Nominiert für den Goldenen Löwen und den Queer Award in Venedig, hat Luis Ortegas aktueller Film El jockey viele Zuschauer verblüfft. In dem Film erzählt er die Geschichte des berühmten Pferderenners Remo, der sich trotz seines Erfolgs unglücklich fühlt. Doch ein einziger Unfall verändert alles – Remo weiß nicht mehr, ob er wirklich existiert.
Von Yuliia Lynnyk
Wer einen Film sehen möchte, der unkompliziert und verständlich ist und dessen Genre sich leicht erkennen lässt, sollte auf El jockey (auch: Kill the Jockey) von Luis Ortega lieber verzichten. El jockey vereint Drama, Komödie, Krimi und Sportfilm in einem Werk, das Themen wie Identität, Liebe, Karriere, Drogenkonsum und Existenzialismus behandelt. Dieser Film hinterlässt mehr Fragen als Antworten; er erschüttert, ekelt, zieht an, verblüfft und bleibt im Gedächtnis.
El jockey feierte am 29. August 2024 seine Premiere beim 81. Internationalen Filmfestival von Venedig, wo er in den Hauptwettbewerb aufgenommen wurde. In deutschen Kinos erschien er erst am 18. August 2025. Im Mittelpunkt steht Pferdejockey Remo Manfredini, dessen Erfolg im Pferderennen ihn zu einem Prominenten macht. Doch durch zunehmenden Drogenkonsum blamiert er sich mehrfach und bringt sogar sein Leben in Gefahr, als er einen Unfall baut und ein hochpreisiges Pferd aus Japan tötet. Nach dem Unfall flüchtet Remo aus dem Krankenhaus und ist von da an nicht mehr er selbst. Der Kriminelle Sirena, dem Remo noch etwas schuldig ist, schickt Kopfgeldjäger los, die ihn finden sollen. Neben Remo rückt im Laufe des Films auch seine Lebensgefährtin Abril in den Fokus, deren Karriere als Jockey durch eine Schwangerschaft am seidenen Faden hängt.
Die Sprache der Kamera
Die Handlung ist in Buenos Aires verortet und wird chronologisch im entschleunigten Tempo erzählt. Nahaufnahmen der Gesichter und lange Einstellungen geben den Zuschauer:innen Zeit, über deren Bedeutung nachzudenken. Ob allerdings alle Elemente des Films eine tiefere Bedeutung haben, bleibt offen: Die experimentelle Struktur, wie beispielsweise eingebaute Tanzszenen, die an den Tanz des Zwerges von Twin Peaks erinnern und ab und zu scheinbar willkürliche Objekte, die auftauchen (wie ein Goldfisch in einer Tasche), erschaffen eine traumähnliche Atmosphäre. Auch bei den Kameraschnitten wird experimentiert – von fließenden Übergängen über plötzliche Szenenwechsel bis hin zum schwarzen Bildschirm, der die Zuschauer: innen für einige Sekunden in Dunkelheit und Stille lässt. Ortega setzt Licht bewusst ein, um Stimmungen zu verstärken: Remo liegt in den Händen seiner Geliebten – die Szene wird in warmen Tönen dargestellt, was Intimität und Behaglichkeit vermittelt. Als Remo im Krankenhaus alleine aufwacht, setzt Ortega kühle Blautöne ein, wodurch das Gefühl der Einsamkeit betont wird.
Durch zunächst irrelevant wirkende Szenen gelingt es dem Regisseur besonders gut, die zentralen Themen Identität, Selbstsuche und Existenzialismus aus philosophischer Perspektive zu zeigen. Vor einem Rennen wird demonstriert, wie die Jockeys gewogen werden, wobei die Kamera Remos Gewichtsziffer auf der Waage nah einfängt. Nach dem Unfall wiegt er sich in der Apotheke erneut – die Waage zeigt plötzlich null. Durch die Nahaufnahme von der Skala wird die Aufmerksamkeit der Zuschauer:innen gezielt auf dieses Detail gelenkt. So wird die Frage nach Remos Existenz zum ersten Mal aufgeworfen. Die Zuschauer:innen bekommen noch weitere Hinweise auf Remos fragliche Existenz: später im Film ist im Spiegel keine Reflexion von ihm zu sehen und an anderer Stelle widersetzt er sich physikalischen Grundgesetzen, indem er über die Decke läuft.
Wer bin ich, wenn ich mich verändere?
Seit dem Unfall ist Remo verändert. Die Unklarheit seiner eigenen Identität zeigt sich auch äußerlich: Er trägt Jockey-Stiefel und Hose, kombiniert mit einem Fellmantel und einer Damentasche, in der sich Puder und Tusche befinden. Später nennt er sich Lola und wählt gezielt Kleidungsstücke, die ihm zu stereotypisch weiblichen Attributen verhelfen. Am Ende, als Lola die Jockey-Ausrüstung anlegt, wird sie wieder als Remo wahrgenommen – Kleidung erweist sich damit als eng mit der Wahrnehmung von Geschlechtsidentität verbunden.
Remos Verwandlung wird jedoch nicht nur durch seine Kleidung gezeigt – körperliche Merkmale wie seine Pupillen weisen ebenso darauf hin, da sie unterschiedlich groß sind. Die Augen – als wörtlich genommener Spiegel der Seele – stehen im Mittelpunkt der Kameraarbeit, erkennbar schon in der ersten Szene, einer Nahaufnahme von Remos Gesicht. In diesem Zusammenhang wirkt die Szene überraschend, da die Kamera Remos außergewöhnlich große Augen betont; als er seine Brille abnimmt. Nachdem Remo Lola in sich erkennt, liegt es endlich allein an ihm, über sein Leben zu bestimmen. Die Männer von Sirena, die Remo schließlich finden, symbolisieren den Druck, unter dem er die ganze Zeit stand – den Druck, Erwartungen zu erfüllen und das zu tun, was andere von ihm verlangen. Indem Remo die Männer erschießt, nimmt er alles in seine eigenen Hände und befreit sich von der Fremdbestimmung. Durch diese Überspitzung weist der Film kritisch auf problematische Gesellschaftsstrukturen hin, unter denen viele Zuschauer:innen leiden dürften und bietet so Identifikationspotenzial.
Die poetische Logik von El jockey

Kill the Jockey / El jockey (2024)
Regisseur: Luis Ortega
Schon am Anfang des Films wird darauf hingewiesen, dass Remos Gefühle zu Abril einseitig bleiben. Besonders dramatisch wirkt die Szene, in der Remo seine Geliebte fragt, was er tun soll, damit sie ihn liebt. Dort gibt es keine erwiderte Liebe. Doch zwischen Abril und Anna, einer anderen Reiterin, wird gegenseitiges Interesse immer deutlicher, das durch ihre Liebkosungen zum Ausdruck kommt. Nach Remos Verschwinden kommen Abril und Anna zusammen. In der letzten Szene betrachten sie ihr Baby, das den Namen Lola bekommt. Doch ob Abril wirklich schwanger war und ob Remo überhaupt irgendwann existiert hat, bleibt offen. Man könnte die Szene mit dem neugeborenen Baby als Remos Wiedergeburt interpretieren – die einzige Möglichkeit für Remo von Abril geliebt zu werden, wie sie ihm zuvor sagte. Das Ende wird zum Anfang – und die Persönlichkeiten von Remo und Lola verschmelzen, um einem neuen Leben Gestalt zu geben, das selbst bestimmen kann, was es sein wird. In dieser kreisförmigen Erzählweise mit magischen Elementen, erkennt man einen eventuellen Bezug zu Márquez’ Hundert Jahre Einsamkeit. Während dort die Identitäten der Figuren von den Vorgenerationen geprägt werden, wissen die Charaktere in El jockey oft selbst nicht, wer sie sind, wenn sie danach gefragt werden. Auf diese Weise zeigt der Regisseur, dass Identität nicht nur vom eigenen Selbstbild abhängt, sondern auch davon, wie andere einen wahrnehmen. Das ist besonders relevant, weil die Figuren sich selbst nicht definieren können, ohne zu wissen, wie andere sie sehen.
Wie die Kostüme der Figuren trägt auch die Musik dazu bei, die Atmosphäre zu formen: Sie reicht von argentinischen Klassikern über elektronische Beats bis hin zu Stücken von Mozart und Piazzolla. Insgesamt passt der Soundtrack hervorragend zur surrealen Noir-Krimi-Atmosphäre des Films. Was dem Regisseur weniger gut gelingt, sind die komödiantischen Szenen. Es ist oft offensichtlich, wo man lachen sollte, etwa wenn Kriminelle ein Baby in den Händen halten oder Kokain auf Remos Nase liegt. Diese Momente sind eher klischeehaft inszeniert.
Insgesamt kann man diesen Film als einzigartig, bedeutungsvoll und gleichzeitig schwer verständlich bezeichnen. Wer aufmerksam hinsieht, erfasst, dass viele Objekte doch etwas gemeinsam haben und auf das Hauptthema verweisen. So zieht sich das Thema Pferd wie ein roter Faden durch den Film: Remo begegnet Soldaten auf Pferden, im Bad haben die Fliesen ein Pferdemuster, die Konfrontation zwischen Remo und Sirena findet bei einer Pferdeversteigerung statt. Besonders gelungen wirkt das Ende des Films, das die Teile der Geschichte wie eine zerbrochene Vase zusammensetzt und mit Sinn füllt. Wer sich auf den Film einlässt und ihn bis zum Ende aufmerksam schaut, entdeckt die Gemeinsamkeiten zwischen dem Baby, der Waage und dem Klang des Herzschlags.

