Aufmerksamkeit posthum

Als modernes Bestiarium kann Mathias Jüglers Anthologie gelten, die fiktionale Prosa über reale ausgestorbene Arten versammelt. Im Gespräch mit Britta Walbrun bleibt die Verbindung zwischen Artenschutz und Literatur jedoch nur angekratzt. Und eine Frage schwingt mit: Warum interessiert sich der Mensch für eine Art erst dann, wenn sie nicht mehr da ist?

Von Katarina Fiedler

Bild: © Katarina Fiedler

Schon einmal etwas von der stachelspitzigen Glanzleuchteralge oder dem gewimperten Glockenhutmoos gehört? Vom Veilchen-Perlmutterfalter oder der westlichen Geisterlibelle? Neben ihrer sprachlichen Einzigartigkeit, die sie wie eigens ausgedachte Fantasiewesen eines Fantasyuniversums wirken lassen, sind sie vom Aussterben bedroht und Teil der Roten Liste der bedrohten Arten Niedersachsens. Vorgelesen, in ihrer sprachlichen Pracht wertgeschätzt und so in ihrer Unbekanntheit ins Gedächtnis gerufen wurden sie am 2. September 2026 von Andrea Strube, Schauspielerin am Deutschen Theater Göttingen, als Einstieg in die Lesung Letzter Auftritt – Nachruf auf die Artenvielfalt im Literaturhaus. Der Abend stellte die Anthologie Wir dachten, wir könnten fliegen (2025), herausgegeben von Mathias Jügler, in den Mittelpunkt eines Gesprächs über Artenschutz und den Literaturbetrieb.

Täglich sterben bis zu 150 Arten von Tieren und Pflanzen aus, viele von ihnen, ohne jemals entdeckt worden zu sein. Eine ausgestorbene Tier- oder Pflanzenart gilt als unwiederbringlich verloren; ist das letzte Individuum einer Art verstorben, könnte sie nur ein Wissenschaftler mit Allmachtsfantasien wie in Jurassic Park wieder zurückholen. Oder? Als »Taschenspielertrick der Literatur« beschreibt Mathias Jügler die Idee seiner Anthologie, in der er mit Hilfe von 19 Autor:innen und der Illustratorin Barbara Dziadosz ausgestorbene Arten noch einmal auferstehen lässt.

Gemeinsam mit Britta Walbrun, Biologin und ehrenamtliche Naturschutzbeauftragte der Stadt Göttingen, beantwortete er die Fragen des Moderators und Verlegers Andreas Rötzer, wie es zu dieser Anthologie kam und welche Gefahr eigentlich mit dem sechsten Massenaussterben einhergeht. Wer sich mit Artensterben beschäftigt, bewegt sich irgendwo zwischen wissenschaftlicher Ernüchterung und dem dumpfen Gefühl, dass die Zahlen längst zu groß geworden sind, um sie noch wirklich zu fühlen. Die Kurzgeschichten lassen das Gewicht des Themas zwischendurch fast vergessen, so lebendig, witzig und berührend sind die Stimmen, die hier versammelt sind. Literarische Diversität als Spiegel von Biodiversität – das ist das verbindende Prinzip des Abends, und es wäre schön gewesen, hätte das Gespräch diese Dynamik aufgefangen.

Noch einmal auf Papier gebannt

Was als Steilvorlage für ein spannendes Gespräch beginnt, über die Emotionalisierung nüchterner Fakten, die enge Verzahnung aus sprachlicher Schönheit und dem Gefühl, der Natur näher kommen zu können, entwickelt sich leider zu einem statischen Frage-Antwort-Spiel. Jügler und Walbrun beantworten die ihnen gestellten Fragen, Rötzer stellt danach unkommentiert die nächste Frage – eine Reaktion vom Herausgeber auf die Biologin oder vom Verleger auf den Herausgeber gibt es dabei nur selten. Für ein fachlich informiertes Publikum wirken die Fragen an Walbrun zudem platt und generisch, sie bleiben nur an der Oberfläche und führen zu einem stellenweise zähen Abend. Dabei ist Walbrun von der Anthologie ebenso begeistert wie Jügler selbst: Eine Kurzgeschichte über den synthetisch wiederhergestellten Duft des ausgestorbenen Hawaiianischen Hibiskus habe sie ganz besonders berührt, denn dieses Experiment gab es tatsächlich und habe sie tief beeindruckt.

Jügler berichtet, dass er zahlreiche Schriftsteller:innen angefragt und mit der Idee, ausgestorbene Arten mit Hilfe von Prosa ein letztes Mal zum Leben zu erwecken, »offene Türen eingerannt« habe. Mit Beiträgen etwa von T.C. Boyle, Kim de l’Horizon, Caroline Wahl, Iris Wolff und Katerina Poladjan sind große Namen der Gegenwartsliteratur vereint, deren Kurzgeschichten jeweils eine Art wiederbeleben und von detaillierten Illustrationen gerahmt sind. Die letzte Geschichte des Abends ist dabei ein besonders eindrückliches Beispiel: Sie erzählt von der Steller’schen Seekuh, die seit 1768 als ausgestorben gilt, aber im 19. Jahrhundert plötzlich noch einmal auftaucht. Die Erzählung von Katerina Poladjan und Henning Fritsch ist ein Wechselbad der Gefühle. Witz und Ironie kippen plötzlich in einen Schockmoment, der die Zuhörenden mit Fassungslosigkeit darüber zurücklässt, wozu die Skrupellosigkeit des Menschen gegenüber der Natur immer wieder führen kann.

Den ganzen Abend über schwingt ein bitteres Gefühl mit, das im Titel anklingt, von Jügler und Walbrun auch angesprochen, aber nie explizit benannt wird: Der Mensch interessiert sich für eine Art erst dann wirklich, wenn sie nicht mehr da ist. Auch diese Anthologie ist ein Relikt für dieses zu späte Interesse, denn sie begibt sich auf die Spuren der »Gegenwart, die längst Vergangenheit geworden ist«, wie es in der Erzählung von Iris Wolff über den Kaspischen Tiger heißt. Die Gleichgültigkeit lässt sich nicht rückwirkend heilen. Sie kann nur mit starkem Einsatz für die Bewahrung noch existenter Arten aufgefangen werden, betont Walbrun. Eine Tech-Utopie wie in Jurassic Park, bemerkt sie lächelnd, sei nicht möglich.

Was vom Verschwundenen bleibt

Der Abend ist Teil der Reihe Climate Care, die das Literaturhaus in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung und der Stiftung Leben & Umwelt durchführt. Es ist eine Gelegenheit, das zu ehren, was nicht mehr ist, und zugleich die Sensibilität dafür zu schärfen, was wir noch bewahren können. Die Anthologie vereint die einzelnen Stimmen verstummter Tiere und ohnehin stummer Pflanzen zu einem Chor der Gleichgültigkeit und Hoffnung. Aus den vorgelesenen Ausschnitten wächst die Lust auf mehr, auf eine Konfrontation mit der Ästhetik des Verlorenen und den Geistern der Vergangenheit, die wie ein Mahnmal in die Gegenwart hineinragen.

Wenn eine Art stumm und unbemerkt verschwindet, trauert niemand um sie. Dass Literatur auf gewisse Weise diese Trauerarbeit übernehmen kann, zeigt Jüglers Anthologie. Der Abend ist demnach auch eine Form des Weiterlebens für alle ausgestorbenen Arten und ein Plädoyer für die Lebenden, die Toten nicht allzu schnell zu vergessen. Wer auf den Spuren dieser Arten wandert, wenn auch nur literarisch, begreift ihre (sprachliche) Schönheit und den winzigen Raum, den der Mensch neben ihnen einnehmen sollte. Mit 32 Euro ist die Anthologie zwar nicht günstig, doch sie hält Antworten parat auf bisher nicht gestellte Fragen. Das ist im Zweifel mehr wert als eine Lesung, die noch so viel mehr hätte beantworten können.

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