In ihrem zweiten Roman erzählt Paulina Czienskowski von einer namenslosen Protagonistin, die ein Kind erwartet und deshalb das Verhältnis zur eigenen Mutter reflektiert. Schmerz, Mutterliebe, Verunsicherung, Scham und Blut kommen in dieser Erzählung zusammen.
Von Ragna Kühn
Bild: Via Pixabay, CC0
Gerne wird gesagt: Eine Geburt ist zwar hart, doch wenn das neugeborene Kind auf deiner Brust liegt, ist das alles sofort vergessen. Das sei eine natürliche Reaktion, damit die Frau bereit sei, für das Kind zu sorgen und später ein weiteres auszutragen. Aber eine Geburt heißt nicht immer, dass ein paar Stunden Schmerzen ausgehalten werden müssen und dann alles wieder gut ist. Davon weiß Paulina Czienskowski in ihrem neuen Roman Dem Mond geht es gut zu erzählen.
Die namenlose Ich-Erzählerin fühlt sich während der Geburt ihrer Tochter in die Hilflosigkeit eigener kindlicher Erfahrungen zurückversetzt. Von da an sieht sie sich vor die Herausforderung gestellt, nicht nur mit ihren Unsicherheiten als Frau und Mutter zu kämpfen, sondern für ein ganzes anderes Menschenleben verantwortlich zu sein. Sie ist erschöpft, verausgabt sich, sie erlebt die Angst, dieser kleine Mensch könnte plötzlich sterben. »Ich kann nicht mehr verschwinden«, macht sie sich die Abhängigkeit des Kindes von der eigenen Person bewusst. In solchen Beschreibungen zeigt sie eine Art Selbstentfremdung. Ihr Körper ist nicht mehr nur ihrer; ihre Lebensentscheidungen betreffen immer auch einen anderen Menschen. Sie spürt auch »wie seit der Geburt jede meiner Grenzen offen ist«, wie sehr sie bereit ist, dem Kind zuliebe alles zu tun.
Die Verbindung zur Mutter
Die Erfahrung, das eigene Kind wachsen zu sehen, bringt die Erzählerin ihrer Mutter näher. Sie erinnert sich an ihre eigene Kindheit. Blickt darauf, wie sie diese damals wahrgenommen hat. Auch versucht sie, zu rekonstruieren, was ihre Mutter erlebte und fühlte. Denn diese erzählt nicht aus ihrer Vergangenheit. Auf Nachfragen zu Fotos, in verstaubten Kisten entdeckt, zu Menschen, die sie flüchtig auf der Straße grüßt, reagiert sie mit: »Ich weiß sowas nicht mehr«. Sie erinnert sich nicht oder will die Erinnerung nicht preisgeben. Ihre Tochter versucht die Leerstellen mit Erzählungen zu füllen, spricht ihre Mutter dabei mit »Du« an und fragt nach jeder imaginierten Erinnerung: »War es so?«
»Du verabscheust den Keller, das ganze Zeug da unten, den Ballast, nur Müll, nein, jeden Keller hasst du, das Anlegen von Geschichte. […] Ich denke: Du brauchst Ordnung, um nicht zu verlieren, was du hast, was du weißt, was du brauchst. Dass du weißt, dass du bist, was du glaubst, heute zu sein. Eine Fantasie von Kontrolle – vielleicht? Und ich bin wütend, dass nichts bleiben darf.«
Die Lebensgeschichte ihrer Mutter ist die eines halb gelungenen sozialen Aufstiegs. Mit dem Stiefvater der Erzählerin ist sie in ein eigenes Haus im Süden der Stadt gezogen und wurde Hausfrau. Die Großmutter hingegen, erst Friseurin, dann Pförtnerin in einem Gefängnis, lebt im siebten Stock eines Mietshauses im Norden. Die Erzählerin beobachtet die Distanz zwischen den beiden, die nicht nur eine räumliche ist. Sie stellt das Zurückhaltende, Genaue, Dezente der Mutter neben das Auffällige, Laute und Unbeständige der Großmutter. In dieser Distanz versucht sie ihre eigene Position als Tochter und Enkelin zu sehen, eine Brücke zu bauen – und bleibt doch ihrer Mutter dabei näher. Sie beobachtet wie ihre Mutter und ihre Großmutter miteinander umgehen, welche vergrabenen Konflikte in ihrem Handeln sichtbar werden. Als beide einmal aneinandergeraten, stellt die Erzählerin fest: »Und vielleicht bin ich euch, Mutter und Tochter, nie näher als da«.
Anhand dreier Generationen von Frauen wird damit nicht nur ein sozialer Aufstieg gezeigt, sondern auch sich verändernde Mutter-Kind-Dynamiken. Aber es wird auch deutlich, was wiederkehrt, was gleich oder ähnlich bleibt. So kauen Mutter und Erzählerin beide nervös ihre Fingernägel ab, während Großmutter und Mutter eigene Varianten der gleichen Sprachlosigkeit zeigen. Es gibt verpasste Momente des Bindungsaufbaus zwischen Mutter und Kind. Es gibt die Scham über den eigenen Körper, die sich zu vererben scheint. Und es gibt die Scham, von einem Mann missbraucht zu werden.
Am Rand der Mann
Den Stiefvater der Erzählerin bezeichnet sie durchgehend als »den Mann«. Unter seiner häuslichen Vorherrschaft wird die Mutter zur stillen Leidenden. Sie erträgt seine Sticheleien, seine Herablassung, seine Forderungen nach einem eigenen Kind, denen ihr Körper nicht gerecht werden kann. Die Erzählerin erlebt die Machtlosigkeit ihrer Mutter gegenüber einem Mann, so wie diese die der Großmutter erlebt hat. Sie beobachtet den »Gegensatz zwischen deinem ewig hastenden Körper und seiner wortlosen Selbstbeschreibung«.

Dem Mond geht es gut
Blumenbar: 2025
192 Seiten, 22 €
Männer spielen keine Hauptrollen in diesem Roman. Sie sind Väter: der Vater der Erzählerin, der Vater ihres Kindes, der Vater ihrer Mutter. Fast alle spielen sie die Rolle des Täters. Männer üben physische, verbale und psychische Gewalt aus. Sie werden größtenteils klar als Patriarchen gezeichnet und tragen damit ihren entscheidenden Teil dazu bei, dass die Mutterschaft als Bürde erlebt wird. Gegen die Macht der männlichen Figuren schreibt die Erzählerin an. Sie rückt neben ihre eigenen Erfahrungen die ihrer Mutter und ihrer Großmutter ins Blickfeld. Sie spricht über ihren Körper, ihre Unsicherheiten und ihre Versuche, sich zu behaupten, über Narben und fließendes Blut und seelischen Schmerz. Sie setzt insbesondere ihrer Mutter ein Denkmal. »Ein Mann ertrinkt nicht in Hybris, und eine Frau, fast ohne, geht einfach unter, schreibt sich nicht fort«, wird das Ungleichgewicht in der Erinnerungskultur erklärt. Aus dieser Asymmetrie ergibt sich die Notwendigkeit des Schreibens.
Eine Fortschreibung
Die Erzählerin spricht anstelle ihrer Mutter und Großmutter. Sie schreibt sie fort, aber auch sich selbst: »Weiterschreiben, will bleiben«. Dabei wechselt sie zwischen Reflexionen, Austragungen innerer Konflikte, gegenwärtigen und vergangenen Gesprächen mit beiden und Erinnerungen, deren Leerstellen sie zu füllen versucht. Die Erzählung über Großmutter, Mutter, Tochter und Kind ist persönlich, beschreibt ganz bestimmte Schicksale. Und doch finden sich darin Erfahrungen, die viele Frauen miteinander teilen. Es ist eine Fortschreibung des zu selten Erzählten, das doch so weit verbreitet ist.
Der Sprachlosigkeit angesichts der Verletzungen, Erschöpfungszustände, unerklärlichen Veränderungen schreibt Czienskowski etwas entgegen. Manchmal scheint die Erzählung trotz der starken Introspektion fast distanziert, zurückhaltend und unaufgeregt, dann wieder drängt sich der Schmerz in all seiner Schwere auf. So zum Beispiel, wenn die Gebärende von Schwäche übermannt wird, »weil zu viel von meinem Blut den Klinikboden wie Waschwasser flutet.« Trotz solcher Härten verliert sich Czienskowski in ihrem zweiten Roman nicht in Pessimismus. Die Schilderungen sind ehrlich, ungeschönt, aber sie zeigen auch Hoffnung, gegenseitige Unterstützung, Freude und Liebe. Dabei schreibt die 1988 in West-Berlin geborene Autorin mit beeindruckenden Bildern und gelungener Präzision. Ein besonderer Genuss sind die Metaphern, in denen sie Mensch und Sprache zusammenführt, so wenn es heißt, dass »die Satzzeichen eines Lebens in ihre Positionen« fallen.
Czienskowski legt mit diesem Werk eine eindringliche Erzählung über die Bürde der Mutterschaft vor. Dem Mond geht es gut nistet sich in seine Leser:innen ein und lässt sie so schnell nicht mehr los.

