Ein prähistorischer Perspektivwechsel

Feministische Pflichtlektüre trifft archäologischen Dokumentarfilm auf Papier: Ulli Lust erzählt in ihrem Sachcomic Die Frau als Mensch die steinzeitliche Menschheitsgeschichte nochmal ganz von vorn, und spannt mittels kunstvoller Illustrationen einen Bogen zwischen früher und heute. Von der ersten Seite an taucht man fasziniert ein.

Von Hannah Gottschalk

Bild: Venus von Willendorf, via Wikimedia (bearbeitet), CC 4.0

In ihrem Sachcomic Die Frau als Mensch. Am Anfang der Geschichte geht Zeichnerin Ulli Lust der Frage nach, wie die steinzeitliche Menschheitsgeschichte aussehen kann, wenn Frauen – im Kontrast zu der klassisch-patriarchalen Erzählweise – nicht nur eine Nebenrolle spielen. Auf über 200 Seiten veranschaulicht sie die Lebensrealität der Menschen, die 40.000 bis 20.000 Jahre vor unserer Zeit die Welt bewohnten. Dabei zeichnet Lust anhand von archäologischen Befunden nicht nur ein geographisch weites Panorama der frühen Menschheitsgeschichte, sondern verbindet prähistorische Lebensinhalte, Gewohnheiten und religiöse Traditionen auch mit in moderneren indigenen Kulturen vorkommenden Elementen ähnlichen Charakters, beispielsweise den südafrikanischen Khoisan und den Iñupiat in Alaska.

Mithilfe solcher Verknüpfungen erzählt sie spekulative Alltagsszenen der prähistorischen Menschen und erweckt dadurch verstaubte Knochen zum Leben. Gleichzeitig lässt sich Lust kaum zu romantisierten Phantasien hinreißen, sondern stellt ihre Ausführungen auf den Boden aktueller Forschungserkenntnisse, die im Anhang des Buches chronologisch nachzuschlagen sind. Im Ergebnis gleicht ihr Comic einem patchworkartigen Dokumentarfilm – nur eben zwischen zwei Buchdeckeln.

Vom Anfang und Ende der Scham

Den etwas sarkastischen Auftakt des Sachbuches bildet eine anekdotische Auseinandersetzung mit frühen Berührungspunkten der Autorin mit modernen Geschlechterrollen. Über die Doppeldeutigkeit des gesellschaftlich ›Schambehafteten‹ und Interpretationen paläolithischer Kunst entrollt Lust den roten Faden des Buches: archaisch-weibliche Figurinen, die verschiedene diachrone und diatopische Schauplätze der Menschheitsgeschichte als zentrales Motiv miteinander verbinden.

Ulli Lust
Die Frau als Mensch
Reprodukt: 2025
256 Seiten, 29€

Zwischendurch scheint sich der rote Faden des Buches immer wieder zu verlieren – Lust mäandert zwischen der Politik Botswanas um die Jahrtausendwende und informativen Darstellungen zum Klima Nordeuropas vor der letzten Eiszeit. Spekulationen über die Bedeutung roter Ockerfarbe über Kulturen hinweg gehen in Exkurse zu anderen Hominiden über, Waljagden der Inuit und modernes Menstruationstabu folgen fast nahtlos aufeinander. Etwas willkürlich scheint dieses Sammelsurium an Einblicken in Archäologie und Anthropologie, das alle Lebensbereiche kurz berührt, Faszination weckt, und dann zur nächsten Szene springt, gelegentlich schon.

Tritt man jedoch einen Schritt zurück vom Wirbelstrom der Eindrücke, so ergibt sich aus den Forschungsergebnissen ein faszinierendes Gesamtbild, das doch immer ein zentrales Element enthält: die menschliche Gemeinschaft. Die Autorin versteht es, zwischen gestern und heute eine Brücke zu bauen, die der modernen Leser:innenschaft den prähistorischen Homo sapiens als Vorfahr nahe bringt, dessen Leben und Denken ebenso tiefgreifend war wie das unsere.

Kunst und Knochen

Lust räumt mit Stereotypen und weit verbreiteten Irrtümern zur Abstammung des modernen Menschen auf, und bedient sich dabei am Wissen der Biologie, Archäologie, Soziologie, Geographie und aller Forschungsbereiche dazwischen. Verwandtschaftsbeziehungen zu Schimpanse und Bonobo, die Rolle weiblicher Familienmitglieder bei der Jagd, vermeintliche Geschlechterbinarität – kaum ein Thema bleibt unberührt. Gekonnt erzählt die Autorin eine Geschichte, die eigentlich kaum auf 200 Seiten passt: von Mensch, Tier und Umwelt, sowie den Wechselwirkungen der drei, über mehr als 20.000 Jahre hinweg. Künstlerisch illustriert und doch vollkommen unbeschönigt schreibt und zeichnet sie, mit einem Auge für die Unsinnigkeit moderner Tabuthemen, die gerne eng mit dem weiblichen Körper und seinen Funktionen verknüpft sind. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass die österreichische Comiczeichnerin für Die Frau als Mensch 2025 den deutschen Sachbuchpreis gewann. Im Februar 2026 ist der zweite Band erschienen: Schamaninnen, ebenfalls bei Reprodukt.

Trotz der großen Fülle an Informationen ist Die Frau als Mensch alles andere als überladen. Stattdessen vermag es Lust, Lesende auf unkomplizierte Weise in komplexe Zusammenhänge zwischen Menschheitsgeschichte und Umwelt eintauchen zu lassen. Das mal einfach gehaltene, mal im liebevollen Detail ausgearbeitete Comicformat mit einfacher Strichführung, klaren Konturen und skizzenhaft-bodenständigem Charakter lädt nicht nur zum Verweilen und Bewundern ein, sondern auch dazu, immer wieder zurückzukehren, innezuhalten, und erneut die prähistorische Welt unserer Vorfahren zu betreten. Große Panoramaszenen in flächiger Pastellfarbgebung erschaffen einen natürlichen, beinahe kinematografischen Hintergrund, in den der frühe homo sapiens sich durch ähnliche Farben und Schraffuren ganz selbstverständlich eingliedert, als Teil des Ganzen. Lediglich leuchtende Rot- und Orangetöne heben sich bisweilen von der Kulisse ab, und verbinden subtil grafische Darstellungen mit zentralen Themen, darunter auch die Ockerfarbe selbst, die die Menschheitsgeschichte seit über 100.000 Jahren begleitet.

Ulli Lust vereint den neutralen Ton eines Sachbuchs und kunstvolle Comic-Illustrationen zu einer feministischen Pflichtlektüre, die doch noch viel weiter geht als die Korrektur patriarchaler Narrative zur ›Rolle der Frau‹, und tief in die Frage dringt, was den Menschen seit Beginn seiner Existenz auf der Erde ausmacht. Wer also an einem neuen, anschaulich präsentierten Bild der Menschheitsgeschichte interessiert ist, das gespickt ist mit liebevollen Details und wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Welt der ersten Menschen, kann mit Die Frau als Mensch die ersten Schritte gehen.

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