Von der Scham, arm zu sein

Das Literarische Zentrum vereinte am 7. Oktober 2020 zwei hochgelobte Debüts. Unter Einbeziehung persönlicher Erfahrungen klagen die Romanautorin Deniz Ohde und die Journalistin Anna Mayr auf sehr unterschiedliche Weise strukturelle Probleme sozialer Ungleichheit an.

Von Linus Lanfermann-Baumann

Via Pixabay, CC0, Zwischenbild: Literarisches Zentrum

Wie in kaum einem anderen Land, dem es wirtschaftlich so gut geht, wird in Deutschland soziale Ungleichheit reproduziert. Einkommen und Vermögen sind nicht einfach nur zunehmend ungleich verteilt. Die Verhältnisse werden auch von einer Generation an die nächste weitergegeben. Jedes fünfte Kind in Deutschland wächst in Armut auf. Laut einer OECD-Studie aus dem Jahr 2018 dauert es in Deutschland aber durchschnittlich sechs Generationen, ehe die Nachkommen einer armen Familie das Durchschnittseinkommen erreichen können. Die allermeisten Kinder armer Eltern bleiben selbst Geringverdienende oder erreichen nur ein leicht erhöhtes Einkommen. Zahlen des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung zufolge studieren 79 Prozent aller Kinder aus akademischen Haushalten, dagegen nur 27 Prozent der Kinder ohne ein Elternteil mit Hochschulabschluss. Die Sozial- und Bildungsforschung zeigt deutlich, welch enorme strukturelle Barrieren die soziale Mobilität behindern.

Schreiben über Armut

Zwei der wenigen, die diese Strukturen individuell brechen konnten und die man als »Bildungsaufsteigerinnen« bezeichnen könnte, sind Deniz Ohde und Anna Mayr. Ohde ist 1988 geboren und stammt aus Frankfurt. Ihr hochgelobter Debütroman Streulicht gewann den Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung sowie den aspekte-Literaturpreis und stand außerdem auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2020. Darin erzählt die Protagonistin, die als Arbeiterkind in armen Verhältnissen aufgewachsen ist,  ihren Lebens- und Bildungsweg. Auch Anna Mayr ist als Kind von Langzeitarbeitslosen in Armut großgeworden, inzwischen schreibt sie für Die Zeit. Ihre erste Publikation in Buchformat trägt den vielsagenden Titel Die Elenden. Warum unsere Gesellschaft Arbeitslose verachtet und sie dennoch braucht und erschien im August 2020. In essayistischem Stil widmet sie sich darin der gesellschaftlichen Funktion und Problematik von Arbeitslosigkeit und stellt politische Lösungen vor.

Am 7. Oktober 2020 kommen Deniz Ohde und Anna Mayr ins Literarische Zentrum nach Göttingen. Unter der Überschrift »Gegen die Scham« übernimmt die Berliner Literaturwissenschaftlerin Anna-Marie Humbert die Moderation. Die Zuhörenden erhalten zunächst einen Einblick in Deniz Ohdes Roman.

Ein Kampf ums Überleben

Die Rahmenhandlung von Streulicht ist schnell erzählt. Die namenlose Ich-Erzählerin kehrt als Erwachsene in das Dorf zurück, in dem sie aufgewachsen ist, das sich um einen Industriepark gebildet hat und in dem ihr Vater immer noch lebt. Hier tunkte er »vierzig Jahre Aluminiumbleche in Laugen«. Der Grund für die Rückkehr: Ihre beste Freundin und ihr bester Freund aus Kindheitstagen heiraten. Nahezu der gesamte Roman dreht sich aber nicht um diese Gegenwart, sondern um das Davor, um den Werdegang der Erzählerin.

Der Vater und Opa sind Alkoholiker, Opa auch latenter Rassist. Die Mutter flüchtete einst aus einem türkischen Dorf, von ihrer eigenen Mutter gehasst. Sie kümmert sich aufopferungsvoll um die Wohnung, um den Vater ihres Mannes und auch um ihren oft hilflosen, von Scham erfüllten Mann selbst, der alles krankhaft aufbewahrt und nichts wegwerfen kann, der so große Angst vor Veränderung hat. Doch immer öfter fliegen die Fetzen, und irgendwann lässt sie ihre Tochter beim trinkenden Vater zurück. Die muss sich neue Überlebensstrategien angewöhnen und lernt, unsichtbar zu werden:

Ich lebte in einem anderen Zeichensystem. Die geringste Änderung an der Ausrichtung der Möbel richtig zu deuten, konnte für mich überlebenswichtig werden. Ich musste erkennen, was in der Wohnung geschah, schon wenn ich zur Tür hereinkam, musste prüfen, ob die Luft aufgeladen war.

Die Handlung spielt in den 90er und 00er Jahren, das kann man etwa aus den erwähnten Fernsehsendungen schließen, in der Zeit, »als die Häuser brannten«, wie die Erzählerin sagt. »Kellerkind« wird sie in der Schule genannt, »und dann noch ein Wort, das auch mit K begann, aber ein anderes«, bevor sie zu Boden getreten wird. Die Lehrerin meint später entschuldigend, Raufereien seien eben Teil der Kindesentwicklung und die Erzählerin einfach »etwas sehr sensibel«.

Auf den Abwegen des Bildungssystems

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Deniz Ohde
Streulicht

Suhrkamp: Berlin 2020
284 Seiten, 22,00€

Am Gymnasium scheitert die Protagonistin zunächst. Anders als ihre beste Freundin Sophia, die gutbürgerlich aufwächst und jede Französischvokabel sofort parat hat, erstarrt die Erzählerin erstarrt und läuft rot an, wenn sie sich in der Klassenöffentlichkeit äußern soll. Und anders als ihr bester Freund Pikka, dessen Lebensziel es ist, das Haus seines Vaters zu übernehmen und ebenfalls im Industriepark Arbeit zu finden. Denn nach der Orientierungsphase »wird ausgesiebt, wenn klar ist, wer der Sache gewachsen ist«, so sagt es der Schulleiter auf dem Elternabend, begleitet vom Nicken der »besonders Eifrigen«.

Über Umwege landet die Protagonistin auf der Abendschule, wo sie feststellt, dass sie eigentlich alles schon kann. Sie abonniert Die Zeit – weniger wegen der Artikel, als um sich über die Werbeanzeigen in eine eigene Traumwelt zu flüchten, wie Ohde während der Lesung betont – und holt sogar das Abitur nach, geht studieren. Doch auch an der Uni fühlt sie sich kaum zugehörig, sagt »Kommolitonen« mit »o« und nennt alle Dozierenden erstmal »Professor«. Ihr Vater voll Arbeiterstolz zu ihrer (nicht näher benannten, aber mutmaßlich geisteswissenschaftlichen) Studienwahl: »Mein Eindruck ist, das braucht man nicht.«

Namenlose Präzision

Eines der hervorstechenden Merkmale von Streulicht ist die Namenlosigkeit der Akteur*innen und Orte. Weder der Name der Ich-Erzählerin noch die Namen ihrer Eltern sind bekannt. Auch das Heimatdorf, in das sie zurückkehrt, die vielen Bildungseinrichtungen, die sie durchläuft, bleiben ohne direkte Benennung. Der Lebensweg der Protagonistin ist eben auch repräsentativ, der Rassismus und die schulische Frustration, denen sie ausgesetzt ist, prägen die Biografien vieler. Demgegenüber steht eine schmucklose, präzise Sprache, die das Großwerden der Erzählerin so konkret und detailreich begreifbar macht, dass man sich fast zwangsläufig die Frage stellt, ob es sich nicht um eine versteckte Autobiografie handelt. Darum geht es auch bei der Lesung im Literarischen Zentrum. So sei diese Frage »klassisch« in allen Interviews, sagt Ohde. Autobiografische Züge trägt das Buch aber nur bedingt, das klarzustellen ist ihr wichtig. Gerade auf ihre Eltern könne man vom Buch aus nicht schließen.

Anna Mayr und Deniz Ohde im Alten Rathaus. Bild: Literarisches Zentrum

Bei aller Namenlosigkeit scheint doch durch, dass die Erzählerin zwei Vornamen hat: einen türkischen, einen deutschen. Irgendwann beginnt sie, sich für ersteren zu schämen, und tritt fortan nur noch unter dem deutsch anmutenden Vornamen auf, tut auch sonst alles dafür, möglichst »deutsch« auszusehen. Die Scham, gegen die es bei der Lesung gehen soll, nicht nur wegen ihrer sozialen, auch wegen ihrer ethnischen Herkunft, diese Scham kann sie nicht ablegen.

Ohdes Roman entwickelt seine enorme Kraft nicht aus Moralisierung und direktem Vorwurf, sondern aus authentischen Beschreibungen, die immer ernst sind, die wütend machen und tieftraurig stimmen. Ein Happy End bleibt konsequenterweise aus, denn Ohde wollte keine »Aufsteigergeschichte«, bei der am Ende »doch alles in Ordnung« ist. »Streulicht«, so sagt sie, das meint den Ort am Industriepark, der dieses Licht erzeugt. Und es meint die Erzählerin, der vorgeworfen wird, sie sei selbst schuld an ihrem Scheitern, sie stelle ja ihr Licht unter den Scheffel. Doch niemand »hatte sich je die Zeit genommen, den Scheffel ausfindig zu machen, unter dem mein Licht stand.«

Was ist denn schon Arbeit?

Einen anderen Weg als den der Literarisierung schlägt Anna Mayr ein, deren Buch Die Elenden die Moderatorin Humbert treffend einen »Sachbuch-Essay« nennt. Auf gut 200 Seiten widmet sie sich dem Stellenwert von Arbeit und Arbeitslosigkeit in der Gesellschaft. Statt »Arbeitgeber« sagt sie »Arbeitnehmende«, »Arbeitnehmer« nennt sie »Arbeitgebende«. Ihre Argumente sind mal philosophisch, mal empirisch verankert, mal reichert sie einen Gedankengang auch mit persönlichen Erfahrungen an, ob als Kind von Langzeitarbeitslosen oder als Journalistin. Die erste Kernthese ist, dass heutzutage alles an Arbeit(-slosigkeit) gemessen werde.

Arbeitslose hätten demzufolge eine gesellschaftliche Funktion. Es sei nämlich im Interesse der Arbeitnehmenden, dass es sie gebe; mit Bezug auf Karl Marx nennt sie die Arbeitslosen eine »Reserve-Armee«. Durch diese Konkurrenz um Arbeitsplätze ließen sich »die überschüssigen Menschen schnell und billig mieten«. Außerdem dienten Arbeitslose als abschreckendes Beispiel für alle anderen. Während die Grenzen zwischen Aristokratie, Bürgertum und Arbeiterschaft immer weiter erodierten, sei eine neue Zweiteilung zu beobachten.

Man könnte also sagen, es gibt nur noch Menschen, die arbeiten, und Menschen, die nicht arbeiten. Dadurch wächst dieser Abgrenzung eine gewaltigere Wirkmacht zu als je zuvor. […] Je näher das Gespenst der Arbeitslosigkeit uns ist, desto unheimlicher wird es. Soziale Arbeit und staatliche Betreuungsdienste sind vorgeblich Mittel, um Menschen in die Gesellschaft zu integrieren. Doch im Kern verstärken sie die Abgrenzung der Betreuten – und legitimieren eine ganze Industrie, die sich selbst am Laufen hält.

Mayr schlägt oft einen umgangssprachlichen, wütenden Ton an, wenn sie auch stets analytisch bleibt. Autobiografische Milieu-Bücher über die sogenannte »Unterschicht« wie Christian Barons Ein Mann seiner Klasse von Anfang 2020 oder Rückkehr nach Reims des französischen Philosophen Didier Eribon nennt sie wegen ihrer Beschreibung von rauen Händen und Sprachfehlern »Sozialpornographie«. Im Literarischen Zentrum verteidigt sie dieses Urteil: Diese Werke würden nur die Schamerfüllten zeigen, nicht aber die dafür Verantwortlichen, die »sich eigentlich schämen sollten«. Dabei wirkt sie gelassener als in ihrem Buch, zeigt sich außerdem schlagfertig. »Bei mir kommen auch raue Hände vor, ist mir aufgefallen«, merkt Ohde irgendwann lakonisch an. »In der zweiten Auflage dann streichen«, sagt Mayr und sorgt für Lacher.

Aus Zweifel Wut, aus Wut Visionen

Die zweite Hauptthese ist, dass so wohlklingende Worte wie »Bildung« oder »Chancen« allein nicht weiterhelfen würden: »Denn gegen Armut hilft nur Geld.« Das bedingungslose Grundeinkommen sei nicht die Lösung, denn es gehe dabei nicht um eine Umverteilung für mehr Gerechtigkeit, sondern um eine »Süßigkeit, mit der man der Mittelschicht schmackhaft machen will, dass Arbeitslose etwas mehr Geld bekommen«. Stattdessen fordert sie eine Erhöhung des Hartz-IV-Satzes auf zunächst 764 Euro, ohne Sanktionen, was dem aktuellen Steuerfreibetrag entspräche. Das würde den Verwaltungsaufwand im Jobcenter und die Folgekosten für Sozialarbeit verringern. Vertrauen statt Schikane, das müsse das Motto sein.

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Anna Mayr
Die Elenden

Hanser: Berlin 2020
208 Seiten, 20,00€

Aus dem Zweifel an der Richtigkeit der gegenwärtigen Verhältnisse, so Mayrs Forderung, müsse Wut (nicht Hass) entstehen, um Menschen zu vereinen und die Angst auszuschalten. Die Begriffe müssten sich verändern: Man wäre »arm«, nicht »sozial schwach« und käme aus »prekären«, nicht aus »einfachen« Verhältnissen. Ich stelle Mayr die Frage, ob ihr Buch, das ja oft in Literaturhäusern und damit einer akademisch gebildeten Klientel vorgestellt wird, gelegentlich fehlinterpretiert werde, ob sie selbst, weil eine »Vorzeigeaufsteigerin«, als Argument diene, dass es »ja doch geht«. Ein Bekannter habe ihr tatsächlich einmal gesagt, sie selbst sei das beste Beispiel dafür. Doch sie verweist sofort auf quantitative Erhebungen, die die Unwahrscheinlichkeit ihrer eigenen Biografie aufzeigen. Und in Die Elenden erklärt sie ihren individuellen Weg mit dem kulturellen Kapital, das ihre Eltern ihr mitgaben, und mit Stipendien, also natürlich: Geld.

Die Frage nach dem Warum

Etwas, das sowohl Ohdes Erzählerin als auch Anna Mayr eint, sind ständige Fragen nach den Ursachen des Scheiterns. »Woran lag es?«, möchte der Direktor des Oberstufengymnasiums, an dem Ohdes Protagonistin ihr Abitur nachholen möchte, beim Vorstellungsgespräch wissen. »Es muss ja schon einiges vorfallen, bis eine so sang- und klanglos verschwindet«. Auch Mayr wird oft nach dem Warum gefragt, danach, warum ihre Eltern arbeitslos seien. Sie schreibt, manchmal frage sie zurück: »Warum ist dein Vater Ingenieur?« Immer muss es eine Erklärung geben, anstatt Arbeitslosigkeit und Bildungsversagen als systeminhärent zu verstehen. »Ich war sehr schüchtern, ich habe mein Licht unter den Scheffel gestellt«, antwortet Ohdes Erzählerin dem Direktor irgendwann. Aus der Unfähigkeit, zu erklären, übernimmt sie die Vorwürfe ihrer ehemaligen Lehrerin.

Was die Familie von Ohdes Erzählerin und Mayr noch eint, ist die Hemmung, Dienstleistungen selbstverständlich in Anspruch zu nehmen. Mayr erzählt bei der Lesung, sie sei einmal früh morgens ganz allein in einem Yogastudio gewesen – und fast wieder gegangen (»Sie müssen das jetzt hier nicht für mich machen«). Auch im Haushalt des Vaters von Ohdes Erzählerin ist es verboten, Wünsche zu äußern, und er vererbt diese Wunschlosigkeit an seine Tochter. »Da habe ich meine Vaterfigur durch deinen Text nochmal besser verstanden«, sagt Ohde in Richtung Mayr. Diese Momente sind sehr aufschlussreich, denn sie zeigen die Parallelen zwischen den beiden Texten deutlich. Die Idee, die Journalistin Mayr und die Romanautorin Ohde zu einer gemeinsamen Lesung einzuladen, zahlt sich aus.

Letztendlich geht es darum, sich der Illusion zu entledigen, wir lebten in einer Meritokratie, in der allein Leistung zähle. »Wenn einem etwas angetan wird, dann ist er nicht selbst schuld daran. Wenn einer in einem System versagt, das von vornherein auf sein Versagen angelegt ist, liegt die Schuld nicht bei ihm«, so heißt es bei Ohde in einer der seltenen explizit wertenden Passagen. Wenn man in »dem System« den Gegner sieht, dann geht es nicht um »naiv linke[n] Weltverbessererquatsch«, wie Mayr ein Gegenargument vorwegnimmt. Es geht um messbare strukturelle Probleme kontinuierlich reproduzierter sozialer Ungleichheit, die politisch steuerbar sind. Es geht darum, die Armen ernst zu nehmen, wenn sie sich aus ihrer Lage nicht eigenmächtig befreien können, anstatt Vorwürfe von Faul- und Dummheit an sie zurückzuschmettern. Das Erben von Wohneigentum zur Vermögensvermehrung ist keine Eigenleistung. Ausbleibender Bildungsaufstieg ist nicht einfach individuelles Versagen, Hartz IV kein »Schmarotzen«. Es geht darum, beides in erster Linie als ein »Antun« zu begreifen. Ob man sich der Thematik nun literarisch oder essayistisch nähert: Die klaren, nüchternen Worte Ohdes und Mayrs verdienen ihr großes Publikum.

Eine Aufzeichnung der Veranstaltung unter Aussparung der Leseproben ist auf der Homepage des Literarischen Zentrums als Podcast verfügbar.

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