In ihrem Buch Wie kann sie nur? unternimmt Sophie Passmann den Versuch, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, indem sie die Bewertung von Frauen im Internet beleuchtet. Doch wie authentisch kann ihr kritischer Blick sein, wenn sie selbst auch Teil dieser Mechanismen ist?
Von Sophia-Carlotta Meyer
Bild: Pixabay, CC0
Sophie Passmann ist Satirikerin, Moderatorin, Autorin und Podcasterin. Sie hat auf Instagram über 400.000 Follower und interessiert sich für Popkultur, Literatur und die Erfahrung, als weiblich gelesene Person im Internet zu existieren. Mit Wie kann sie nur? bündelt sie diese Beobachtungen nun in Buchform und entfaltet jene zentralen Fragen, die sich beim Blick auf den mitunter absurden Kosmos der sozialen Medien aufdrängen. Passmann spricht von ›Girlhood‹, von ›Tradwives‹, von der Idee, in Würde zu altern, sowie jenem alltäglichen Selbsthass, der sich einstellt, wenn die ganze Welt zusieht und glaubt, einen Menschen beurteilen zu können, obwohl sie lediglich einige wenige Bilder von ihm kennt. Unterstrichen wird all das mithilfe von prominenten Beispielen wie Billie Eilish, Hayley Bieber oder Nara Smith.
Wenn das Feuilleton außen vor bleibt
Während der Lektüre wird eines klar: Sophie Passmann hat Ahnung von diesem Leben, das sich hauptsächlich online abspielt. Sie weiß nicht nur, wie es ist, wenn hunderte Augen auf einem liegen, tausende Kommentare in kürzester Zeit auf einen einprasseln, sie weiß auch wie es ist, Teil der Followerschaft zu sein, Frauen im Internet zu beobachten, sie mit sich selbst zu vergleichen, sie ein wenig zu hassen. Dabei geht sie selbstreflektiert mit diesen Themen um, schreibt offen über ihre eigenen Gedanken, die nicht immer freundlich sind, und versucht dennoch eine Lanze zu brechen für jede weiblich gelesene Person, die sich traut, im Internet Aspekte ihres Lebens zu teilen. Passman traut sich, die Fragen zu benennen, die beim Scrollen entstehen können. Sie sind teilweise unangenehm ehrlich, teilweise herausragend komisch und zuweilen kommen sie den eigenen Gedanken näher, als es lieb ist:
»HOFFE ich, dass meine Lieblingsinfluencerin im echten Leben besser oder schlechter aussieht als im Internet?
WIE schön müsste eine Frau sein, um auszugleichen, dass sie uninteressant ist?
WIESO fragen wir uns nie, ob wunderschöne Schauspieler insgeheim uninteressant sind?
WÄRE ich ohne das Internet dünner? Oder dicker?
WÄRE ich überhaupt jemand?«
Diese Art zu schreiben eckt, besonders im literarischen Lager, an. Viele Kritiker:innen, wie Stella Brikey von der Brigitte, formulieren ihre Distanz zu diesen Themen, können nichts mit den Beschreibungen rund um den Begriff ›Nepobaby‹ oder der Erfahrung eines Botox-Eingriffes anfangen. Der Literaturkritiker Denis Scheck geht sogar noch einen Schritt weiter, bezeichnet Passmanns Buch in seiner Sendung Druckfrisch als »intellektuelle Desaster-Zone«. Dabei stellt sich jedoch die Frage, ob dieses Buch für diese Zielgruppe geschrieben wurde oder nicht. Und die Antwort drängt sich förmlich auf: Nein, ist es nicht. Passmann wendet sich an eine Gruppe von Leser:innen, die wissen, oder zumindest eine Idee davon haben, wie ein Lipliner perfekt aufgetragen wird und was die ›Eras Tour‹ von Taylor Swift für einen kulturellen Einfluss hatte. Sie nimmt vorweg, dass dieses Buch gelesen und verstanden wird, weil man selbst Teil dieser Gruppe im Internet ist, die Menschen aufgrund ihrer Internetpräsenz bewertet und die gleichzeitig bewertet wird. Sie möchte dem Teil der Gesellschaft den Spiegel vorhalten, der von diesem Verhalten betroffen ist. Dabei ist sie präzise und ›relatable‹: Sie beschreibt in nur wenigen Worten genau diese Gedanken, die einem im Alltag immer wieder durch den Kopf gehen, ohne dass man die Worte dafür hat.
Von der Analyse zur Selbstverstrickung
Gleichzeitig drängt sich im Verlauf des Buches ein zentrales Problem immer wieder auf: Sophie Passmann ist längst keine unbeschwerte »Frau im Internet« mehr, wie sich selbst in ihrem Buch bezeichnet. Vielmehr ist sie, wie sie selbst einräumt, zu einem Produkt geworden, kooperiert mit verschiedenen Mode-, Haarpflege- und Make-up-Unternehmen. Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass Passmann genau dann versucht, objektiver zu schreiben, wenn sie über kontroversere Aspekte schreibt – eine persönliche Distanznahme von solchen Themen sucht man hier vergeblich. Auffällig ist, dass Passmann mehrfach, wenn das Thema Influencer:innen zur Sprache kommt, deutlich wohlwollender urteilt, als es die ansonsten mitunter fast schon unangenehme Ehrlichkeit des Buches erwarten ließe.

Wie kann sie nur?
Kiepenheuer&Witsch: 2026
240 Seiten, 23 €
Am Beispiel der sogenannten ›Tradwives‹ – also Frauen, die ihr Leben einem traditionellen Rollenbild aus häuslicher Arbeit und Kindererziehung widmen – zeigt sich diese Tendenz besonders deutlich. So deutet Passmann etwa Nara Smith vor allem als missverstandene Satirikerin, während sie die Betreiberin des Instagram-Accounts Ballerina Farm vorrangig als Unternehmerin mit ausgeprägtem Geschäftssinn einordnet. Unerwähnt bleibt dabei jedoch die inhärente Ambivalenz dieser Inszenierungen: Wohlhabende Frauen mit mehreren finanziellen Standbeinen präsentieren im Internet ein Lebensmodell, das auf finanzieller Abhängigkeit vom Ehemann basiert, und verkaufen es zugleich als erstrebenswertes Ideal.
Die falsche und zugleich richtige Stimme
Das letzte Kapitel spitzt diese Distanz zwischen Autorin und Leser:innenschaft zu. Darin schildert die Autorin eine Reise mit ihrem Partner nach Los Angeles, wo die Promofotos für das Buch entstehen sollen. Der gesamte Abschnitt wirkt dabei stellenweise unnahbar, fast so, als wolle Passmann noch einmal betonen: Sie führt ein Leben, das sich deutlich vom Alltag der meisten unterscheidet – und trotzdem beansprucht sie zugleich eine gewisse Nahbarkeit. Das zu Beginn entstandene Gefühl der Identifikation, etwa in ihren nachvollziehbaren Reflexionen darüber, wie die Wahrnehmung anderer attraktiver Frauen das eigene Selbstbild beeinflusst, tritt hier in den Hintergrund. Stattdessen erfolgt eine letzte, deutliche Setzung: Das hier ist keine gewöhnliche Erzählinstanz. Sie lebt ein Leben, das für viele kaum greifbar ist. Und damit verkörpert sie alles, was in ihrem Buch angesprochen wird: Wie kann eine Frau, die ein ganzes Buch darüber geschrieben hat, wie die Gesellschaft das Selbstbewusstsein weiblich gelesener Menschen systematisch zerstört, in ihrem letzten Kapitel von einem Urlaub an der amerikanischen Westküste erzählen, der einzig der Aufgabe dient, Bildmaterial für ihr neues Projekt zu erstellen? Wie kann man sich selbst als Frau so ernstnehmen? So viel Raum einnehmen? Wie kann sie nur?
Genau das grenzt Sophie Passmann von anderen Autor:innen ab. Sie ist nicht nur Konsumentin und Dienstleisterin, sie ist gleichzeitig Produkt. Sie hat den gesamten Kreislauf der sozialen Medien einmal (wahrscheinlich hunderte Male) durchgespielt und versteht sie, wie es kaum jemand anderes kann. Sophie Passmann ist nicht mehr ›relatable‹ und somit die letzte Person, die dieses Buch hätte schreiben sollen – und gleichzeitig ist sie genau die richtige Person.

