienenen vierten Band liegt, ist die Frage berechtigt, die sich wohl nicht nur Margarete von Schwarzkopf stellte: Wieso gibt es einen so großen zeitlichen Abstand zwischen den Veröffentlichungen der Reckless-Bücher? Denn im Schnitt benötigt Funke für die Fertigstellung eines Bands etwa zweieinhalb Jahre. Funke antwortet darauf, dass die Recherchearbeit sehr umfangreich sei. Sie lese die Märchen aus dem jeweiligen Land, mache sich mit der Kultur und den verschiedenen Orten vertraut, die zum Schauplatz ihrer Geschichten würden. Zudem schreibe sie ihre Bücher mindestens sechs bis sieben Mal um. Außerdem benötige sie nach dem Abschluss eines Reckless-Buches »leichtere« Themen und widme sich deshalb anderen Projekten, wie den Drachenreiter-Büchern, für die sie im Vergleich nur knapp ein Jahr zum Schreiben brauche.

Laut Funke soll der fünfte gleichzeitig der letzte Band der Reckless-Reihe sein. Aber das sollte keinen Märchen- oder Funke-Fan traurig stimmen, denn es gibt in Zukunft noch weitere spannende Projekte der deutschen Autorin: Unter anderem neue Drachenreiter-Bücher und ein Drehbuch für Die Wilden Hühner – es ist ein Film in Planung, in dem Sprotte, Frieda und Co. um die dreißig Jahre alt sein werden. Spannend also für diejenigen, die mit den Wilden Hühnern groß geworden sind und jetzt gerne wüssten, wie deren Lebenswelt heutzutage aussieht. Hoffentlich genauso märchenhaft wie Funkes Reckless-Bücher! 

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