Deckmantel der Kunstfreiheit

In seiner Sendung sprach Dieter Nuhr von einer Schuld der Frauen bei Femiziden. Diese Aussage, die ein Witz sein sollte, löste eine große öffentliche Debatte aus. Müssen die Regeln der Kunst neu verhandelt werden, wenn solche Aussagen von der Kunstfreiheit gedeckt werden?

Von Antonia Annalena Lockmann

Bild: Via Pixabay, CC0

Dieter Nuhr ist Moderator und Kabarettist und moderiert seit 2011 seine eigene Sendung Nuhr im Ersten in der ARD. Er stand zuletzt im Juni 2026 wegen seiner Aussagen über Femizide heftig in der Kritik. So sprach er darüber, dass Frauen selbst daran schuld seien, beim Dating an einen Frauenmörder zu geraten, da es jährlich statistisch gesehen nur etwa 300 bis 350 Femizide gebe. Es würden aber deutlich mehr Männer als diese in Deutschland leben, also sollten Frauen ihre Dating-Partner vor dem Sex lieber richtig kennenlernen, um ihr eigenes Leben zu schützen, indem sie nachfragen, ob ihr Partner nebenberuflich als Frauenmörder tätig sei. In 325 Beschwerden wird Nuhr daraufhin unter anderem Geschmacklosigkeit und eine Grenzüberschreitung vorgeworfen. Nuhr selbst verteidigte seine Aussagen und sagte, er habe keinen Witz über Femizide gemacht, sondern habe sich lediglich gegen die pauschalisierten Urteile gegenüber Männern stark machen wollen. Der Sender RBB verteidigte Nuhrs Beitrag ebenfalls und ordnete ihn unter Berufung auf die Kunstfreiheit in das Genre »Satire« ein.

Wie weit darf Kunstfreiheit gehen?

Nuhr ist der Mann, der sich in seiner Sendung gerne über Cancel Culture aufregt und der heutigen Gesellschaft Verweichlichung und Überempfindlichkeit vorwirft. Doch als sein Witz außerhalb des Saales auf Kritik stieß und der Wiener Standard einen Artikel über Nuhrs Humor veröffentlichte, reagierte er selbst überraschend empfindlich. Es entsteht der Eindruck, dass Nuhr zwar uneingeschränkt seine Meinung äußern möchte, jedoch mit entsprechenden Äußerungen über seine Person Schwierigkeiten hat.

Als der Standard Nuhr eine Täter-Opfer-Umkehr vorwirft, verklagt er die Zeitschrift und stellt die Forderung, dass der Artikel gelöscht wird. Doch ist Nuhr im Recht und sein Humor fällt tatsächlich unter den Deckmantel der Kunstfreiheit? Der RBB schreibt dazu »Dieter Nuhr darf grundsätzlich als Künstler vor dem Hintergrund der Kunstfreiheit auch provozierend und zugespitzt formulieren. (…) Es ist das Kerngeschäft von Satire, Dinge bewusst ins Gegenteil zu verkehren.«

Nuhr auf Tour

Ein Blick in die Sitzplatzbuchung bei Ticketwebsites reicht, um zu sehen, dass Nuhr immer noch regelmäßig Deutschlands Hallen füllt. Scheinbar läuft sein Geschäft ohne größere Einbuße weiter – die Kritik an seinen frauenverachtenden Witzen hat ihm wohl kaum geschadet. Ähnliche Muster sind bei seinen Kollegen Luke Mockridge oder Thomas Gottschalk zu erkennen. Beide standen immer wieder in der Kritik, sei es für fragwürdige Aussagen, anzügliches Verhalten oder Witze über sexualisierte Gewalt.

Keiner der drei musste deswegen seine Karriere beenden. Es scheint, als empfinde die Gesellschaft den Ruf eines prominenten Mannes als schützenswerter als die Rechte und Gefühle der verhöhnten Frauen. Mit Nuhr geht es also weiter – und das, obwohl derartige Sprüche patriarchale Gewalt normalisieren, indem sie nicht geahndet werden. Es bleibt abzuwarten, ob seine Einschaltquoten sinken werden, doch in diesen schnelllebigen Zeiten ist es fraglich, ob die Debatte um ihn noch lange andauern wird.

›Woke-sein‹ als Vorwurf?

Nuhrs Ansicht nach ist ›Woke-sein‹ nichts Erstrebenswertes. Dabei beschreibt ›Woke-sein‹ lediglich, dass man einen Blick für Ungerechtigkeiten hat, beispielsweise auch für Dinge, die zuvor nie hinterfragt wurden. Unter ›Woke-sein‹ versteht er unter anderem das Gendern. Nuhr ist ein Gegner der gendergerechten Sprache, so kritisierte er diese schon 2021: »In diesem Jahr hat es sich wirklich durchgesetzt. Gegen den Willen der Mehrheit. Aber wen interessiert das. Kaum noch eine Sendung im Fernsehen, in der nicht durch einen Schluckauf der Sprecher (lange Pause und Grimasse) innen demonstriert würde, dass man gesinnungstechnisch auf der Seite des Fortschritts ist. Und nicht auf Seiten des dummen Publikums, dem das mehrheitlich auf den Sack geht.«

Neben Kritik bekommt er für seine Haltung überraschend viel Unterstützung. Trifft Nuhr mit seinen Aussagen vielleicht einen Nerv? Für Beate Hausbichler, welche den Standard-Artikel schrieb, ist die Sache eindeutig: »Lustig daran ist eigentlich nur eines: Unmittelbar vor diesem Schenkelklopfer über Frauen, die ›ihren Partner halt erst mal kennenlernen sollten‹, dozierte Nuhr noch darüber, dass Sätze wie ›Männer sind scheiße‹ nichts weiter als Vorurteile seien. Ach, echt?«

Nicht alle Männer

Nicht alle Männer, jedoch Männer wie Nuhr sind Teil des Problems, indem sie Gewalt gegen Frauen verharmlosen und ins Lächerliche ziehen. Gewalt gegen Frauen ist ein Problem patriarchaler Strukturen. Frauen tragen niemals die Schuld daran, sollten sie Opfer eines Femizids werden. Ganz im Gegenteil: Weil Täterschaft noch immer zu lang geduldet und zu spät geahndet wird, ist eine Kultur notwendig, die nicht Täter schützt, sondern Geschlechterrollen aufbricht, neue Männlichkeitsentwürfe aufzeigt und in der Verantwortung füreinander auch bedeutet, Kritik zu fördern. Kunst kann das. Dagegen reduzieren Aussagen wie die von Nuhr komplexe gesellschaftliche Sozialisierungsprozesse auf vereinfachte und verfälschte Schuldzuweisungen – vielleicht ist ein bisschen gesellschaftliche ›Überempfindlichkeit‹ hier durchaus angebracht oder gar notwendig.

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