Ein wiedergefundenes Leben

Helene Bukowskis Wer möchte nicht im Leben bleiben ist eine vorsichtige Annäherung an das Leben einer begabten Klavierschülerin aus der DDR. Anhand von Dokumenten aus dem Nachlass spürt Bukowski dieser Schülerin nach, die sich mit 24 Jahren starb. Ein sehnsuchtsvoller, zärtlicher Roman und der Versuch, das Verlorene in der Fiktion wiederzufinden.

Von Johanna von der Fecht

Bild: Via Pixabay, CC0

Content Note: In diesem Text wird Suizid erwähnt. Wenn du psychische Probleme oder Suizidgedanken hast, kannst du Unterstützung beim Sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt Göttingen, beim Wegweiser der Gesundheitsregion Göttingen, bei der Universitätsmedizin Göttingen oder beim Asklepios Fachklinikum finden. 

Es gebe da dieses Leben, das erzählt werden müsse, sagt die Großmutter am Telefon. Eine Bekannte von ihr sei auf einen Nachlass gestoßen, bestehend aus Fotos, Tonaufnahmen, Briefen, einer Chronik und weiteren Dokumenten. Was dieses Leben mit ihr zu tun habe, fragt sich die Ich-Erzählerin. Dennoch reist sie kurz darauf nach Neubrandenburg und als sie dann vor dem Nachlass sitzt und die Fragmente des noch unerzählten Lebens begutachtet, ist ihr Entschluss gefasst: Sie wird darüber schreiben.

Damit begibt sich die Erzählerin, die Helene Bukowski selbst ist, so suggeriert es nicht zuletzt das Nachwort, in das Leben von Christina. Hineinbegeben heißt: Sie wird Teil des Erzählten, eine unsichtbare Figur in Christinas Geschichte. Ihre Protagonistin spricht sie mit einem vertraulichen Du an: »Ich schaffe es nicht, mich dir zu zeigen, bin wie gelähmt. […] Dann, eines Tages, spüre ich doch wieder deine Hand in meiner.« Sie begleitet Christina von ihrem Heranwachsen in Neubrandenburg über ihre Zeit an der Spezialschule für Musik in Berlin bis ans Konservatorium in Moskau und schließlich zurück nach Neubrandenburg, wo sich Christina 1985 im Alter von 24 Jahren das Leben nimmt.

Behutsamen Blickes

Bukowski hat Christina nie kennengelernt, doch ihr Wissen um Christinas frühes Lebensende macht deren Verletzlichkeit von Beginn an spürbar. Das geht mit einer besonderen Verantwortung einher, dieses Leben nicht für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. Eine Verantwortung, die Bukowski ernst nimmt. Sie hangelt sich an Christinas Überbleibseln entlang: interpretiert Fotos, formt einzelne Sätze aus der vom Vater geschriebenen Chronik über Christina zu ganzen Szenen um und führt Gespräche mit Menschen, die sie kannten.

Es ist berührend, mit welcher Vorsicht und Zärtlichkeit, mit wie viel Wohlwollen und Interesse Bukowski dieser realen Person begegnet, deren Nachlass kein eindeutiges Bild vermittelt. Es gibt Ungereimtheiten, die sich nicht erklären, Leerstellen, die sich nicht schließen lassen. Beim Erzählen setzt sie deshalb mehrfach an, präsentiert verschiedene Optionen, stellt Christina Fragen zu ihrem Leben und thematisiert ihre eigene Unsicherheit. In jeder Lücke fürchtet Bukowski eine Vereinnahmung von Christinas Leben durch ihr eigenes: »Pass auf, dass du nicht deine eigene Geschichte daraus machst.«

Notgedrungen beginnen die beiden jedoch miteinander zu verfließen, ohne dass sie sich dabei vollkommen und unerkennbar ineinander auflösen würden: »Unsere Erinnerungen an die Weite des Himmels flimmern ineinander. Bruchstücke von ihnen in all meinen Texten.« Stets macht Bukowski erkenntlich, dass sie sich mit Christina identifiziert, ihre eigenen Wünsche auf sie projiziert und sich in Christinas Fiktion auch selbst verwirklicht. So entspringt bereits ihr anfängliches Interesse an Christina einer persönlichen Betroffenheit, und so wünscht sie Christina Erlebnisse, die ihr selbst versagt blieben. Gefährlich ähnlich ist sie in solchen Momenten Christinas Vater, der seine eigene Erfüllung unaufhörlich in dem musikalischen Erfolg seiner Tochter suchte: »Dein Vater verbeugt sich neben dir.« Das könnte man Bukowski ankreiden und ihr vorwerfen, dass sie Christinas Geschichte zu ihrer eigenen mache, sich selbst ins Zentrum rücke. Genauso gut könnte man aber sagen, dass es ehrlich ist: Christina bleibt Mittelpunkt des Erzählten, doch verweist Bukowski zugleich auch darauf, dass beim Schreiben notwendigerweise eigene Anteile in eine Geschichte hineingetragen werden.

»In der Musik hat nichts Bestand«

Die Stationen in Christinas Leben bilden die Eckpfeiler des Romans. Sie strukturieren ihn in vier große Abschnitte und sorgen damit für narrative Kohärenz, die für Bukowski so wesentlich scheint: Sie will Christina verstehen, die Zusammenhänge ihres Lebens und wie es zu ihrem Suizid kommen konnte. Doch scheint ihr auch daran gelegen, Christina in dem Roman nachträglich einen Raum zu geben, in dem Momente gelebter Intensität aufgefangen und bewahrt werden können. Diese findet sie vor allem in Christinas Klavierspiel: »Die Töne tasten in den Raum hinein, breiten sich aus, schieben sich zu dunklen Felsen zusammen, werden vom Meer umspült. Muscheln und Steine folgen der Strömung. Am Horizont berührt der Himmel die Kante des Wassers. Blitze zucken lautlos, leuchten nach. Der letzte Akkord verklingt.«

Helene Bukowski
Wer möchte nicht im Leben bleiben
Claassen: 2026
384 Seiten, 24 €

Bukowskis unmittelbares Präsens, ihre konzisen, dichten Sätze schaffen Szenen von großer Gegenwärtigkeit, in denen sich die Sehnsucht andeutet, etwas Verlorenes festhalten zu wollen. Etwas, das eigentlich auch Christina von einem Moment zum nächsten bereits verloren war: Die Musik als flüchtige Zuflucht. Die Erzählerin versucht deshalb, Christina neben der Musik noch andere Erfahrungen zu schenken, sie zum Beispiel mit den Bäumen zu verwurzeln, den »Fichten, Weiß- und Rotbuchen, Birken, Linden, Pappeln«. Ernüchtert stellt sie irgendwann jedoch fest: »Nichts von dem, was ich dir geben möchte, hat Bestand.« Das liegt vielleicht daran, dass es auch ihre eigenen Erfahrungen sind, von denen sie erzählt.

Eine Gratwanderung

Der Roman lässt einen so sehnsüchtig auf gefüllte Leerstellen dieses verlorenen Lebens hoffen, wie Bukowski sie auszufüllen versucht. Zurecht könnte man also fragen: Scheitert der Versuch, Christina in der Fiktion wiederzufinden? Doch die Frage ist falsch gestellt. Der Roman enthält vielmehr die Erkenntnis, dass Bukowski zwar nicht Christinas reales Leben finden kann, aber doch immerhin eines, das im Roman, in ihrer eigenen Version von Christinas Geschichte, wahr wird. Damit gelingt die Gratwanderung zwischen einer einfühlsamen Darstellung von Christinas Leben und metafiktionalen Reflexionen, die nicht zum bloßen formalen Spiel verkommen, sondern auf ehrliche Weise die Möglichkeiten und Grenzen des Erzählens thematisieren.

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