Bei einem Vortrag über die Kunst des Zuhörens hört man auch sich selbst beim Zuhören zu. Bernhard Pörksen zeigt beim Literaturherbst, dass Empathie mehr als Harmonie bedeutet und weshalb er trotz gesellschaftlicher Krisen an die Kraft des Dialogs glaubt.
Von Katarina Fiedler
Bild: Irene Böttcher-Gajewski
Wenn jemand ein Buch über die Kunst des Zuhörens schreibt und damit auf Lesereise geht, schwingt von Beginn der Lesung an eine Metaebene der Kommunikation mit: Wie gut hört das Publikum dem Vortragenden zu? Bei der Lesung von Bernhard Pörksen am 10. Oktober 2026 in der Paulinerkirche ist es im Publikum die meiste Zeit mucksmäuschenstill – vereinzelt wird zustimmend gemurmelt, etwas öfter gelacht, aber der Vortrag über sein neues Buch Zuhören. Die Kunst, sich der Welt zu öffnen (2025) fesselt die Zuhörenden vor allem. Als Geschichtenerzähler mit wissenschaftlichem Anspruch tritt Pörksen im Rahmen des Literaturherbsts auf und plaudert im anschließenden Gespräch mit Moderatorin Katja Weise vom NDR mitunter selbstironisch aus dem Nähkästchen des Schreibens.
Einsamkeit sei das prägende Gefühl gewesen, das ihn während der zehn Jahre begleitet habe, in denen er das Buch verfasst hat. Dabei habe er immer wieder Konzepte entwickelt und verworfen, Passagen geschrieben und anschließend wieder ersetzt; irgendwann sei es vor allem frustrierend gewesen, das Buch endlich fertigstellen zu wollen. Dass ein Buch über erfolgreiches Miteinander in seiner Entstehung vor allem vom Alleinsein geprägt war, passt zu Pörksens selbst auferlegtem Ziel, sich mit Zuhören den unangenehmen Themen gesellschaftlichen Zusammenlebens anzunähern: Warum schauen Menschen wissentlich weg, wenn jemand etwas Unangenehmes erzählt? Warum sind Mächtige so gut in der Rhetorik des Vernebelns und warum lassen sich so viele Menschen gerne die Sicht vernebeln? Woher kommt der Wahn, andere Menschen anhand weniger Indizien in Klischees zu unterteilen? Eine Erinnerung an den Nicht-Umgang mit Machtmissbrauch und Erniedrigung während seiner Schulzeit war schließlich der Auslöser, dass Pörksen die Mechanismen des Hin- und Zuhörens erforschen wollte.
Entstanden ist kein Ratgeber, wie er ihn ursprünglich geplant hatte, sondern eine populärwissenschaftliche Arbeit über Prinzipien erfolgreichen Zuhörens. Sein Vortrag über diese Prinzipien ist geprägt von einem abwechslungsreichen Redegestus – mal spricht der Medien- und Kommunikationswissenschaftler, mal ein guter Freund auf einer Feier und mal ein rhetorisch gewandter Erzähler, der fast beiläufig eine zentrale Erkenntnis des Buchs sentenzartig auf den Punkt bringt: »Erkenne das Andere als Anderes, in seiner Fremdheit, in seiner Schönheit, in seinem Schrecken.«
Empathie statt Etikettierung
Wer anfangs damit rechnet, dass Pörksen am Stehpult aus seinem Buch vorliest, wird überrascht: Ohne Notizen oder Skript hält der Medienwissenschaftler einen 45-minütigen Vortrag über Menschen, die er im Laufe seiner jahrelangen Recherche kennengelernt, beobachtet und interviewt hat, weil sie in seinen Augen echtes Zuhören beherrschen. Dabei sei seine Recherche auch dem Wunsch entsprungen, Zuhören als Konzept aus dem »verkitschten Harmoniezwang« herauszuholen. Später betont er, dass selbstloses Zuhören vor allem darin bestehe, dem anderen mit Empathie zu begegnen und sich zu fragen, in welcher Welt das, was der andere denkt und sagt, wahr sein könnte. Pörksen positioniert sich im Gespräch mit Weise zudem eindeutig zur AfD: Man solle ihr zwar auch mal zuhören, dabei aber hoffentlich zu dem Schluss kommen, dass sie Hass und Desinformationen verbreitet. Er selbst habe Höcke und Co. mittlerweile genug zugehört und ermutigt dazu, nach einiger Zeit auch gezielt weghören zu dürfen.
Was aber macht Zuhören konkret aus? Pörksen skizziert mehrere Prinzipien und nimmt sich dabei genügend Zeit, deren Erläuterung narrativ herzuleiten. So gehe es erstens um das Prinzip der Perspektivverschränkung, bei dem beide Menschen in der Lebensrealität des anderen nach etwas Verbindendem suchen, an das sie ein Gespräch anknüpfen können. Zweitens müsse jeder Mensch, der sich dem echten Zuhören widmen möchte, eine innere Balance zwischen der Zuwendung zur Welt und einer gesunden Selbstabschottung finden – der Medienwissenschaftler betont, dass diese Balance sowohl vor einem Burnout als auch vor ignorantem Egoismus schütze. Alle Prinzipien eint der Kerngedanke, dass Empathie ein zentraler Schlüssel zum Zuhören sei.
Für mehr Empathie in der gemeinsamen Kommunikation sei es entscheidend, konkret statt allgemein zu werden. Um dies zu verdeutlichen, erzählt Pörksen zwei Geschichten: Zuerst beschreibt er, wie eine Person einen Gegenstand in die Luft hält. Danach folgt die berührende Geschichte eines kleinen Mädchens, das für seine verstorbene Mutter ein Bild malt und es hoch in die Luft hebt, damit das Bild bei der Mutter ankommt. Konkrete Geschichten könnten einem Etikettierungszwang entgegenwirken, den Pörksen besonders in den sozialen Medien beobachte: Beschreibungen wie »der alte weiße Mann«, »die frustrierten Ostdeutschen« oder »die männerhassende Veganerin« seien der direkte Weg in die Entfremdung voneinander. Abstraktion und Verallgemeinerung seien das »Wegsperren des Anderen in eine Schublade«, in die es vielleicht gar nicht passt, aber ungesehen sortiert werden kann.
Zwischen Social Media und Dialog
Als wäre er selbst das Buch, so fließen die Geschichten und Anekdoten in strukturierten Aufzählungen aus ihm heraus, während das Publikum gebannt und stumm zuhört. Pörksens zentrale These spiegelt sich dabei auch als Metaebene in der Veranstaltung selbst wider: Zuhören kann nicht erzwungen werden, sondern ist ein Akt der Freiheit und zugleich eine Einladung, frei von sich selbst dem:der anderen zuzuhören. Das Publikum entscheidet sich ebenso freiwillig dafür, Pörksen zuzuhören, und lässt sich von seinem Vortrag mitreißen.
Im anschließenden Gespräch mit Katja Weise entwickelt sich eine sympathische Dynamik, in der die Moderatorin mitunter etwas überfordert von Pörksens Antworten wirkt: Das Gespräch ähnelt stellenweise eher einem Interview, in dem die Hörfunkjournalistin wenig kommentiert, jedoch die richtigen Impulse für ein lebhaftes Gespräch setzt. So befragt sie ihn noch einmal gezielt zu Social Media und seiner Haltung zu einem möglichen Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren. Pörksen macht deutlich, dass er ein Social Media-Verbot nicht befürwortet, die Gefahren sozialer Medien jedoch auch nicht unterschätzt. Auf wissenschaftlich-diplomatische Weise plädiert er dafür, die aktuellen Entwicklungen zunächst zu beobachten, zumal einige Länder das Verbot bereits durchgesetzt haben, und mahnt zur Geduld. Zugleich entkräftet er Apokalypsenerzählungen vom Untergang der analogen Kommunikation, denn obwohl die Gesellschaft aktuell auf Ungeduld und Aufregung gepolt sei, existiere weiterhin das Bedürfnis nach tiefgehenden Gesprächen:
»Es gibt keinen Grund für Pessimismus, denn der Mensch ist – anthropologisch gesprochen – ein Dialogtier. Wir brauchen echte Gespräche zum Überleben.«
Wer nach diesem kurzweiligen, aber leider recht abrupt endenden Abend die Paulinerkirche verlässt, ist deshalb nicht unbedingt besser im Zuhören. Doch Pörksen verdeutlicht, dass die Welt einerseits komplizierter ist, als wir denken, und andererseits auch einfacher sein kann: Gerade in Zeiten multipler Krisenerfahrungen sollten Begegnungen nicht von vorgefertigten Vorstellungen über das Gegenüber bestimmt werden. Stattdessen zeigt Pörksen, dass gesellschaftliche Verbundenheit durch Neugier, Offenheit und den Wunsch entstehen kann, das Unbekannte zumindest verstehen zu wollen. Ob das auch im großen Stil ausreicht, wird sich zeigen müssen.

