Wut und Widerstand

Triggerwarnung: Erwähnung von sexualisierter Gewalt

Julia Maliks Debüt Brauch blau ist ein Kampf der Protagonistin gegen an sie gestellte Rollenerwartungen. Durch die einfühlsame Erzählperspektive und Sprache ist es fast unvermeidbar, dass die Wut der Heldin sich auf die Leser:innen überträgt.

Von Emilia Kröger

Bild: Via Pixabay, CC0

Erinnert ihr euch noch an den Hashtag #regrettingmotherhood? Dieser entwickelte seine Schlagkraft auch in Deutschland, denn er brach mit einer Norm: Mutterschaft muss demnach erfüllend sein und Mütter müssen alles für ihre Kinder tun wollen. Oder wie Mithu Sanyal dies in ihrem Artikel zu dem Hashtag beschrieb: »Wer nicht begeistert mit im Babybecken planscht, anstatt ins Meer hinaus zu schwimmen, bei der stimmt etwas nicht.« Die gesellschaftliche Debatte schlug sich noch im selben Jahr in der deutschsprachigen Literatur nieder: In Anke Stellings Bodentiefe Fenster (Verbrecher Verlag, 2015) ist die Romanheldin eine Mutter, die sich in ihrem Alltag mit zwei Kindern in einem selbstverwalteten Gemeinschaftshaus behaupten muss. Der Roman bricht mit Stereotypen, mit denen die literarische Figur der Mutter belegt ist. Dadurch gelangte das Thema Mutterschaft 2015 sogar auf die Longlist des Deutschen Buchpreises.

Julia Maliks Debüt Brauch blau reiht sich in die Romane ein, die Mutterschaft aus einer neuen Perspektive beschreiben. Die Protagonistin des Romans ist Mutter und wird von allen nur Schnulli genannt, obwohl sie diesen Spitznamen in seinem verharmlosenden Klang hasst. Die Leser:innen bekommen direkt durch ihre Wahrnehmung geschildert, wie Mutterschaft für Schnulli aussieht, zum Beispiel in einer dreiseitigen Aufzählung, deren Absätze mit »Ich muss« beginnen. Darin finden sich Punkte, an die vermutlich alle schonmal gedacht haben, wie einkaufen, kochen und geduldig mit den Kindern spielen, allerdings auch solche Verpflichtungen, die meist unsichtbar und unsagbar bleiben, wie die emotionale Arbeit einer Mutter:

Ich muss: Immer auf Abruf sein, auch im Schlaf.

Mich ständig im Schlaf treten lassen. Im Wachen anbrüllen lassen.

Immer etwas zu trinken dabeihaben.

Ununterbrochen die Gefühle der Kinder aushalten.

Wutanfälle, Trauer, Schmerzen. […]

Gut gelaunt sein.

Nicht zu oft vor den Kindern weinen. […]

Immer in den eigenen Gedanken unterbrochen werden.

Immer den eigenen Rhythmus von jemand anderem bestimmen lassen.

Kampf gegen das Vergessen

Dass die Protagonistin ihre eigenen Bedürfnisse hinter die aller anderen Menschen in ihrem Umfeld stellen muss, wird also sehr eindringlich beschrieben. Doch die Annahme, dass der Roman sich mit seiner Protagonistin als gestresste Mutter thematisch bereits erschöpft, würde ihm bei weitem nicht gerecht werden, denn die Mutterschaft der Hauptfigur steht nie im Vordergrund. Eigentlich ist der Roman eine Art Befreiungskampf Schnullis, der damit beginnt, dass sie zuallererst ihre eigenen Erinnerungen wiederfinden muss: Zu Beginn des Romans wacht sie in einem Hotelzimmer auf und erinnert sich weder an ihre eigene Identität noch an die Namen ihrer Kinder. Ihr einziges Ziel: Die Kinder, die sie als ihre eigenen ausmacht, wiederfinden.

Von dort an beginnt die rasante Suche nach den eigenen Erinnerungen, in denen, sobald einmal gefunden, die Protagonistin dann auch direkt abschweift: Der letzte gemeinsame Urlaub mit ihrem Mann Herbert oder ihre eigene Kindheit, in der ihre Mutter sie mit Leistungsdruck und emotionaler Erpressung erzieht. Schließlich entdeckt Schnulli in ihren Erinnerungen den Grund ihrer Amnesie. Ihr Mann Herbert hat sie für eine andere Frau verlassen: »[A]ls Herbert ging, nahm er ihre ganze Kraft mit sich.« Sie braucht ein Jahr, einen Umgang mit diesem Verlust zu finden, bis er schließlich in ihrer Wohnung auftaucht und sie vergewaltigt. Danach erleidet die Protagonistin einen Anfall aus Wut und Panik, schlägt ihren Kopf gegen einen Schrank und trinkt eine Flasche Wodka auf ex. Darauf folgt die Nacht im Rausch, aus der sie zu Romanbeginn erwacht und an die sie sich nun nicht mehr erinnern kann.

Das Erzähltempo bleibt über den Roman hinweg hoch und in den Erzählungen der Protagonistin vermischt sich die Vergangenheit, wie sie gewesen ist, mit den subjektiven Erinnerungen daran, vermischen sich beide mit dem Jetzt von Schnullis Leben. Einerseits kann diese komplexe Erzählstruktur, die von Kapitel zu Kapitel zwischen verschiedenen Zeitebenen umherspringt, streckenweise zu Verwirrung führen. Andererseits bewirkt dieses Gefühl beim Lesen eine Identifikation mit der Protagonistin, die mit ähnlichen Sprüngen und Lücken in ihren Gedanken kämpft, und somit keineswegs besser dasteht als der:die Leser:in.

Kampf gegen die Übergriffigkeit

Ähnlich wie in ihrem sozialen Umfeld ist Schnulli auch beruflich damit konfrontiert nicht ernstgenommen beziehungsweise nicht wahrgenommen zu werden:

Ich bin Opernsängerin. Ja, genau, richtig erkannt. Nach einer Vorstellung sagen die Zuschauer oft: Ach, also ich könnte das ja nicht. Mir all diese Töne merken! Ich würde dann gerne antworten: Aber singen können Sie schon oder? Die Arien singen, meine ich? Intonation? Rhythmus? […] Sie hätten bestimmt genug Stimme, um neben diesem riesigen Orchester zu bestehen. Stellen Sie sich nur ein einziges Mal neben ein Siebzig-Mann-Orchester, und versuchen Sie, nur zwei Takte lang gehört zu werden! Das ist Knochenarbeit, körperliche Schwerstarbeit.

In dieser Arbeit findet Schnulli einen Weg sich auszudrücken. Im Laufe des Romans nehmen der Gesang und die Oper immer mehr Raum in der Erzählung ein. Doch auch hier steht die Protagonistin im Konflikt zu anderen Figuren: Sie scheint die Einzige zu sein, die sich für die Bedeutung der Stücke einsetzt. Somit schafft es der Roman, den Befreiungskampf von Schnulli in mehreren Lebensbereichen darzustellen, miteinander zu verbinden, ja sogar gegenseitig zu motivieren: Umso stärker sich die Protagonistin gegenüber ihrem sozialen Umfeld fühlt, umso mehr tritt sie für ihre Meinung an der Oper ein. Das Leben der Protagonistin ist durch den Roman hinweg ein Kampf: gegen ihren Ex-Mann und dessen Übergriffigkeit und Gewalt, gegen ihre Mutter, die sie noch immer kleinhält, gegen ihren Freund Larry, der sie lieber in Drogenexzesse begleitet, als ihr zuzuhören und gegen ihre Kolleg:innen an der Oper, die lieber einen Hund auf der Bühne sehen als Schnulli als Norma.

Julia Maliks Debüt ist allerdings nicht nur thematisch beachtenswert, sondern auch stilistisch: Die Sprache der Erzählerin und Protagonist ist im wörtlichen und positiven Sinne schamlos. So nahbar, dass sich beispielsweise der Stress, den Schnulli schildert beim Lesen direkt überträgt – »in ihrer Stirn ein Karussell, mit einem unangenehmen Klicken schaltet es sich ein« – und zugleich so poetisch, dass auch die furchtbarsten Situationen und Gefühle noch schön klingen – »[d]as Karussel hebt an, denkt sie, alles kippt, sie spürt ihr Leben anbrennen.«

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Julia Malik
Brauch blau

fva: Frankfurt 2020
224 Seiten, 22,00€

Mit Brauch blau hat Julia Malik einen turbulenten Debütroman geschrieben. In außergewöhnlicher Sprache erzählt sie vom Widerstand einer Frau, die sich nicht mehr mit der ihr zugeschriebenen Rolle zufrieden gibt. Dabei ist es kaum vermeidbar, dass sich die Wut der Protagonistin auf die Leser:innen überträgt: Der Roman liest sich wie im Rausch.

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