Vor etwa 100 Jahren schrieb Virginia Woolf ihren Essay On being ill. Darin geht es um die literarische ›Sprachlosigkeit‹ ihrer Zeit. Nun ist Vom Kranksein als Neuübersetzung erschienen – zusammen mit Auszügen aus Woolfs Tagebüchern. Die ganzheitliche Betrachtung einer Edition, die den Zugang zum Text erschwert.
Von Nadja Schröder
»Das einfachste Schulmädchen hat, wenn es sich verliebt, Shakespeare, Donne, Keats, um sie für sich sprechen zu lassen, doch wenn ein Leidender versucht, einem Arzt den Schmerz in seinem Kopf zu beschreiben, versiegt die Sprache sofort. Es gibt nichts, worauf er zurückgreifen könnte. Er ist gezwungen, selbst Worte zu prägen und seinen Schmerz in die eine und einen Klumpen bloßen Klangs in die andere Hand zu nehmen […], um sie so zusammenzupressen, dass am Ende ein nagelneues Wort herausfällt.«
So formuliert Virginia Woolf vor knapp 100 Jahren in ihrem Essay On being ill ihre Diagnose der englischen Sprache. In Zeiten von Fitnesstrackern im Warentest und Selbstoptimierungswahn wird durch die 2025 erschienene Neuausgabe zwar bereits durch den Titel Vom Kranksein ein Nerv getroffen, aber auch die Fragen, die Woolf darin aufwirft, berühren – damals wie heute – einen neuralgischen Punkt: Wie wird über Krankheiten gesprochen und geschrieben – und was sagt dies womöglich über eine Gesellschaft aus? Welchen Einfluss hat darüberhinaus der eigene Gesundheitszustand auf die Rezeption von Literatur? Woolf hinterfragt zudem rückblickend die literarische Tabuisierung: Warum vermieden Schriftsteller:innen bisher häufig, Krankheit zum Thema zu machen?
»Der Grund dafür ist leicht zu finden. Um diesen Dingen direkt in die Augen zu schauen, braucht es den Mut eines Löwenbändigers, eine robuste Philosophie, einen Verstand, der in den Eingeweiden der Erde wurzelt. Ohne das alles wird dieses Ungeheuer, der Körper, dieses Wunder, seine Schmerzen, uns bald dazu bringen, uns ins Mystische zu flüchten, oder uns mit raschen Flügelschlägen in den Rausch des Transzendentalismus versetzen.«
Ausgehend von ästhetisch fantastischen Beschreibungen basaler menschlicher Leiden (man fühle beim Lesen den Zahnschmerz!) entfaltet sich in dem kleinen Band ein vielschichtiger innerer Monolog, der mit seiner hypnotischen Wirkung in den Bann zieht und mit dessen Hilfe Woolf der akuten literarischen ›Sprachlosigkeit‹ ihrer Zeit wohltuend zu Leibe rückt. Fließend gehen dabei die freien Assoziationen zu Körper, Lektürekorpus und Literaturgeschichte mit Erwähnungen zahlreicher britischer und französischer Schriftsteller:innen in humorvolle Gesellschafts- und Regierungskritik über. Sogar der englischen Kirche wird eine unbequeme Visite abgestattet. Dieser Bewusstseinsstrom ist eine fiebertraumartige Abhandlung über Literatur und Leben, die die unmittelbare Wahrnehmung von Emotionen als notwendig erachtet, um zu bestimmten literarischen – vor allem lyrischen – Werken einen Zugang zu bekommen. Kurz, aber nicht schmerzlos ist dieses Essay und definitiv zur wiederholten Anwendung geeignet.
Kein Zimmer für sich allein
Wie man sich als Normalsterbliche:r im Krankenhaus gerne Ein Zimmer für sich allein wünscht, so wünscht man diesem komplexen Text eine Edition für ihn allein, einen Band, der ausschließlich ihn behandelt, aufschlussreiche Anmerkungen im Anhang einfügt oder die englische Version parallel abdruckt, damit der Klang des Originals wahrnehmbar gemacht wird. Leider ist dies hier nicht der Fall. Vom Kranksein erschien beim Salzburger Jung und Jung-Verlag zwar in einer gelungenen Neuübersetzung von Antje Rávik Strubel. Jedoch gibt es neben rudimentären und ungenauen Angaben zum Essay (Erstveröffentlichung 1926 oder 1930?), die ein etwas liebloses Lektorat vermuten lassen, nur eine klischeehafte Kurzbiographie von Woolf, sowie ganze 40 Seiten zu Tagebucheinträgen, die bei einem Umfang von 37 Seiten des Essays den Hinweis »Ergänzt um Auszüge aus Virginia Woolfs Tagebüchern« zu einem Euphemismus machen, der auch »Erschlagen von« lauten könnte.
Die Einleitung zu diesen Tagebuchpassagen erklärt schließlich, dass sich die 32 folgenden Texte über einen Zeitraum von über 22 Jahren (März 1918 bis Oktober 1940) erstrecken, lässt aber zugleich weitere Erläuterungen dazu vermissen, ob es sich um komplette Einträge einzelner Tage handelt, oder ob nur Abschnitte, in denen Woolf von ihrer Gesundheit spricht, extrahiert wurden. Der große Zeitraum und die unterschiedlichen Krankheitsbeschreibungen (ja, auch Woolf hatte einmal Zahnschmerzen!) lassen zudem nicht die Notwendigkeit erkennen, auf der ersten Seite des Bandes zu erwähnen, dass Woolf »wie so oft«, vorm Schreiben ihres Essays On being ill selbst krank gewesen war. Erschwerend kommt hinzu, dass sogar der Klappentext nach der Ankündigung »Virginia Woolfs berühmter Essay neu übersetzt von Antje Rávik Strubel« kein Zitat desselbigen, sondern ein Auszug aus – genau, den Tagebüchern enthält (der obendrein keinen zeitlichen Zusammenhang zur Entstehung des Essays zu haben scheint).
Ungewollte Krankschreibung
Diese fehlenden Kontextualisierungen setzen sich auch in der im wahrsten Sinne des Wortes einseitigen Biografie Woolfs fort, in der weder ihre schon zu Lebzeiten internationalen Erfolge als Schriftstellerin, ihre Arbeit als Verlegerin und Übersetzerin, ihre zentrale Rolle in der Bloomsbury Group, die Titel einiger ihrer bekanntesten Romane (Mrs Dalloway, Orlando), noch ihre experimentelle Erzählweise erwähnt werden. Einzig Ein Zimmer für sich allein wird genannt. Stattdessen müssen obligatorisch vier (!) männliche Autoren ihrer Zeit, von denen – man glaube es kaum – zwei »in ihrem Elternhaus ein und aus[gingen]«, als Placebo herhalten, um ihren Status als »Englands größte Autorin der Moderne« zu legitimieren und gleichzeitig geschlechtsspezifisch einzugrenzen. Weitere Hinweise auf Woolfs ›fehlende‹ Schulbildung, ihren Ehemann, familiäre Missbrauchserfahrungen, ihre Gesundheit und ihren Selbstmord verfehlen ebenfalls die vermutlich intendierte würdigende Wirkung.

Aus dem Englischen von Antje Rávik Strubel
Vom Kranksein
Jung und Jung: 2025
80 Seiten, 11 €
In Verbindung mit den Tagebucheinträgen ergibt sich damit ein starker Autorin-Bezug, der den Essayband nicht nur überfrachtet, sondern sehr bevormundend Lesende zu einer naheliegenden, aber unzureichenden psychoanalytischen Interpretation des Textes drängt. Dadurch wird der unvoreingenommene Zugang zum Werk Woolfs, das in seiner Komplexität für sich alleinsteht, nicht nur erschwert. In diesem Fall wird Vom Kranksein von dem hilflosen Deutungsversuch anhand auseinandergepflückter Tagebucheinträge nahezu erdrückt. Das Kissen auf dem Buchcover scheint damit nicht für das Heilsversprechen und die Hoffnung auf Genesung zu stehen, sondern symbolisiert die stille, unheilvolle Drohung, dass jeder unbefangene Lektüreversuch einem Tod durch Ersticken zum Opfer fallen wird. Woolf, selbst Lektorin und Verlegerin, würde sich vermutlich im Grab umdrehen.
Patientin rettet sich selbst
Glücklicherweise haben sich Jung und Jung nicht mit dem pandemischen Trend, ›Healthcare‹-Bücher auf den Markt zu bringen, infiziert, doch die symptomatische Veröffentlichung des Bandes pünktlich zum Start der Grippesaison im November wirkt aufgrund der editionsbedingten Schwächen übereilt. Dass der Verlag dennoch mit einem blauen Auge davonkommt, ist Woolfs Verdienst. Denn ihr Essay ist nicht nur das beste Trostpflaster für den editionsbedingten pain in the neck, es ist nichts weniger als ein weltschmerzlinderndes Wundermittel und Balsam für eine literaturverzagte Seele. Bescheiden schreibt sie über Shakespeare, dass »bei vollem Verstand und Bewusstsein« sein Ruhm einschüchtere, obwohl es »ein so gewaltiges Vergnügen, ein so immenser Ansporn [sei], die Großen zu lesen«.
Gleiches gilt jedoch für Woolf selbst, denn sie ist eine der Großen, ihr Werk spricht für sich und, sich ihm zu stellen, tut gut. Ihre Worte »verströmen ihren Duft, rieseln herab wie Blätter und betupfen uns mit Licht und Schatten, und dann, wenn wir endlich die Bedeutung erfassen, ist sie umso reicher, nachdem sie mit all der Pracht auf ihren Flügeln langsam aufgegangen ist«. Nachdem die bitteren Pillen der Edition brav geschluckt und die Begleiterscheinungen verdaut sind, wird man schließlich belohnt mit diesem Bonbon der Weltliteratur.

