Buchstabe sucht Papa

Wer steht abseits, wenn die Kleinbuchstaben mit ihren Eltern prahlen, darf beim Scrabble nicht mitspielen und kommt nie an erster Stelle? Zu einem im Alphabet ist die Welt so unfair und gemein, als wäre er ein Protagonist bei Dickens. Und genauso lieb haben muss man ihn auch.

Eine Liebeserklärung von Philip Flacke

Bild: © Philip Flacke

»Mein Papa, das große B«, prahlt klein b, »ist ein Geschäftsmann. Er führt Banken an und Börsenunternehmen.« »Dein Papa«, zickt klein i zurück, »hat einen noch dickeren Bauch als du! Meine Mama I ist schlank und schön. Sie ist ein richtiges Model, weißt du?« Klein s meldet sich zu Wort: »Mein Papa S ist ein Akrobat, genau wie ich. Aber größer. Der steht zwar nie neben mir, aber ein bisschen Abstand tut doch ganz gut, nicht?« »Abstand?«, fragt a, »Mein Papa A hat kein Problem damit, sich manchmal an mich zu schmiegen.« »Aber«, kontert s, »du hast nicht so gute Freunde wie ich! c und h halten fest zu mir.« »Mein Papa Q«, mischt sich ungefragt q ein, »ist ein Edelmann! Er ist wohlgenährt und sehr exklusiv, und er hat einen Spazierstock. Das haben feine Leute nämlich.« »Edelmann, dass ich nicht lache!«, kontert g, »meine Mama G …« Und bald hat sich eine ganze Traube Kleinbuchstaben eingefunden, die mit ihren Eltern prahlen. Nur klein ß steht unglücklich daneben, denn ß ist Waise.

Reihe

Nachdem wir in unserer letzten Kolumne geschimpft haben, erklären wir diesmal unsere Liebe. Ob Gegenstände, Orte oder Konzepte – hier verraten ab sofort Litlog-Autor:innen, was sie von ganzem Herzen lieben. Alle Beiträge im Überblick findet ihr hier.

Das ß hat es nicht leicht. Dass der Buchstabenbeutel beim Scrabble die notorischen Plättchen mit J, Q, X und Y enthält, aber keines mit einem ß darauf, mag für Spieler:innen ein Segen sein. Es ist aber auch eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, denn das ß kommt im Deutschen häufiger vor als jeder der anderen vier. Allein im obersten Feld ganz links auf dem Spielfeld könnte man es niemals ablegen: Von Mogelkandidaten wie ›ß-Schreibung‹ oder ›das ß‹ abgesehen gibt es kein einziges Wort im Deutschen, das mit ß beginnt. Das Deutsche Wörterbuch, unseren Schützling durch eine Ersetzung mit sz nicht minder stiefmütterlich behandelnd als die Scrabble-Regeln, listet an der fraglichen Stelle im Alphabet bloß Wörter wie Szene. Die zählen nicht.

Sie zählen deshalb nicht, weil ß eben etwas anderes meint als sz und ss. Wer hier spart, spart an der falschen Stelle. Wo kämen wir denn hin in einer Welt, wo die Rechtschreibung durch die Redaktionen von Scrabble oder Deutschem Wörterbuch geregelt würde? Wir wüssten gar nicht mehr, ob wir über die Straße (Strah-ße) oder über die Strasse (Strass-e) oder über die Strasze (Strahß-tse) gehen sollen, und würden im Chaos versinken. Zum Glück haben wir das ß: Ein Buchstabe, ein Laut – komfortables Arrangement.

Eine praktische Aussprachehilfe für diesen Laut gibt Valentin Ickelsamer, ein Zeitgenosse Luthers: Das ß

»ist ain subtil pfeysung oder sibiln auß auf ainander stossung der zene / wie die jungen Tauben oder Natern sibilen.«

Während wir nun so subtil nach Art der Tauben oder Nattern vor uns hin pfeisen – neuhochdeutsch zischen oder pfeifen, lateinisch sibilare –, schreiben wir einen Buchstaben, der optisch wie Q, j und W zweifellos zu den schönsten gehört. Einen, der was hermacht und aus der Mittellänge herausschnörkelt, in manchen Schriftarten sogar nach oben und nach unten.

Nun müssen sich die anderen häufigen Konsonanten nicht zu zweit einen Buchstaben für Stimmhafte und Stimmlose teilen: b/p, d/t, g/k kommen in doppelter Ausführung. F, w und v sind sogar zu dritt für zwei Laute zuständig. Eigentlich sollte das ß gleich konsequent für scharfes s geschrieben werden. Daß wär doch waß! Daß heißt, dann doch beßßer gleich mit Doppelkonsonanten. – Daßß wär dochch waßß! … Naja, vielleicht lieber doch nicht.

So bleibt das ß etwas Besonderes. Und zwar weltweit, denn heute wird das ß einzig in der deutschen Sprache regelmäßig verwendet. Da ist Vorsicht geboten, mit einer Bresche nicht irgendwelchen Nationalist:innen den Weg zu bereiten. Die kontrovers diskutierte Entstehung des Buchstabens mag zwar weit internationaler sein, als die es sich träumen lassen. Aber ganz genau nimmt man es rechts außen ja nicht immer. Als sie die Regierung stellten, waren sich die Nazis uneinig: 1941 wollte das Innenministerium das ß in der Frakturschrift abschaffen. Hitler persönlich intervenierte:

»Der Führer«, so heißt es in den Akten, »hat sich für die Beibehaltung des ›ß‹ in der Normalschrift entschieden. Er hat sich aber gegen die Schaffung eines großen ›ß‹ ausgesprochen. Bei der Verwendung großer Buchstaben soll das ›ß‹ vielmehr als ›SS‹ geschrieben werden.«

»Habe ich richtig gehört? Ein großes ß?«, fragt klein ß mit dünnem Stimmchen. »Ja,«, antwortet ẞ, »die Nazis wollten mich nicht, aber seit 2017 bin ich offiziell Teil der deutschen Rechtschreibung. Für Versalien.« Klein ß weiß nicht, was Versalien sind, aber es ist ihm egal. Selig ruft es: »Papa!«

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