Ole Nymoen setzt sich in seinem neuen Buch Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde – Gegen die Kriegstüchtigkeit mit den Argumenten auseinander, die die immense Aufrüstung rechtfertigen sollen und zeigt, was ihn dazu bewegt, sich der »Zeitenwende« entgegenzustellen.
Von Fenja Feyk
Nicht nur das ökologische Klima ist im Wandel, auch das gesellschaftliche verändert sich. Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine, nach ausgerufener »Zeitenwende« in Deutschland sind die Temperaturen im gesellschaftlichen Miteinander drastisch gestiegen und Diskussionen über Politik münden nicht selten in eine hitzige Debatte. Obwohl Umfragen zeigen, dass ein erheblicher Teil der deutschen Bevölkerung Waffenlieferungen und eine erneute Aufrüstung Deutschlands kritisch sieht, sind in Zeitungen und Talkshows häufig Befürworter:innen dieser Politik präsenter. Nicht selten werden dabei diejenigen, die für Diplomatie und Abrüstung sind, mit Schlagwörtern wie »Lumpenpazifist« oder »Putin-Versteher« diffamiert. Bereits im Jahr 2024 veröffentlichte Ole Nymoen in der Wochenzeitung Die Zeit einen Artikel zum selben Thema, auf den ein Shitstorm folgte. Auf ca. 130 Seiten führt er nun seine Position genauer aus.
Was bedeutet Demokratie?
Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatten über Aufrüstung und Kriegstüchtigkeit erscheint Ole Nymoens Buch genau zur richtigen Zeit. Der 27-jährige Sozialist war schon mehrmals zu Gast in Podcasts und Fernsehsendungen, so z.B. bei Phoenix und im ZDF-Format 13 Fragen. Bekanntheit erlangte er unter anderem durch den Podcast Wohlstand für alle,den er zusammen mit Wolfgang M. Schmitt betreibt. In seinem neuen Buch schaut er aus linker Perspektive auf das heute so gerne gebrauchte Wort »Kriegstüchtigkeit« und weshalb es seiner Meinung nach unvereinbar mit einer Demokratie ist. Im Falle eines Krieges riskieren die Bürger:innen ihr eigenes Leben für das Überleben des Staates. Ein derartiges Opfer setzt ein Gefühl der Gemeinschaft voraus. Wenn es um Aufrüstung und Kriegsvorbereitung geht, wird dieses Gefühl gerne von Staatsoberhäuptern hervorgerufen, obgleich der Staat zuvor beispielsweise durch allerlei Sozialkürzungen gezeigt hat, dass es ihm keineswegs um das Wohl der Bevölkerung geht.
Ole Nymoen macht deutlich, was eigentlich offensichtlich und doch so leicht zu übersehen ist: dass die Interessen der Bürger:innen und der Regierung oft in starker Opposition zueinanderstehen und dass die Sicherheit des Staates nicht zwangsläufig die Sicherheit des Volkes bedeutet – denn es ist die Bevölkerung, die im Krieg gezwungen wird, im Land zu bleiben und an der Front zu sterben:
»Die Zeitenwende ist da, das Vaterland ruft, und die ganze Nation soll sich gefälligst als große Interessengemeinschaft (miss-)verstehen. Auch wenn die einen im Überfluss leben und die anderen darben, sollen sich alle Bürger zuallererst als Deutsche sehen, deren gelingendes Leben am Fortbestehen ihres Nationalstaates hängt. Dabei reicht ein kursorischer Blick in die Nachrichten, um sich davon zu überzeugen, dass dieser Staat ganz sicher kein Wohltäter gegenüber seinen Untertanen ist.«
Der Unterschied zwischen Staat und Volk ist Ole Nymoens Hauptgrund seiner Kriegsdienstverweigerung. Er macht deutlich, dass Demokratie nur ein Wort für Friedenszeiten ist, wenn der Staat allerdings aus irgendwelchen Gründen zum Krieg (sei es Angriff oder Verteidigung) ruft, kann er frei über seine Bürger:innen verfügen. Diese sind Nymoen zufolge nur so lange souverän, wie es die Regierung erlaubt. Krieg schütze dabei weder Land noch Leute, sondern lediglich die Macht der jeweiligen Regierungen. Da Staaten keine natürlich gewachsenen Gebilde, sondern das Ergebnis jahrhundertelanger Kriege seien, sei ihnen Gewalt inhärent: »Wer gegen den Krieg ist, der sollte jede einseitige Parteinahme für Staaten unterlassen und die Unterteilung der Welt in konkurrierende Gewaltmonopolisten kritisieren.«
Einwände gegen Zeitenwende
Mit leichtem Ton führt Ole Nymoen gängige Argumente der Gegenseite ins Feld und zeigt, warum diese ihr Ziel verfehlen: Durch die Unterscheidung zwischen einem konventionellen Krieg und einem Vernichtungskrieg, wie Hitler ihn führte, macht er deutlich, warum das gerne herangezogene Argument eines »neuen Hitlers« nicht greift. Denn, dass Putin der neue Hitler sei, gegen den nur eine immense Aufrüstung und Kriegsbereitschaft helfen, schlägt im Vergleich mit dem Russland-Ukraine-Krieg fehl. Hitlers Vernichtungsfeldzug stellt Nymoen zufolge eine Ausnahme dar und kann nicht mit konventionellen Kriegen verglichen werden, da in letzteren die zynische Tatsache gilt: »Das Töten ist nicht der Zweck (…), sondern Mittel zum Zweck des eigenen Machtausbaus.«
Außerdem thematisiert er die zu Phrasen verkommenen schiefen Metaphern in der öffentlichen Diskussion, die durch den Vergleich eines Krieges mit dem Angriff eines Vergewaltigers oder einem privaten Überfall von einem Nachbar durch Emotionalisierung bewusst die politische Realität verzerren: Bei einem Krieg zwischen zwei Staaten handelt es sich eben gerade nicht um zwei Subjekte, zwei Individuen. Nicht die Autonomie des Einzelnen wird hier angegriffen, wie diese Vergleiche fälschlich suggerieren, sondern ein Staat, dessen oberstes Ziel der eigene Machterhalt ist und nicht die Autonomie seiner Bürger:innen. Die hehren Werte – Demokratie, Freiheit, Unabhängigkeit – die gerne von Machthabern herangezogen werden, um einen Krieg zu rechtfertigen, werden in diesem Buch infrage gestellt bzw. in eine andere Relation zueinander gesetzt. Denn genau diese Werte sind es, für die sich der Staat in Friedenszeiten nicht unbedingt immer einsetzt und die, gerade im Falle eines Krieges, als erstes hinten angestellt werden. »In ihrem totalitären Anspruch – dass das Leben des Einzelnen weniger gilt als die politische Souveränität der Herrschenden – sind angreifende und verteidigende, demokratische und diktatorische Staaten sich völlig gleich.«
Das Buch ist primär eine Abhandlung über den Krieg als allgemeines Phänomen, stellt aber auch vereinzelt Bezüge zu aktuellen Kriegen her. Damit trifft es den Nerv der Zeit, gerade auch mit Blick auf die aktuelle Politik in Deutschland, gegenüber welcher Nymoen eine wohltuend kritische Position einnimmt, die im ganzen Diskurs über Aufrüstung, Waffenlieferungen und die Wiedereinführung der Wehrpflicht leider zu einer Ausnahme geworden ist. Ole Nymoen proklamiert keinen Pazifismus, sondern liefert eine fundierte Auseinandersetzung mit Narrativen und Denkweisen in Bezug auf Krieg und Verteidigung. Er stellt die richtigen Fragen zur richtigen Zeit und schaut mit einem klugen Blick auf eines der Hauptthemen in der deutschen Politik.
Anders als sein Artikel in der Zeit, endet Nymoens Buch mit einem Bekenntnis darüber, wofür es sich in seinen Augen lohnen würde zu kämpfen und in was für einer Welt er eigentlich leben möchte. Dabei ließe sich negativ anmerken, dass in diesem Buch auf keine Lösungsvorschläge Bezug genommen wird, die bei den politischen Konflikten eine Rolle spielen könnten. Doch das will dieses Buch auch nicht, was bereits in der Einleitung deutlich gemacht wird: »Stattdessen soll erklärt werden, wieso es zum Wesen von Nationalstaaten gehört, immer wieder zum Mittel der kriegerischen Gewalt zu greifen.« Und diesem Anspruch wird das Buch in jedem Falle gerecht.

Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde. Gegen die Kriegstüchtigkeit
Rowohlt: 2025
144 Seiten, 16 €

