Der Alltag einer Kleinstadt im Zweiten Weltkrieg

Das Thema von Arno Franks drittem Roman: ›Drittes Reich‹. Ginsterburg lautet der Titel und gleichzeitig heißt so auch die Kleinstadt, um dessen Einwohner:innen sich alles dreht. Sie profitieren von der Machtergreifung der Nazis, oder nehmen sie einfach hin. In einzelnen Episoden, die immer wieder Zeitsprünge vollziehen, begleiten die Leser:innen die Figuren in ihrem Leben von 1935 bis 1945.

Von Jessica Wille

Bild: Via Pixabay, CC0

Die kleine Ortschaft Ginsterburg nimmt die neue Ordnung des NS-Regimes hin, feiert den Krieg und seine Konsequenzen oder passt sich an. Der Alltag gerät immer wieder ins Wanken. Dabei ist der Krieg nur eines der Ereignisse, die dem Ort und ihren Bewohner:innwn widerfahren, denn die Folgen von Unterdrückung und Verbrechen der Nazis dringen immer wieder an die Oberfläche des vermeintlich alltäglichen Lebens. Bereits zu Beginn des Buches sagt eine Hellseherin eines Wanderzirkus Ginsterburg eine schlimme Zeit vorher. Es beginnt mit dem Selbstmord eines Juden, geht über den Unfall der Zwillinge Knut und Bruno Gürckel und endet mit den Bombenangriffen auf Deutschland 1945. Der seelische und emotionale Zustand der Bewohner:innen verschlechtert sich mit jedem Zeitsprung zwischen den einzelnen Episoden des Romans, auch wenn die Kriegsfronten weit weg zu liegen scheinen.

Opfer, Karrierist oder Indifferentist

In Ginsterburg lassen sich die Figuren grob in drei verschiedene Kategorien einsortieren. Erstens die Opfer, die unter der Gewalt des ›Dritten Reiches‹ leiden wie jüdische oder Schwarze Menschen, aber auch Kommunist:innen: der ehemalige Leiter der lokalen Zeitung beispielsweise, der sich das Leben nimmt. Oder Uta Mohelsky, die mit einem Juden verheiratet war und in der Folge ihrer Rückkehr aus Berlin nach Ginsterburg den Verstand verliert. Besonders am Ende des Romans wird dies durch ihre Halluzinationen deutlich: »Uta findet, dass der blaue Fuchs gar nicht wie ein Fuchs aussieht. Er sieht nicht mal aus wie ein richtiges Tier. Oder wie überhaupt irgendwas, dass es wirklich geben könnte.«

Arno Frank
Ginsterburg
Klett Cotta 2025
432 Seiten, 26€

Zweitens die Karrieristen: Unternehmer wie Otto Gürckel oder Clemens Jungheinrich profitieren vom NS-Regime, da ihre Geschäfte und Firmen mit Beginn des Krieges besser laufen. Nicht nur das Blumengeschäft Gürckels läuft, da es zu jedem Anlass einen Kranz braucht. Ebenso die Papierfabrik von Jungheinrich: Man brauche Papiertüten für das Pulver der Handgranaten. Gürckel bringt es in einer Besprechung auf den Punkt: »Wer hätte das gedacht? So ein Krieg erhitzt nicht nur die Gemüter. Er heizt auch die Wirtschaft an.« Und drittens die Indifferentist:innen wie Merle Sieber, Witwe eines Kommunisten. Sie entpuppt sich als passive Gegnerin des Systems, die dennoch brav mitspielt oder wegschaut. Sie redet sich ein, ihr Sohn würde in der Hitlerjugend nur »Leibesübungen« machen und der Davidstern an ihrem Schaufenster sei einfach ans falsche Gebäude geschmiert worden: »Der Davidstern war schon dort gewesen, als sie am Morgen den Laden aufgeschlossen hatte. Gemeint fühlte sie sich nicht.«

Kinderträume von Fliegern und Panzern

Zu Beginn des Romans sind einige der zentralen Figuren noch Jugendliche. Lothar Sieber, Sohn von Merle Sieber, träumt vom Fliegen. Dieser Wunsch treibt ihn in die Hitlerjugend, fassungslos kann seine Mutter nur zusehen, wie ihr Sohn ein ausgezeichneter Kampfpilot wird. Die Zwillinge Knut und Bruno Gürckel träumen ebenfalls vom Krieg und üben in der Waldhütte ihres Vaters, wie man an der Front kämpft: »Sturmtrupp hatten sie sein wollen, über die Lichtung und ins Dickicht, auf den Ellbogen vorwärts bis zum Bach, und dann durch die Fichten. Wie sie es bei der Hitlerjugend gelernt hatten.« Dabei verliert Knut einen Teil seiner Oberlippe – und später bei der Marine sein Leben. Bruno lässt sein Leben ebenfalls im Krieg. Seine letzten Worte: »Opfer müssen gebracht werden«. Diesen Satz hatte sein Vater, Otto, ihm immer wieder eingeprägt. Seine Mutter schenkt ihm vorher noch eine Torte in der Form eines Panzers, auf die der örtliche Konditor besonders stolz ist. Anlass war zum einen der Geburtstag seines Opas, ein Lokal-Held, und seine Rückkehr aus dem Krieg. Kurz darauf wird Bruno wieder an die Front geschickt.

Was bietet Ginsterburg?

Arno Frank schafft mit seinen Figuren und der Kleinstadt einen eindrucksvollen Roman, der gerade nicht das Grauen der Kriegsfront zeigt. Das gelingt ihm mithilfe von ambivalenten Figuren und Charakteren, mit denen Leser:innen sich nicht identifizieren können. Der Roman kommt gut ohne Schockmomente aus, wodurch der Eindruck entsteht, das Leben in der Kleinstadt sei leicht. Gerade dieser Eindruck sorgt für Kritik an Ginsterburg, denn Krieg ist für viele mit grauenvollen Morden und Kriegsverbrechen verbunden. Doch genau das ist der Punkt. Arno Frank stellt bewusst den Alltag im NS-Regime dar, in dem vor allem Familie und die seelische Belastung des Krieges den Mittelpunkt bilden. Denn der normale Alltag, wie wir ihn in diesem Roman vorfinden, wird immer wieder von schlimmen Ereignissen durchbrochen und lässt die wahre Realität durchschimmern.

Geschrieben von
Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert