Wieso kommt da nichts von Männern?

Nach ihrem Bestseller Toxische Weiblichkeit wendet sich Sophia Fritz in Der Mann, das Opfer männlicher Sozialisation zu. Kritisch und zugleich einfühlsam spricht sie im Göttinger Literaturhaus über das systemische Leid von Männern, mangelnde Emotionalität sowie ihre persönlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen.

Von Leah Sophie Neiß

Bild: Rebecca Claßen

Content Note: In diesem Text wird Tod und Suizid erwähnt. Wenn du psychische Probleme oder Suizidgedanken hast, kannst du Unterstützung beim Sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt Göttingen, beim Wegweiser der Gesundheitsregion Göttingen, bei der Universitätsmedizin Göttingen oder beim Asklepios Fachklinikum finden.

Es ist Fritz’ erste Lesung seit dem Erscheinen ihres Buchs wenige Tage zuvor. Sie freue sich auf weitere, sagt sie, endlich sei ihr Tinnitus aus der Schreibphase verschwunden. Im Rahmen des 35. Göttinger Literaturherbsts spricht sie mit der Kulturwissenschaftlerin und Sexualpädagogin Madita Oeming, die sich als eine Freundin von Fritz herausstellt: Im Frühjahr 2024 seien sie sich zum ersten Mal begegnet, hätten sich drei Stunden auf einer Hundewiese unterhalten, es sei ein »instant crush« gewesen. Auf der Lesebühne ist diese Verbindung spürbar, es findet ein echtes Gespräch statt. Interessiert wird nach der Meinung der jeweils anderen gefragt, zusammen gelacht, Anekdoten zum Besten gegeben. Die beiden verkörpern die Solidarität und Unterstützung, für die sie werben.

Nähe und Distanz

Gleich zu Beginn gesteht Fritz, dass sie nie vorhatte, dieses Buch zu schreiben, schließlich müssten die Männer das eigentlich selbst machen. Sie sei Männlichkeit ausgewichen wie Männern auf der Straße, das Publikum lacht mit ihr. Als sie den Tod ihres kleinen Bruders als den Ausgangspunkt für ihre Arbeit an dem Buch benennt, kehrt hingegen betroffene Stille ein. Dieser habe oft »auf die Kacke gehauen«, beschreibt Fritz, sei von seiner eigenen Not dissoziiert gewesen und an einer Überdosis Testosteron gestorben. Obwohl sein früheres Selbstbewusstsein zur Pose geworden und sein Leiden klar sichtbar gewesen sei, habe sie es nicht ernst genug genommen.

Auch nach dem Tod des Bruders habe es keine geteilte Emotionalität in seinem Umfeld gegeben, Einsamkeit und Trauer seien nicht artikuliert worden. Niemand habe größere Zusammenhänge erkannt, stattdessen habe sie viele »Nicht-Gespräche« mit seinen Freunden geführt, also bloß leere, ausweichende Unterhaltungen. Das Schreiben sei deshalb ein persönliches Bedürfnis gewesen. Man müsse über die Probleme von Männlichkeit sprechen, sowohl für Männer selbst als auch ihr Umfeld.

Mangelnder Diskurs

Im Gespräch kritisiert Fritz, wie Männer sich in der Literatur bisher mit Männlichkeit auseinandersetzen. Entweder werde mit viel Scham und übermäßigem Schuldbewusstsein darüber geschrieben oder so distanziert und nüchtern, als ob der Autor selbst nicht betroffen sei. So finde aber keine ehrliche Beschäftigung mit Männlichkeit statt, Abgrenzung und Beschämung seien nicht genug. Stattdessen brauche es mehr Offenheit und Verletzlichkeit, den Einbezug von Gefühlen, doch gerade diese Ressource werde bei der männlichen Prägung abtrainiert. Sie habe in ihrem Text versucht, vieles nachzuempfinden und sich gefragt, ob sie durch ihre weibliche Sozialisation eine Art Übersetzungsarbeit leisten könne. Anders als bei Toxische Weiblichkeit habe sie jedoch weniger ihre eigene Person reflektieren können und ersatzweise Interviews und Gespräche als Grundlage genommen.

Dennoch beweist Fritz mehrfach, dass sie stets sich selbst und ihre Impulse hinterfragt. Sie gesteht internalisierte Rollenerwartungen, lässt ihre Erfahrungen einfließen, sowohl aus ihrer Arbeit als Tantra-Masseurin als auch aus ihrem Privatleben. Die Stimmung im Raum ist locker, Fritz denkt laut nach, statt vorgefertigte Sätze abzuspulen oder Intellektualität zu performen. Das alles gefällt nicht jedem, nach nicht einmal der Hälfte der Lesung verlässt der erste Mann den Raum.

Opfer und/oder Täter

Doch wieso eigentlich Der Mann, das Opfer? Der Titel sei bis zum Ende unklar gewesen, Fritz räumt ein, dass einige Personen dagegen gewesen seien. Dabei meine sie den Opferbegriff zum einen ironisch, schließlich werde er von Männern oft instrumentalisiert, Gottschalk sei da nur ein Beispiel. Zum anderen hebe der Ausdruck hervor, dass man (zumindest sie selbst) trotz männlicher Privilegien nicht komplett tauschen wolle. »Nein danke, ich will lieber fühlen, statt Hans-Jürgen zu sein und Currywurst –, naja.« Klar ist, der Titel soll provozieren.

Der tatsächliche Text erscheint dagegen einfühlsam. Fritz zeigt sich nicht nur bezüglich ihres Bruders verletzlich, sondern auch, wenn sie ihre eigenen patriarchal geprägten Denkmuster ehrlich teilt und verurteilt. Sie schafft es, Humor, kluge Beobachtungen mit ihrer kritischen Haltung zu vereinbaren. Beispielsweise wenn sie aufzeigt, dass Männer immer auch mit sich als Täter konfrontiert seien, aber keine produktiven Diskurse stattfänden. Der Opfergedanke bleibe destruktiv. Nie gehe es um tatsächlichen Einsatz für Jungen oder den Kampf gegen patriarchale Strukturen, stattdessen biege man direkt ab Richtung Reichsbürgerschaft und Frauenfeindlichkeit. Auf Nachfrage der Moderatorin bejaht Fritz, dass es beim Schreiben schwierig gewesen sei, aufgrund von Phänomenen wie Viktimisierung und teils schädlichen Allianzen unter Männern überhaupt Begriffe wie Opfer und Solidarität zu benutzen. Dennoch argumentiert sie dafür, auch in Bezug auf Männer die negativen Auswirkungen des Patriarchats zu benennen und sich vorzustellen, wie eine erstrebenswerte gegenseitige Unterstützung aussehen könnte.   

Aufruf zu Fürsorge

Außerdem geht es in der Lesung um das Konzept von Scham, wieso Fritz ein Problem mit dem Ausdruck »Fuck the Patriarchy« hat (Stichworte: Dominanzgeste und Zerstörung), darum, was der Begriff Männlichkeit denn eigentlich bedeute. Laut Fritz vor allem, vieles nicht zu sein, zum Beispiel nicht abhängig, traurig oder verletzlich. Männlichkeit verlange, sich von so vielem abgrenzen, auch von Weiblichkeit. Die Einblicke zeigen, wie viel in dem Buch steckt, auch wenn seine Autorin betont, dass sie keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebe. Fritz hofft dennoch, Raum für Reflexion öffnen und Impulse für nötige Gespräche liefern zu können. Dem aufmerksamen Publikum nach zu urteilen, stehen die Chancen dafür gut.

Auf die abschließende Frage, was sie sich von ihrer Veröffentlichung erhoffen würde, antwortet Fritz, dass es sich bereits für sie gelohnt habe, wenn Männer ihr Buch lesen und weiterempfehlen würden. Schon Fürsorge unter Männern könne radikal und politisch sein, sich untereinander zu sagen, dass man sich liebhabe. Schließlich fügt sie hinzu, dass sie sich einen größeren Fokus auf Jungen wünsche, die zu wenig Solidarität erführen. Man müsse sie schon abholen, bevor sie zu toxischen Männern würden. Fritz’ Buch zu lesen und es (genauso wie neue Erkenntnisse) mit anderen zu teilen, scheint ein guter Anfang zu sein.

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