Mit Sidekick legt Sebastian Hotz eine bissige Satire über den deutschen Medienbetrieb vor. Während Humor, Sprachstil und treffende Beobachtungen überzeugen, verliert der Roman im Mittelteil an Tempo und bleibt bei seinen Figuren leider oberflächlich. Eine lesenswerte Mediensatire mit Schwächen.
Von Désirée Stoll
Bild: Via Pixabay (zugeschnitten), CC0
Sebastian Hotz ist nicht nur Autor, sondern vor allem als »El Hotzo« eine der polarisierendsten Stimmen der deutschen Social-Media-Landschaft. Seine satirischen Kommentare sorgen regelmäßig für Begeisterung, aber auch für die ein oder andere Kontroverse, bisweilen weit über die Grenzen von Social Media hinaus. Diese Diskussionswürdigkeit schwingt auch in seinem Roman Sidekick mit: Er provoziert, überspitzt und hält der deutschen Medienwelt einen wenig schmeichelhaften Spiegel vor.
»Einen Falk Anders kann man nicht ersetzen. Hinter Falk Anders gibt es keine Nummer zwei.«
Im Zentrum des Romans steht Lukas »Boris« Schobert, Sidekick einer erfolgreichen Late-Night-Show. Als dieser organisiert er im Hintergrund, schreibt Texte und Witze, bleibt aber immer nur eine Nebenfigur in einer Show, die ohne ihn nie funktionieren würde. Als der Moderator des Programms, Falk Anders, dieses endlich verlassen soll, sieht Boris darin seine Chance, die Show zu übernehmen und mehr als nur der ›dicke Sidekick‹ zu sein, der immer zum Witz gemacht wurde. Doch alles kommt anders, als sich Falk umentscheidet und ihm eröffnet, die Show doch weiter zu moderieren. Boris sieht bei dem Gedanken, weiter nur im Hintergrund zu arbeiten und sich von Falk schikanieren zu lassen, rot, schlägt ihn zu Boden, packt ihn kurzerhand in den Kofferraum des Wagens, mit dem Falk gerne angibt, und fährt betrunken los. Aus dieser spontanen Entführungsaktion wird durch das Eingreifen der Produktionsfirma der beiden eine Social-Media-Attraktion, in der sie versuchen müssen, das Beste für ihre Zukunft in der Medienbranche herauszuholen: Es geht um ihren Platz als Star der Show. Schnell wird deutlich, dass Quoten, Eitelkeiten und Selbstinszenierung für viele Beteiligte wichtiger sind als die eigentlichen Ereignisse.
Die Handlung, die sich daraus entwickelt, eine Satire über den deutschen Medienbetrieb, überzeugt jedoch nicht durchgehend. Während die absurde Prämisse neugierig macht, verliert die Geschichte an Spannung, sobald sich die Produktionsfirma in die Entführung einschaltet und die Aktion aus dem Hintergrund heraus leitet. Szenen, die eigentlich komisch und gelungen sind, werden durch die Einmischung zäher und plötzlich wird aus der absurden Prämisse nur noch ein abgekartetes Spiel, das langsam vor sich hindümpelt und von dem man hofft, dass es bald aufgelöst wird. Die Figur der Programmchefin des Senders, Marianne Wurtz, beschreibt die Programmarbeit während der Entführung als genau so zäh wie den gewöhnlichen Medienbetrieb: »Ansonsten fühlen sich Brainstorming und Planung der Aktion an wie immer. Die TV-Branche mag eine seelenlose Maschine sein, doch seelenlose Maschinen haben die angenehme Angewohnheit, auch dann noch zu funktionieren, wenn die Welt um sie herum zusammenbricht.« Vielleicht liegt genau darin das satirische Potential des Romans – an Humor wird dadurch stellenweise trotzdem eingebüßt.
»Boris ist ein geborener Sidekick, das erkennt man sofort. Nicht mehr und nicht weniger, überall allerhöchstens die zweithellste Kerze.«
Stilistisch macht der Roman trotzdem Spaß. Er liest sich flüssig und leicht, viele Pointen sitzen, der bekannte »El Hotzo«-Humor funktioniert auch auf Romanlänge meistens erstaunlich gut. Nicht jeder Witz zündet, manche Gags werden etwas zu lange ausgespielt, doch insgesamt trägt der Ton die Lektüre. Dabei wird nicht nur die Meinung gegenüber dem deutschen Medienbetrieb deutlich (Hotz spricht hier aus eigener Erfahrung als »Sidekick«), sondern auch kleine politische Kommentare, wie sie auch bei X gepostet werden könnten, finden sich hier häufiger. Dabei können auch Leute, die keine Fans von dieser Art satirischer Kommentare sind, den Roman ruhig lesen, da diese bloß kleinere Passagen darstellen.
Vor ein paar Jahren wäre noch ein »FCK AFD« gegangen, doch in der Werbewirtschaft kann man es sich nicht leisten, fünfzehn bis dreißig Prozent der Bevölkerung zu vergraulen.
Erzählt wird aus verschiedenen Perspektiven. Boris bleibt auch in seinen eigenen Kapiteln recht flach. Er macht keine echte Charakterentwicklung durch; nur werden seine Unsicherheit auf der einen und seine Anpassungsfähigkeit auf der anderen Seite im Laufe des Romans immer deutlicher und spiegeln dabei wahrscheinlich viele »Sidekicks« in der Medienbranche wider. Die andere Erzählperspektive widmet sich Marianne, die heimlich sowohl Boris als auch Falk loswerden möchte. Dabei bleibt auch sie so eindimensional wie Boris; ihr auffälligstes Merkmal scheint das ununterbrochene Rauchen zu sein. Mariannes Kapitel stören außerdem, da sich die Handlung durch ihre Einmischung immer weiter verlangsamt. Immer wieder wird der ›rasante‹ Verlauf des vom Klappentext als »Roadmovie« beworbenen Buches durch Organisation und Hintergrundarbeit pausiert. Ohne die Einmischung des Senders wäre es zwar nie zur eigentlichen Handlung des Romans gekommen (Boris möchte Falk lieber wieder zurückbringen, als er aus seinem eigenen Rausch aufwacht), doch die Szenen zwischen ihm und Falk werden immer wieder unterbrochen und beide kommen, wie von Marianne geplant, nicht auf einen Nenner. Das Einmischen spiegelt die tatsächliche Realität der Medienbranche wahrscheinlich sehr gut wider, weil es genau zeigt, wie inszeniert das als reell präsentierte Endprodukt tatsächlich ist, doch wer nach dem »Roadmovie« in diesem Buch sucht, wird dadurch leider nicht fündig.
Die anfangs sehr kurzen Kapitel erzeugen ein hohes Tempo, wodurch die Geschichte an Dynamik gewinnt. Mit Beginn der eigentlichen Entführung werden die Kapitel jedoch zunehmend länger und der Roman verliert dadurch spürbar an Schwung. Besser gelungen sind die eingeschobenen Kapitel in Form von Instagram-Kommentaren, Chatverläufen oder Zeitungsartikeln. Diese medialen Brüche sind gelungen, treffen den Ton digitaler Kommunikation und gehören zu den unterhaltsamsten Momenten des Romans. Während die medialen Brüche volle Wirkung erzielen, wirken die zahlreichen Absatzwechsel innerhalb der rein erzählenden Passagen leider irritierend. Einerseits erfüllen sie keine nennenswerte Funktion, andererseits stören sie den Lesefluss des Romans so, dass die Gedankengänge der Figuren schwerer nachvollziehbar sind.
»Es gibt Falk Anders als Mensch nicht mehr, es gibt nur noch Falk Anders als Fernsehlegende, als Entertainmentdino, als Unterhaltungsurgestein.«
Seine größte Qualität entfaltet Sidekick insgesamt als Satire auf die deutsche Fernseh- und Medienbranche. Hotz zeichnet eine Welt voller Eitelkeiten, Machtspiele und Rücksichtslosigkeit. Besonders die Szenen aus der Fernsehproduktion wirken authentisch und machen Spaß, auch wenn sie sich teilweise etwas ziehen. Das Ignoranz und die Selbstinszenierung in der Branche werden hier weder kaschiert noch entschuldigt. Figuren wie Falk Anders erinnern dabei unverkennbar an jene Entertainer, die den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören längst verpasst haben, sich selbst aber weiterhin für unverzichtbar halten. Namen nennt Hotz nie, die Anspielungen sind dennoch offensichtlich: Eine Figur, die beim Lesen vor dem inneren Auge auftaucht, wäre zum Beispiel Thomas Gottschalk.

Sidekick
Kiepenheuer&Witsch: 2026
304 Seiten, 23 €
Sidekick ist definitiv kein perfekter Roman. Er verliert im Mittelteil leider an Tempo und die Figuren bleiben überraschend blass. Als bissige und von außen betrachtet gut treffende Mediensatire mit einem unverwechselbaren Humor funktioniert Sidekick jedoch trotzdem gut – vor allem dann, wenn es weniger um die Handlung als um die gnadenlose Demontage einer Branche geht, die sich selbst oft viel zu wichtig nimmt.

