Dana von Suffrins neuester Roman Toxibaby setzt sich mit der Beziehungs- und Trennungsunfähigkeit einer gesamten Generation auseinander: den Millennials. Dabei bringt sie prägnant auf den Punkt, inwiefern eine toxische Beziehung zwischen dem Wunsch nach Liebe und einem krampfhaften Festhalten an einer eigentlich lieblosen Beziehung schwankt.
Von Fenja Schmidt
Der Roman erzählt die Geschichte der Beziehung von Herzchen Goldberg und ihrem festen Freund Toxibaby, genannt Toxi. Sie ist eine erfolgreiche Schriftstellerin in ihren 30ern und arbeitet an einer Fortsetzung ihres Romans. Toxi ist Anfang 40, ständig pleite, arbeitslos und macht den Kapitalismus für sein gesamtes Unglück verantwortlich. Bei sich selbst sieht er keinerlei Verantwortung für seine Situation. Herzchen sieht die gesamte Verantwortung für die Beziehung auf ihren Schultern lasten und hat die Hoffnung, ganz nach dem Motto ›I can fix him‹, Toxi verändern zu können.
Bereits der Klappentext wirbt damit, dass Toxibaby der »schlimmste Liebesroman« sei, den man sich vorstellen könne – eine passende Beschreibung, die bereits auf die im Buch geschilderte toxische Beziehung verweist. Seit drei Jahren führen Toxi und Herzchen eine ständige On-Off-Beziehung – in der Zeit gab es ungefähr dreizehn Trennungen mit anschließenden neuen Versuchen, wie Herzchen ausrechnet. Einerseits lieben die beiden sich und andererseits tun sie sich überhaupt nicht gut: Sie streiten über Lappalien, geben sich gegenseitig die Schuld für das eigene Leid, trennen und blockieren sich immer wieder, nur, um schließlich doch wieder zusammenzukommen. Dann geht der Kreislauf wieder von vorne los. Ihre Beziehung ist eine stetige Mischung aus Lügen, Streit und Abhängigkeitsverhältnissen – insbesondere, weil Herzchen sich Toxis Zuneigung durch teure Geschenke erkauft.
»Wir trennten uns ständig, und dann kamen wir quasi ohne unser Zutun wieder zusammen, zumindest redeten wir uns darauf heraus, und nur ganz am Anfang versuchten wir noch, etwas zu verstehen.«
Was die schönen Momente ihrer Beziehung sind und woher die positiven Gefühle füreinander kommen, bleibt für Lesende unklar. Der Roman zeigt kein liebevolles Verhalten zwischen den beiden. Toxi beschreibt die Beziehung sogar als ein Gewitter, das »düster und gefährlich« sei. Trotzdem schwingt gleichzeitig für beide die Hoffnung mit, dass es beim nächsten Mal doch funktioniert, denn ohne die:den andere:n glauben sie, nicht zurechtkommen zu können.
Toxische Beziehungsdynamiken einer ganzen Generation?
Im Zentrum des Romans steht die toxische Liebesbeziehung mit allen dazugehörigen Facetten, die von Suffrin gelungen veranschaulicht. Dafür beschreibt sie beispielsweise zahlreiche Streitereien, die immer wieder zu Trennungen führen. In von Suffrins Beschreibung wirkt das Handeln beider Figuren stur und eigensinnig. Ihre Beziehung bröckelt offensichtlich, aber trotzdem hängen die Figuren aneinander und an der Beziehung, sodass sie immer wieder zusammenkommen. Von Suffrin verdeutlicht den Lesenden dadurch anschaulich, wie krampfhaft beide Figuren versuchen, an der Beziehung festzuhalten, anstatt einen klaren Schlussstrich zu ziehen, als Single zu leben oder sich etwas Neues zu suchen: »Ich wollte bei Toxi bleiben, weil ich wusste, wie schwer es sein würde, ihn zu ersetzen, jemanden zu finden, mit dem noch einmal von vorne anfangen und dem man alles beibringen, dem ich von meiner Familie erzählen müsste.«
Darüber hinaus ist es abwechslungsreich, dass, anders als der Romantitel vermuten lässt, beide Figuren gleichermaßen für die toxische Dynamik verantwortlich sind und nicht nur Toxi die Dynamik vorantreibt. Herzchen schreibt in einer WhatsApp-Nachricht beispielsweise einmal vorwurfsvoll an Toxi: »Es ist übrigens deine schuld ich wäre bei dir geblieben aber du bist wahnsinnig.« Von Suffrin erläutert dazu im Interview mit dem SWR, sie habe versucht, ein Liebesporträt ihrer Generation – den Millennials – zu zeichnen, das sich mit deren Trennungsunfähigkeit auseinandersetzt. Doch von Suffrins Darstellung der toxischen Beziehung reicht weit über ein Liebesportrait ihrer Generation hinaus. Mit Figurenaussagen wie Herzchens »Ich hatte nicht gewusst, wie sehr man sich an Terror gewöhnen kann und wie sehr man ihn sogar lieb gewinnt« gelingt es von Suffrin, zeitlose Verhaltensmuster sowie Facetten von bereits kaputten Beziehungen einzufangen.
Schwerpunkt der dysfunktionalen Beziehungen
Ähnlich wie in von Suffrins vorherigen Romanen Otto oder Nochmal von vorne liegt auch in Toxibaby der thematische Schwerpunkt auf dysfunktionalen Beziehungen – in Form der toxischen Liebesbeziehung, in kleineren Anteilen auch in Form ungesunder familiärer Beziehungen. Allerdings ist der Roman mit Dysfunktionalität überladen, denn in keiner dargestellten zwischenmenschlichen Beziehung kann man ihr entkommen. Neben der toxischen Beziehung zu Toxi fokussiert sich der Roman nämlich auch auf andauernde Konflikte zwischen Herzchens Mutter und Vater, die sie nachhaltig prägen. Die Darstellung ihrer familiären Situation hilft zwar, um nachzuvollziehen, warum sie in der Beziehung mit Toxi bleibt, bekommt aber durch wiederholtes Aufgreifen einen zu repetitiven Charakter: Weder in der familiären Situation mit ihren Eltern und Geschwistern – noch in der Beziehung zu Toxi – lässt sich dieser Dysfunktionalität entkommen.
Verschachtelte Zeitabfolge
In klassischer von-Suffrin-Manier sind die Sätze des Romans langatmig; durchaus kommt es vor, dass auf einer Seite nur ein oder gar kein Punkt gesetzt wird. Dadurch wirkt der Text in mehreren Passagen verschachtelt und unübersichtlich. Insbesondere das Nachvollziehen der zeitlichen Abfolge der Geschehnisse leidet darunter, denn permanente Zeitsprünge zwischen Gegenwart und Vergangenheit (in Form von Rückblenden) führen zu Verwirrung und der Frage, in welcher Handlungsebene man sich befindet. Entweder wird man als Leser:in in den Rückblenden nämlich irgendwo in eine Phase der 3-jährigen On-Off-Beziehung zu Toxi reingeworfen oder in Herzchens Kindheit mit ihren Eltern. Da die vielen Rückblenden der 3-jährigen On-Off-Beziehung allerdings nicht immer klar zu unterscheiden sind von der Gegenwart, verliert man dabei schnell den Überblick.

Toxibaby
Kiepenheuer & Witsch: 2026
250 Seiten, 23 €
Schön ist, dass man mithilfe der verschachtelten Sätze einen tieferen Einblick in die Gedankengänge Herzchens bekommt, wodurch Teile ihres Handelns nachvollziehbarer erscheinen und man sich als Leser:in in der ein oder anderen Reaktion sogar wiederfindet. Zum Beispiel, wenn man in einem niedergeschlagenen Moment der oder dem Ex schreibt: »Meistens sass ich auf einer Bank oder schaute aus dem Fenster, und wenn ich die Leere gar nicht mehr ertrug, schickte ich Toxi weiter psychotische WhatsApp-Nachrichten, das heißt, die Nachrichten schickte ich eigentlich in den Äther, denn ich war jetzt schon seit vier Wochen blockiert.«
Mehr als der Status quo?
Mit Toxibaby schafft es von Suffrin ein differenziertes Bild toxischer Beziehungen zu entwerfen, das den Alltag und das Leiden innerhalb einer solchen Beziehung deutlich illustriert. Insbesondere Verhaltensmuster wie krampfhaftes Festhalten an einer kaputten Beziehung oder der Zwiespalt zwischen der Angst vor dem Alleinsein und der toxischen Liebe werden dabei gut abgebildet. Trotzdem bleibt der Roman leider nur mittelmäßig, denn darüber hinaus beinhaltet er keine neuen weiterreichenden Perspektiven, wie beispielsweise einen Ansatz zum Loskommen aus solchen Beziehungen.


