Requiem dem Artensterben

Fulminant und formal gewagt: Alexander Schnickmann legt mit seinem Antiepos requiem ein Debüt vor, das die Grenzen von Lyrik und Epik erkundet und der Trauer im Angesichte des Artensterbens eine unverwechselbare Stimme verleiht.

Von Diana Muth

Bild: Via Pixabay, CCO

Gottesanrufungen und ein halluzinatorischer Trip in die Unterwelt warten in Alexander Schnickmanns Debüt requiem (2024). Der 1994 geborene Berliner Dichter veröffentlichte kürzlich den Lyrikband Gestirne (2026), der vom Fast-Buchpreis-Gewinner Clemens Meyer für seinen besonderen »poetischen Bums« gelobt wurde. Nicht nur deshalb lohnt es sich, einen Blick auf Schnickmanns erstes Buch zu werfen. Denn das schlanke lyrische Antiepos des Leonce-und-Lena-Preisträgers Schnickmann ist ein aufregendes wie anregendes formales Wagnis, das als Grenzgänger zwischen Lyrik und Epik die erlebte Ohnmacht eines klimaapokalyptisch fühlenden, postheroischen Subjekts exploriert.

Ausgestaltet auf 160 Seiten in freier, reimloser Versform, stimmt der lyrische Ich-Erzähler sein von Artensterben und Totentrauer getragenes Requiem an. Es entspringt dem Wunsch, aller verstorbener Lebewesen zu gedenken und für sie beim Herrn ewige Ruhe zu erbitten. Staubsaugerroboter Brünnhilde und die sterbenden Zimmerpflanzen lauschen dem unters Rad des Weltschmerzes geratenen, am Rad drehenden Protagonisten. Dieser tritt nach unbeantwortet bleibenden Appellen an Gott als Erlöser und an Gott als zornigen Bestrafer eine imaginäre Reise in die Unterwelt an. Dort erwarten ihn die »absurdesten Formen extraterrestrisch / nichteuklidisch neoeuklidisch / und zyklopisch«, allerhand groteske Gestalten, Grubengeister, Sirenengesang und die lahmzulegende Gottmaschine. Die Lesenden erwartet ungeheure Imaginationskraft und bestechender Witz.

Waldbrandsaison und Endzeitvision

Der Erzählton ist zuweilen der weihevolle einer Totenmesse, durchbrochen von nonchalant platzierten Anglizismen und alltagssprachlichen Elementen, die, melangiert mit Humor, eine ganz eigene, moderne Sprachmelodie ausmachen. Begleitet von diesem Sound Schnickmanns, entwickelt der Text von Bild zu Bild bisweilen einen bewusstseinsstromartigen und interpunktionslosen Sog. Zugleich verlangen die unvollständigen Sätze, die Enjambements und überhaupt die formale Gestaltung, die dem Text eine atemlose Dringlichkeit verleihen, auch den:der geneigten Leser:in etwas ab. Dass nicht die Handlung im Zentrum dieses implizit wie explizit an einer Totenmesse orientierten Antiepos steht, verstärkt die Schwierigkeiten. Während die Kürze des Buchs suggeriert, dass man es in einem Zug durchlesen kann, sollte man sich stattdessen Zeit für die Lektüre nehmen.

Wichtiger als die Handlung ist dem Autor die Suche nach Form, Sprache und Imaginationsräumen für ein empfindsames Individuum, das in einer Berliner Wohnung nah dem Teufelsberg in der sommerlichen Waldbrandsaison von der Schlechtnachrichtenflut und dem anthropogenen Klimawandel überrollt wird:

sechshundertvierzig Waldbrände in Kanada
im großen Kanada allein
[…]
jeden Morgen im Radio höre ich
der Rauch hat sich ausgebreitet
schalte ein das Radio
und kann den Rauch schon sehen
riechen jetzt in diesem Augenblick
steigt er aus dem Lautsprecher hoch
bis zur Zimmerdecke

Der auch im Privaten bisweilen todesbesessene lyrische Erzähler wird heimgesucht von Visionen biblischer Plagen, die mal als Christusblut, Mückenscharm oder Finsternis daherkommen, mal als surrealistische Lindenblütenflut auf ihn einströmen. »[K]önnt nur diese Weltenschwere«, schreibt der Protagonist, »aufhörn mich zu binden« – ebendiese Weltenschwere veranlasst ihn, neben seiner Hoffnung auf Erlösung, sich immer wieder ein rasches Ende herbeiwünschen. In diesen Momenten entwickelt sich im Buch ein ästhetischer Genuss am Untergang, der Wunsch, dass das Ende »still wird groß und erhaben«. Die Vorstellungskraft des lyrischen Erzählers ist jedoch nicht auf düster-dystopische Szenen beschränkt, sondern erstreckt sich gleichfalls ins Hell-Fantastische, etwa als der Protagonist die metaphorische Erfahrung eines grünen Midas macht:

es ist verrückt alles wächst
was ich berühre und grünt und treibt
[…]
Schreib sofort plant daddy in
Meine Grindr bio zeig sofort
allen was ich zustande bringe
als wären’s meine Hände aus
denen das Leben sprießt

Postheroisches Ohnmachtsgefühl in Gestalt des Antiepos

Das große Verdienst dieses Debüts liegt in der Arbeit an der Form, die populärrealistische Lesegewohnheiten unterläuft. Denn es ist die Form, die Orientierungslosigkeit in einer aus den Fugen geratenen Welt spiegelt und eine Verfremdung bewirkt, die eine rein identifikatorische Lesart des Buches verhindert. So ist die Trauer, die dem Text zugrunde liegt, zwar berührend, doch läuft sie nicht Gefahr, in die Gefilde eines entlastenden Weltschmerzkitsches zu geraten. Der Protagonist verharrt nicht in seiner Schwermut, sondern sucht nach einem ästhetischen Umgang mit ihr.

Daran schließen sich Gattungsüberlegungen an: Während man aufgrund der Versform und der erzählerischen Elemente des Textes zunächst an ein Versepos denken könnte – ein Roman jedenfalls, wie der Buchdeckel suggeriert, ist es nicht – so dürfte es sich doch eher um ein Antiepos handeln. Die antike Heldenfigur und ihre siegreichen Abenteuer weichen hier den geistigen Imaginationen eines Ich-Erzählers, dessen erlebte Handlungsmacht sich auf ebendiese Imaginationen beschränkt. Denn es liegt nicht in der Macht des Einzelnen, die Polykrisen der Spätmoderne allein zu bezwingen. Kein sich in der Realität bewegender Individualheroismus scheint das Blatt des Klimawandels und Artensterbens mehr wenden zu können und so sieht sich auch der erlösungshoffende und gleichzeitig -pessimistische lyrische Erzähler gefangen in einem wahlweise ästhetischen Untergangsgenuss, großer Trauer oder Märtyrerwünschen.

Alexander Schnickmann
requiem
Matthes & Seitz: 2024
‎ 173 Seiten, 22 €

Diese Märtyrerwünsche offenbaren die Begierde nach Handlungsmacht, die formal den stark religiösen Bezug des Textes erklären könnte, denn »die Idee des Opfers, bei dem einer sich hingibt, um das Ganze zu retten, [kann] ohne Religionsbezug schwerlich gedacht werden«, schreibt der Politikwissenschaftler Herfried Münkler. »[N]ur Gesellschaften, die über diese Fähigkeit zur sinnhaft-symbolischen Aufladung des Todes verfügen, können als heroische Gesellschaften begriffen werden.« Gesellschaften also, in denen das Subjekt einen wiederersehnten Handlungsspielraum erlebt. Dass sich die Reise des Protagonisten im Fantastisch-Imaginären abspielt, zeigt den Wunsch und die Unmöglichkeit, dem postheroischen Zeitalter etwas entgegenzusetzen. Die Endzeitvisionen und die Welttrauer von Schnickmanns requiem, vor allen Dingen das Gefühl individueller Ohnmacht und die Beschränkung auf eine Zuschauerrolle im Welttheater, dürften den wenigsten unbekannt sein. Und es ist nicht zuletzt die ästhetische Gestaltung dieses Problems, die den Text großartig macht.

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