Weibliche Herrschaft – eine bessere Welt?

Das Matriarchat als Vision wird in Das Paradies ist weiblich von Autor:innen untersucht. Doch ist Frauen-Herrschaft wirklich ein besserer Gegenentwurf zum Patriarchat oder brauchen wir einen ganz neuen Entwurf? Nicht jeder Ansatz dieses Sammelbandes ist geeignet.

Von Lucie Mohme

Bild: Via Pixabay, CC0

Der Sammelband Das Paradies ist weiblich, herausgegeben von Tanja Raich, lässt vom Titel und dem Umriss des Klappentexts mehr erwarten, als die theoretischen Essays, dystopischen oder utopischen Kurzgeschichten und Erfahrungsberichte schließlich hergeben. Es entsteht ein breit gefächerter Mix aus biologischen und kulturtheoretischen Essays, Themen wie Familien- und Mutterschaftskonzepten, linguistisch analytischen Texten und sogar einem Comic. Eine Einladung »in eine Welt, in der Frauen das Sagen haben« wird dabei nicht immer ausgesprochen. In den Texten von Shida Bazyar oder Anke Stelling wird eher eine Anti-Patriarchats-Stimmung vermittelt, da sie überwiegend davon sprechen, wie langweilig und ungehörig die Patriarchats-Party ist, ohne dass die Matriarchats-Fete überhaupt zur Sprache kommt.

Das passt nicht ganz in den Rahmen des Buchs, da davon auszugehen ist, dass sich die Zielgruppe der katastrophalen Zustände der patriarchalen Welt bewusst ist, schließlich lebt sie darin. Außerdem gibt es von dieser Sorte schon einige Bücher, wie zum Beispiel Margarete Stokowskis Untenrum frei. So legitim solche Literatur ist – in einem Band mit dem Titel Das Paradies ist weiblich sollte es mehr um Frauen* und einen futuristischen Ausblick einer matriarchalen Welt gehen. Besser passen daher Texte, die sich mit der Herrschaftsform des Matriarchats kritisch auseinandersetzen und zu einem Fazit kommen.

Fiktionale und kreative Glanzleistungen

Am meisten überzeugen also die Texte der Autor:innen, die die Einladung ins Matriarchat deutlich aussprechen. Dies passiert auf einer theoretischen Ebene, funktioniert aber auch in fiktionalen Texten, indem starke und sogar spielerisch übertriebene Matriarchats-Modelle entworfen werden. Gerade die utopischen Kurzgeschichten wecken den Wunsch, weiter und mehr zu lesen. Bei den Texten von Feridun Zaimoglu, Kübra Gümüşay oder Mareike Fallwickl kann gern ein Roman aus den Seiten entstehen. Fesselnd sind hier nämlich schon die ersten paar Sätze der fiktionalen Kreationen.

Jaroslav Rudiš‘ Libuse. Ein Dramolett hinterlässt jedoch Fragezeichen. Die Geschichte, die im Stil eines Theaterstücks geschrieben ist, hat wenig mit Matriarchat zu tun, stattdessen geht es um die Göttin Libuse, die  eine bessere Welt aufbauen will, nachdem diese von Männern zerstört wurde. Der zentrale Vergleich des Textes, dass Wildschweine bessere Männer sind, ist auch fraglich. Als vorletzter Text im Band scheint die Abrundung der Sammlung damit schwierig.

Emilia Roig schafft es jedoch, die Kante, die Rudiš macht, zu glätten und beendet das Buch mit einem theoretischen Essay, der hervorsticht. Ähnlich wie Linus Gieses Essay, der als Alternative zum Matriarchat ein »Queertopia« vorschlägt, lehnt Roig die Herrschaft, die in dem Wort Matriarchat steckt, ab. Roig und Giese machen sich für eine Welt der Gleichberechtigung stark und planen keine Rachezüge auf das Patriarchat und deren Akteure – also Männer. Sie differenzieren zusätzlich biologisches Geschlecht und Gender. Dies ist angenehm und beinhaltet nicht, wie öfter in diesem Band,  nur eine kritische Auseinandersetzung mit unseren gegenwärtigen patriarchalen Ungerechtigkeiten. Ihre Texte haben einen realistischen Anspruch. Roig beharrt zudem darauf, dass die Utopien, die wir uns ausmalen, mit der Zeit wahr werden. Ihr Ausblick am Ende bekräftigt dies:

Wenn die Menschheit diese Wahrheit erst mal verinnerlicht hat, werden wir allmählich in einer unterdrückungsfreien Welt ankommen können. Eine Welt, in der nicht mehr eine Handvoll Menschen die Welt auf Kosten anderer regiert. Sondern eine Welt, in der jede lebende Seele, jedes Mineral, jedes Teilchen des Universums seinen eigenen Platz haben wird, ohne dass sein Wert infrage gestellt wird.

Die ersten Essays, unter anderem von Mithu Sanyal und Margit Schreiner, schauen auf Kulturen, die in der Realität matriarchal leben. Schreiner wählt dafür das Beispiel der geschlechtswechselnden Clownfische, was sich zugleich amüsant und lehrreich liest, und schafft eine gute Balance zwischen Erfahrungsbericht und Theorie. Leider beginnen viele der theoretischen Essays mit einer Definition des Matriarchats-Begriffs, was eine gewisse Überdrüssigkeit entstehen lässt.

Winklers Verirrung

Ein Essay fällt besonders aus feministischer Perspektive negativ auf: Philipp Winkler verrennt sich in seinem Argument. Zuerst einmal ist die Definition einer gewaltlosen Welt, die er dem Matriarchat zuspricht, vage. Winkler schreibt, selbst Wonder Womans Fähigkeiten seien ein Produkt ihrer »(patriarchalen) Umwelt«, jedoch schreibt er den Superheldinnen des Matriarchats Eigenschaften zu, die selbst patriarchal geprägt sind, wie etwa mentale oder emotionale Superkräfte. Er schreibt Frauen* also mehr Kraft durch Denken oder Empathie zu als durch physische Stärke. Dies überträgt er im patriarchalen Umkehrschluss auch auf Männer und behauptet, dass diese mehr auf Muskelmasse zurückgreifen würden als auf Intelligenz. Dass es Superheld:innen im Matriarchat geben könnte, ist eine schöne Vorstellung, dennoch begründet dies nicht, weshalb das Matriarchat inhärent gewaltlos sein sollte.

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Tanja Raich (Hg.)
Das Paradies ist weiblich. 20 Einladungen in eine Welt, in der Frauen das Sagen haben

Kein & Aber: Zürich 2022
256 Seiten, 24,00€

Winklers Essay zeigt, dass der Matriarchatsbegriff auch dazu einladen kann, sich darin zu verirren. Deswegen wirken Texte wie von Giese und Roig, die Alternativen vorschlagen und das Matriarchat begründet als Weltsystem ablehnen, fundierter. Trotz einiger Redundanzen bietet der Sammelband spannende und aufschlussreiche Beiträge. 

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