Jonas verliert seinen Vater, während seine Freundin Estelle im Bundestagswahlkampf steckt. Zwischen den beiden herrscht vor allem Schweigen, bis sich ausgerechnet am Wahlabend etwas verändert. Jean-Philippe Kindlers Debütroman Hier ist der Beginn und das Ende ist dort interessiert sich weniger für die große Politik als für das, was zwischen den Menschen unausgesprochen bleibt.
Von Hannah Spindler
Bild: Oleg Laptev (@snowshade), Unsplash Lizenz
Drei Tage bevor halb Deutschland vor dem Fernseher sitzen wird, um gespannt die Wahlergebnisse der Bundestagswahl 2029 zu verfolgen, steht Jonas am Bett seines toten Vaters. Genau in diesem Spannungsfeld zwischen privater Katastrophe und großer Politik siedelt Jean-Philippe Kindler seinen Roman Hier ist der Beginn und das Ende ist dort an: Während Jonas mit dem plötzlichen Verlust kämpft und über die Beziehung zu seinem Vater ins Nachdenken gerät, steckt seine On-off-Freundin Estelle mitten im Wahlkampfendspurt für Spitzenkandidatin Sandra Terzinger-Köhn. Der als Satiriker bekannte Autor, der mit politischen Videos auf Social Media eine große Reichweite aufgebaut hat, wagt damit einen Genrespagat: halb Politthriller, halb Beziehungsroman.
Was nicht gesagt wird
Die Leben der beiden Protagonist:innen laufen lange nebeneinanderher. Wenn sie sich begegnen, dann durch ihre Jobs: Estelle hetzt von einer Talkshow-Runde zum Lobbyist:innentreffen, Jonas arbeitet ausgerechnet für einen Konzern, der bei genau diesen Treffen mitmischen will. Aber zwischen den beiden herrscht vor allem Schweigen. Die Vorgeschichte – zwei vertraute gemeinsame Wochen, die abrupt enden, als Estelle Jonas abweist – wird erst nach und nach enthüllt. Für die Lesenden bleibt lange undurchsichtig, was für eine Beziehung die beiden führen und worauf sie zurückgeht.
Politisch ist es direkt ungemütlich: Eine »Bürgerwehr Germania« hat sich gegründet, die Migrant:innen ohne Aufenthaltstitel aufspüren will. Ein Freund von Estelle wird bei einer Demo von Faschist:innen ermordet, die Gesellschaft ist zerrüttet. »Es reicht langsam« wird immer wieder als Grund für die Spannungen vor der Wahl angedeutet. Was genau damit gemeint ist, lässt der Autor jedoch offen. Als Estelles Team einen Hinweis darauf erhält, dass ihr Gegenkandidat Klimmhardt Kontakte zur »Bürgerwehr Germania« hat, opfert Sandra Terzinger-Köhn die Enthüllung dieses Fakts lieber einem Koalitionsdeal. Diese Abschnitte treffen einen Nerv, denn die Bereitschaft, vor rechten Netzwerken die Augen zu verschließen, sobald Macht und Einfluss locken, liest sich erschreckend wie ein aktueller Nachrichtenbericht statt wie ein Roman.
Was Beziehungen prägt
Eigentlich aber liegt das Herz des Buchs woanders. Immer wieder kreisen Jonas’ Gedanken um seinen toten Vater, um eine Kindheit, in der er lernte, dessen Wutausbrüche vorauszuahnen und sich klein zu machen, bevor es laut wurde. Und doch gab es auch die anderen Momente. Wenn der Vater fragte: »Hast du Kummer?« und Jonas das Gefühl bekam, doch gesehen zu werden. Diese widersprüchliche Vatergestalt, mal bedrohlich und mal zugewandt, prägt Jonas’ Blick auf Nähe und Distanz bis in die Gegenwart des Romans hinein.
Ähnlich verworren, zwischen Kälte und Verbundenheit, ist die Beziehung zwischen Jonas und Estelle. Über weite Strecken der Handlung wissen beide selbst nicht recht, was sie verbindet. Sie schweigen viel, entziehen sich einander, suchen Ablenkung in Affären, um sich »lebendig« zu fühlen, ohne dass sich dabei Zufriedenheit einstellt. Erst allmählich gestehen sich beide ein, dass sie ohne einander nicht klarkommen. Diese Erkenntnis verdichtet der Roman gegen Ende in der Frage: »Was ist, wenn wir uns brauchen?«

Hier ist der Beginn und das Ende ist dort
Gutkind Verlag: 2026
224 Seiten, 22 €
Dass diese Annäherung ausgerechnet am Wahlabend geschieht, dessen politisches Ergebnis denkbar trostlos ausfällt, ist bewusst gewählt: Während draußen alles zerbricht, fügt sich im Kleinen etwas zusammen. Gerade weil Jonas und Estelle sich lange in derselben Orientierungslosigkeit verlieren, wirkt es stimmig, dass genau in diesem Moment etwas zwischen ihnen in Bewegung kommt: Politisch zerstört der Tag jede Hoffnung auf Zusammenhalt, privat finden die beiden ihn, zumindest füreinander. Dass sie am Ende gemeinsam auf eine Demonstration gehen, zeigt: Der Roman gibt die Hoffnung auf ein Miteinander nicht ganz auf, er verlegt sie nur ins Kleine, in die persönliche Beziehung zwischen Menschen, die lernen, dass sie einander nötig haben.
Was bleibt
Hier ist der Beginn und das Ende ist dort ist ein Roman, über den man eine Weile nachdenken muss. Denn erst im Nachhinein wird klar, dass nicht die Bundestagswahl oder das politische Geschehen der Fokus des Romans sind, sondern die zwischenmenschlichen Fragen: Was bedeutet es, jemanden zu verlieren? Was hält zwei Menschen zusammen, die sich immer wieder aus den Augen verlieren? Gerade weil die politischen Entwicklungen des Romans an aktuelle gesellschaftliche Debatten erinnern, wirkt er bedrückend aktuell und zeichnet ein düsteres Bild der Zukunft. Aber vor allem Trauer und die zögerliche Erkenntnis, jemanden zu brauchen, hinterlassen am Ende mehr Spuren, als es das politische Szenario je könnte.

