Ich wollt’ noch Danke sagen…

Die Fantastischen Vier bereuen in Danke erst sterbend im Krankenwagen, dass sie die Chance zur Dankbarkeit nicht früher nutzten. Doch muss es soweit kommen? Die Dankbarkeit als Gegenteil selbstverständlicher Annahme und die Musik als Inspiration. Eine Liebeserklärung.

Von Linus Lanfermann-Baumann

Bild: © Hanna Sellheim

»Danke« ist ein spannendes Wort: Antwortpartikel und auch Interjektion, folgt man dem Online-Wörterbuch Wiktionary. Aussprache /dˈaŋkə/, das weiß das Deutsche Aussprachewörterbuch. Verwendung »zur Unterstreichung einer höflichen Ablehnung oder Annahme eines Angebots o. Ä.« oder »als kurze Form der Dankesbezeigung«: Danke, lieber Duden.

»Danke«, das kann viel sein, doch zuallererst ist es dieses: Das Eingeständnis, dass etwas nicht selbstverständlich ist. Danke, Papa, dass Du schon wieder für mich gekocht hast. Danke, Mitbewohnerin, dass Du heute den Kühlschrank sauber gemacht hast. Danke, Kassierer, Ihnen auch noch einen schönen Tag. »Danke«, das ist symbolische Überwindung von Ich-Bezogenheit in kurzer und knapper Externalisierung. Danke ist etwas Aktives, es heißt, die anderen und ihre Taten wahrzunehmen und zu honorieren.

Schön und gut, moralisch einwandfrei, aber führt das nicht zu Inflation? Zu gleichsam semantischer Aushöhlung? Ein genuscheltes »Danke«, darauf ein strammes »Da nicht für!« oder »Bitte gerne!«, beides aus Reflex. Wo soll denn da ein Mehrwert sein?

Naja, es geht ja nicht um »danke« im Sinne eines willkürlichen Wortes, sondern um das Prinzip dahinter, um Dankbarkeit als Konzept. Man kann es auch mit Anschauen versuchen, mit einem Lächeln oder mit dem dankbaren Daumen nach oben.

Symbolisch also, noch besser, nicht unverständlich nuscheln, sondern lautstark vom Balkon klatschen, sogar große Transparente hochhalten, so viel DANKBARKEIT, die können sich glücklich schätzen, da im Corona-Krankenhaus!

Reihe

Nachdem wir in unserer letzten Kolumne geschimpft haben, erklären wir diesmal unsere Liebe. Ob Gegenstände, Orte oder Konzepte – hier verraten ab sofort Litlog-Autor:innen, was sie von ganzem Herzen lieben. Alle Beiträge im Überblick findet ihr hier.

Okay, okay, »Danke« hat seine Grenzen. Die symbolische Dankbarkeit, die ihren zeitgeistigen Ausdruck im Zusammenführen der Hände auf sicherer Brüstung findet, ist genau deshalb limitiert: weil sie symbolisch ist. Keine einzige Balkonklatschaktion vermag es, den Kontostand der systemrelevanten Niedrigentlohnten zu erhöhen. Manchmal scheint eher die Selbstinszenierung als Motivation zu dienen, nicht echte Solidarität. Wie viele der Klatschenden haben abseits der Symbolik wohl durch nachlässige Regelbefolgung dazu beigetragen, dass die Intensivstationen überhaupt erst gefüllt wurden? Vielleicht stehen dahinter auch ein latenter Sexismus, der den von einem hohen Frauenanteil geprägten Berufsgruppen nur »rhetorische Anerkennung« zugesteht? Oder die gar nicht so altruistische »Angst, die Fachkräfte könnten angesichts der Herausforderungen und schlechten Bedingungen zusammenbrechen«, wie Geschlechterforscherin Barbara Thiessen meint?

Und wird es nicht problematisch, wenn der Europäische Rat, der einen größeren Einfluss auf real verbesserte Verhältnisse der Beklatschten nehmen könnte, stattdessen inszenatorisch auf den Zug mitaufspringt? Sicherlich, doch ist das Balkonklatschen ein spezieller Fall mit besonderer Motivationslage. Einfach nur ehrlich »Danke« zu sagen, das bleibt etwas Gutes.

Denn Danke kann so viele Formen annehmen. Dankeschön!, warum nicht? Oder Schankedön!, wenn man das Känguru fragt. Vielen Dank!, wer es höflicher mag. Ich danke Ihnen!, jetzt geht’s an die Vorgesetzten. Danke sehr!, dezente Steigerung. 1000 Dank!, nicht-mehr-ganz-so-dezente Steigerung. Ihnen sei gedankt!, Konjunktiv ist was Feines. Herzlichen Dank!, das kommt von innen. Besten Dank!, wenn weder ein guter noch ein besserer Dank ausreichend scheinen. Danke Anke!, wegen des Reims, auch wenn gar nicht Anke Engelke gemeint ist? Naja, nicht ganz so clever. Eine Kuh mit Gras im Maul, moo-chasgrass-ias? Okay, nächster Absatz.

Wofür es sich lohnt zu danken, das kann uns das besondere Musikgenre der Dankbarkeitsmusik zeigen. »Danke für diesen guten Morgen« heißt es seit Anfang der 1960er nicht nur in evangelischen Gesangbüchern, und dass das auch rockiger geht als im Kirchenchor (und weniger ernst), das haben die Ärzte bewiesen. Für die Blumen dankt Udo Jürgens seit 1981, mit Augenzwinkern ob der ihm widerfahrenden Unglücke, und setzt damit seinen eigenen Werdegang im Genre fort, dankte er seiner Chérie doch schon beim Grand Prix 1966 unerträglich schmalzig auf Französisch. Alanis Morrissette bedankte sich Ende der 90er in einem wunderschön-kitschigen Song sogar bei Schrecken (terror), Ernüchterung (disillusionment) und Gebrechlichkeit (frailty), und dazu bei Indien, wo sie auf einer Reise wohl herausgefunden hat, dass auch diese Dinge uns formen und des Dankes wert sind. Dido bedankte sich in Thank you mutmaßlich bei ihrer großen Liebe, auch wenn die meisten nur die erste Strophe kennen, weil Eminem sie als Hook wunderbar in seinen Hit Stan einbaute. Und immer wieder wurde die große musikalische Bandbreite der nur über ihren Inhalt definierten Dankbarkeitsmusik sichtbar: Fall Out Boy bedankten sich punk-poppig für die Erinnerungen, die von der Liebe bleiben (ThnksfrthMmrs), Robert Plant von Led Zeppelin rockballadig bei seiner Frau (If the sun refused to shine, I will still be loving you), Jay-Z lässig posend bei dem Publikum, ob nun mit Linkin Park oder alleine (thank you, thank you, far too kind), und ABBA in eingängigem Rhythmus bei der Musik an sich.

So viel vorbildliche Dankbarkeit. Nicht als zweifelhafter Gallizismus für in Deutschland produzierte Schokolade (»Merci, dass es Dich gibt«, wie einfallsreich). Nein: Dankbarkeit ist die Idee, das Gute, das andere uns (versuchen, zu) tun, nicht als selbstverständlich hinzunehmen.

Diese Sentenz muss bis nächste Weihnachten reichen. Dann nämlich können wir uns mit Queen bei Gott bedanken, dass es endlich soweit ist, und mit den Bee Gees können wir dem Herrn zu erkennen geben, wie sehr singende Kinder uns das Fest versüßen. Doch vorher noch ein Wort an die Lesenden, haben sie doch inzwischen mutmaßlich einige Minuten ihrer wertvollen Zeit auf meine Worte verwendet: Danke!

Wenn es mal an Inspiration zur Dankbarkeit mangelt, dann kann diese Spotify-Playlist vielleicht Abhilfe schaffen. Erweiterung erwünscht.

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