Wie sich Armut wirklich anfühlt

Miriam Davoudvandi schreibt in Das können wir uns nicht leisten über ihre Kindheit in Armut und wie diese Lebensrealität alle Aspekte ihrer Existenz beeinflusst und nachhaltig geprägt hat. Ihr Ziel ist, der Scham, die oft mit Armut verknüpft ist, etwas entgegenzusetzen und zu zeigen, dass arm sein kein individuelles Versagen ist.

Von Sophia-Carlotta Meyer

Bild: Via Pixabay, CC0

Armut erscheint in politischen Debatten häufig als Zahl oder als Problem, das sich in Tabellen und Diagrammen vermessen lässt. Menschenleben werden in sachliche Debatten gepresst. Miriam Davoudvandi bricht mit diesem Umgang und kritisiert offen und mit gezielten Spitzen eine Gesellschaft, die Armut stets auf Distanz halten möchte und nicht als strukturelles Problem sieht: »Die Schuld wird beim Einzelnen gesucht. Und wer Schulden hat, kann wohl einfach nicht mit Geld umgehen.« Sie interessiert sich für etwas anderes als Debatten: für die Spuren, die Armut im Alltag hinterlässt. Die Musikjournalistin, die als Chefredakteurin des Splash! Mag bekannt wurde, erzählt von ihrer Kindheit zwischen Rumänien und Deutschland und wie die finanziellen Sorgen ihrer Eltern schnell ihre eigenen wurden.

Davoudvandis Mutter, ursprünglich Krankenschwester, folgt ihrem iranischen Mann 1999 nach Deutschland. Gemeinsam bestreiten die Eltern als Putzkraft und Maler den Lebensunterhalt für drei Kinder. Der ökonomische Aufstieg, den sich die Familie von der Migration nach Deutschland aufgrund von höheren Bildungschancen verspricht, bleibt aus. In kurzen Kapiteln verfolgt Davoudvandi, wie sich materielle Knappheit in nahezu jeden Bereich des Lebens einbrennt: in Freundschaften, Freizeit, psychische Gesundheit und das eigene Selbstverständnis. Dabei belässt sie es nicht bei Erinnerungen und Beobachtungen, sondern verknüpft ihre Erfahrungen immer wieder mit Studien und fundierten Forschungsergebnissen, wie beispielsweise denen der Bertelsmann Stiftung, die zeigen, dass Alleinerziehende trotz Arbeit noch immer das höchste Armutsrisiko haben.

Armut ist kein Zeugnis individueller Defizite

Die Stärke des Buches liegt dort, wo Davoudvandi die alltäglichen Mechanismen der Armut sichtbar macht. Im Mittelpunkt stehen die kleinen Grenzziehungen, zwischen unterschiedlichen Lebensrealitäten, die sich unbemerkt durch ein Leben ziehen: Einladungen, die man ausschlägt, weil die Angst vor ungeplanten Ausgaben zu groß ist, Ausflüge, die nicht stattfinden, weil das Geld fehlt. Gespräche, in denen man schweigt, da man sonst Gefahr läuft, seine prekäre Lage zu verraten.

Allem voran macht Davoudvandi deutlich, dass Armut in unserer Gesellschaft keineswegs nur diejenigen betrifft, die bereits unter prekären Bedingungen leben. Zwar gibt es einen Teil der Bevölkerung, dessen finanzieller Reichtum so groß ist, dass ein Leben in Armut kaum vorstellbar ist, für einen großen Teil der Gesellschaft ist die eigene finanzielle Sicherheit jedoch wesentlich fragiler: Krankheit, Arbeitslosigkeit, Trennung, steigende Wohnkosten oder andere unvorhergesehene Ereignisse können Menschen schnell in finanzielle Not bringen.

Besonders gelungen ist, wie konsequent sie den Blick weg von individuellen Entscheidungen und hin auf gesellschaftliche Strukturen lenkt. Dazu gibt sie Einblick in Studien aus den verschiedensten Bereichen wie Familienpolitik, Armutsforschung oder zum Wohnungsmarkt. Armut erscheint hier nicht als persönliches Scheitern, sondern als Zustand, der politisch verwaltet und sozial reproduziert wird: »Das Aufstiegsnarrativ ist mit Schuld dran, dass so wenig über Armut gesprochen wird. Gewinner denken oft, sie seien selbst verantwortlich für ihren Erfolg, egal wie sehr ihnen Zufall, Glück, Kontakte, Geld und Erbe in die Karten gespielt haben. Und Verlierer glauben eben, sie seien schuld an ihrem Verderben, egal wie sehr Zufall, Glück, Kontakte Geld und Erbe abwesend waren.« Das Buch richtet sich damit auch gegen die Scham, die Armut häufig begleitet und gegen die Vorstellung, sie sei Ausdruck individuellen Versagens.

Armut ist Kopfsache

Besonders eindrücklich sind die Passagen über Hip-Hop und Rapmusik. Nach jedem Kapitel läuten Texte aus bekannten Deutschrap Songs von Künstlern wie Bushido, Haftbefehl oder Xatar das nächste Kapitel ein. Davoudvandi beschreibt die Rap-Kultur nicht bloß als musikalische Vorliebe, sondern als einen Raum, in dem Wut und Zugehörigkeit verhandelt werden können. Durch die Musik kann eine neue Identität entstehen, indem man die eigene Lebensrealität nimmt, ihr ins Gesicht sieht und sich klare Ziele setzt, aus dieser irgendwann auszubrechen.

Davoudvandis Weg führt schließlich – nach unzähligen Praktika, einem Job bei einem Radiosender und einem abgebrochenen Politikwissenschaftsstudium – in den Journalismus. Doch der Aufstieg, den sie erreicht, erscheint ihr nie als einfache Erfolgsgeschichte. Stattdessen begleitet sie ein Gefühl der Schuld und des Verrates, mittlerweile finanzielle Sicherheiten zu besitzen, während ihre Eltern und viele Menschen aus dem früheren Umfeld immer noch zu kämpfen haben. Zugleich zeigt Davoudvandi, wie hartnäckig Armut nachwirkt. Das Konto mag sich verändern, aber wer mit Mangel aufgewachsen ist, wird ihn nicht einfach los. Stattdessen bleiben viele Gefühle gleich und sind durch die Armutserfahrung geprägt: die Angst vor Briefen, die Frustration darüber, manchmal schlecht gewordenes Essen wegwerfen zu müssen und die Alpträume über leere Bankkonten.

Das Gefühl, gesehen zu werden

Das können wir uns nicht leisten überzeugt gerade dort, wo es persönliche Geschichte und gesellschaftliche Analyse zusammenführt. Jemandem der selbst in Armut aufgewachsen ist, sind viele Beobachtungen erschreckend vertraut. Besonders die Beschreibung jener Strukturen, die Menschen arm halten und gleichzeitig gegeneinander ausspielen, trifft einen wunden Punkt. Ein besonders treffendes Beispiel dafür ist der Umgang mit Konsum: Davoudvandi beschreibt, wie schnell arme Menschen dafür kritisiert werden, wenn sie sich etwa einen neuen Fernseher leisten, während gleichzeitig kaum darüber gesprochen wird, welche Bedeutung ein Fernseher für Menschen in prekären Lebenssituationen haben kann. Für viele ist er nicht bloß ein Luxusgegenstand, sondern eine der wenigen Möglichkeiten, am kulturellen und politischen Leben teilzunehmen, sich zu informieren oder für einige Stunden dem Alltag zu entkommen.

Miriam Davoudvandi
Das können wir uns nicht leisten
btb Verlag: 2026
265 Seiten, 18 €

Genau diese Widersprüchlichkeit bring Davoudvandi auf den Punkt, wenn sie schreibt: »Arme Menschen vergleichen sich untereinander und reiche Menschen schauen auf sie herab. Dabei geht die Annahme voraus, dass Armut und Reichtum selbst verschuldet seien.« Der Fernseher wird so zum Symbol für eine Gesellschaft, in der armen Menschen selbst die wenigen Dinge, die ihnen Teilhabe ermöglichen, als Beweis ihres vermeintlich falschen Umgangs mit Geld vorgehalten werden. Davoudvandi zeigt, wie sozialer Ausschluss aufgrund von ökonomisch prekären Lebenssituationen entsteht, wie aus einem Wir und Die politische Wirklichkeit wird und warum diese Trennlinien so beständig sind. Selten wird dieser Zusammenhang so klar und nachvollziehbar beschrieben, als Leser:in fühlt man sich zu keinem Zeitpunkt belehrt und wird dennoch schlauer durch das Buch.

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