Die Tragikomik der Jugend

Die Lesung von Matthias Brandt aus seinem Roman Blackbird, begleitet vom Musiker Jens Thomas, schließt den Eröffnungstag des neuen Literaturhauses gelungen ab. Die tragikomischen Schilderungen des jugendlichen Ich-Erzählers bewegen das Publikum sichtlich.

Von Lisa Neumann

Bilder: Dietrich Kühne

Matthias Brandt kam, sah und las. Die Lesung begann genauso abrupt wie sie endete. Der Anfang überraschte das Publikum mit seiner Unmittelbarkeit und bot den Vorteil, die Literatur selbst statt eine:n Moderator:in, die:der Brandt erst einmal vorstellte, sprechen zu lassen.

Der Ich-Erzähler namens »Motte« aus Brandts Jugendroman Blackbird befindet sich in der ersten vom Autor vorgelesenen Szene im Krankenhaus. Natürlich ist es kein schöner Anlass, der ihn dahinführt. »Bogie«, eigentlich Manfred, sein bester Freund, liegt nach einer vor ein paar Wochen plötzlich entdeckten Krankheit im Sterben. Das erfährt das Publikum in der Lesung der ausschnitthaft gewählten Szenen jedoch erst nach und nach. Ebenso, woher Manfreds Spitzname kommt und wie die Freunde sich in der Grundschule kennenlernten.

Schmerz und Freude ganz nah beieinander

Die Szenen, die Brandt vorliest, sind typisch für das Coming-of-Age-Genre: Schmerz und Freude so nah beieinander, dass es der Ich-Erzähler kaum ertragen kann. Nach Manfreds Tod verliert er seine Sprache und landet, da er mit niemandem mehr spricht, vorübergehend in der Psychiatrie, die er selbst abwertend und jugendlich trotzig als »Klapsmühle« bezeichnet. Die Sinnsuche zwischen erster Liebe und Tod des besten Freundes fesselt das Publikum. Die tragikomische Sprache des Romans schafft es dabei, die Zuhörer:innen immer wieder zum Lachen zu bringen und zugleich – besonders bei der Beerdigung von Manfred – traurig zu stimmen. Obwohl der Roman eindeutig ein Jugendroman ist, finden sich im Publikum leider keine Jugendlichen und kaum Studierende. Dennoch funktioniert die Tragikomik von Mottes Erzählung auch bei den Zuschauer:innen, die ihre Jugend bereits vor etlichen Jahren hinter sich gelassen haben.

Jens Thomas und Matthias Brandt. Bild: Dietrich Kühne

Zusammenspiel von experimenteller Musik und literarischen Szenen

Die Musik von Jens Thomas begleitet dabei Brandts Stimme, mal leiser, mal lauter, immer emotional passend im Hintergrund. Der Musiker hat nach jeder Szene auch eigene Auftritte. Thomas‘ Musik unterstreicht dabei in ihrer leichten Schrägheit gut Brandts literarische Tragikomik. Er singt nicht nur, sondern nutzt auch die Saiten im Klangkörper des Klaviers zur Klangerzeugung, oder ahmt mit dem Mund ein Didgeridoo nach. Das Experimentelle an Thomas‘ Musik ist zwar durchaus interessant, jedoch irritiert es an mancher Stelle zu sehr und lenkt vom literarischen Geschehen ab, auch wenn es gut die Emotionalität von Mottes Welt betont. Mit ihren Schwankungen bildet die Musik gekonnt Mottes Seelenleben ab, das ewige Hin und Her zwischen zärtlicher, erster Liebe und zu frühem, grausamen Tod. Der Titel des Romans nach dem Song Blackbird, der, wie wir von Motte erfahren, Manfreds Lieblingslied war, unterstreicht zudem die Verbindung von Musik und Literatur, die diesen Abend trägt.

Die Schmerzlichkeit des Begreifens

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Matthias Brandt
Blackbird

KiWi: Köln 2021
288 Seiten, 12,00€

Ein Bild, das Brandt in seinem Roman entwirft, bleibt auch nach der Lesung besonders im Kopf: Als Motte nach dem Tod von Bogie betrunken im Freibad vom Zehnmeterturm fällt, begreift er beim Aufprall auf das Wasser, begleitet vom Schrei des Bademeisters, dass Manfred nie mehr wieder kommen wird. In diesem Moment wird Motte in seiner noch naiven Jugend die Endlichkeit des menschlichen Lebens gänzlich bewusst, ein schmerzliches Begreifen. Typisch für die Jugend versteht sein Geist zum ersten Mal die Höhen und Tiefen des Lebens, erkennt, dass Leid und Freude beide unsere Existenz bedingen. Eine Erkenntnis, die Motte sein ganzes Leben lang weiter begleiten wird.

Die Welt der 70er

Brandts Roman entwirft eine Lebenswelt der 70er, von der ich als Kind der späten 90er zwar keine Ahnung mehr habe, die mich aber genau wie das Publikum, das in den 70ern vermutlich noch jung war, bewegt hat. Mottes Weg der Erkenntnis als Gratwanderung zwischen Freud und Leid bleibt auch in Erinnerung, nachdem das letzte Wort und der letzte Ton an diesem Abend verklungen ist.

Info

Unsere weitere Berichterstattung zur Eröffnung des Literaturhauses findet ihr hier.

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