Die Comicreihe Die Katze des Rabbiners von Joann Sfar erzählt die Geschichte einer Katze, die Abenteuer erlebt und das Leben ihres Besitzers komplizierter, aber dafür auch voller Überraschungen macht. Zwischen den Zeilen miaut es.
Von Anna Savchuk
Der fünfte Sammelband der Comicreihe beginnt mit der Geschichte Die Bibel für Katzen. Die Katze kann nie ruhig bleiben und möchte immer etwas lernen, aber weil sie sich immer beeilt, verursacht sie viele Missverständnisse. Sie ist sehr intelligent und kann lesen, dabei bemüht sich ihr Besitzer, ein jüdisch-sephardischer Rabbiner, ihr beizubringen, die Dinge klar und wörtlich zu verstehen – und nicht ständig zwischen den Zeilen zu lesen. Aber die Katze benimmt sich wie eine Katze: Sie hört nicht zu und versucht die anderen – wie die Tochter des Rabbis, Zlabya, und ihre Freundin Knidelette – davon zu überzeugen, dass sie Recht hat und dass man alles tun muss, was sie sagt. Es handelt sich nicht um eine religiöse Erzählung, sondern vielmehr um eine weltliche Auseinandersetzung mit religiösen Themen. Der Schwerpunkt liegt auf der Lebensorientierung, der Bewältigung aktueller Probleme und der Suche nach dem eigenen Weg.
Und so beginnt die kurze, aber unglaublich absurde Handlung: Die Katze findet Gottes Telefonnummer und will sofort anrufen – aber natürlich kann sie das als Katze nicht. Sie beginnt, die Geschichte aus der Bibel zu interpretieren und ist überzeugt, dass die Figuren, wie der Prophet Elija, Katzen sind. Sie geht weiter und erzählt die ganze Geschichte über den Propheten. Besonders stutzig macht sie, warum es heutzutage keine solchen Wunder mehr gibt. Sie stellt infrage, warum Menschen so viel Vertrauen in Dinge setzen, die sie weder sehen noch begreifen können – während sie selbst, die alles hinterfragt und mit scharfsinniger Logik analysiert, als bloßes Haustier belächelt wird.
Natürlich hat die Katze dabei das Wichtigste verpasst: Es geht nicht um religiöse Wunder, sondern um die reale Welt. Das wahre Wunder liegt in den stillen Momenten: darin, dass Menschen einander zuhören, Geschichten austauschen und Trost spenden – oder darin, dass die Katze selbst nachdenkt, zweifelt und moralische Fragen stellt. Genau das erklärt ihr der Rabbi am Ende vom ersten Teil des Comics: Es sind nicht die großen, spektakulären Zeichen sondern die Art und Weise, wie man sein Leben lebt, und die Werte, die man daraus entwickelt, die das Leben lebenswert machen.
Zwischen Front und Freundschaft
Die zweite Geschichte aus dem fünften Band heißt Die Fahrt über das Schwarze Meer und erzählt mehr über den Rabbi selbst und seine Lebensgeschichte während des Ersten Weltkriegs. Paris spielt hier eine wichtige Rolle und symbolisiert Einheit, weil die Hauptfiguren sich durch den Krieg und die französische Truppe kennengelernt haben: »In Paris war man nicht mehr schwarz, nicht mehr jüdisch.« Dieser Kerngedanke zieht sich durch das gesamte Werk: Es ist egal, woher du kommst, wie du aussiehst oder welche Religion du hast – alle Menschen sollen gleich behandelt werden und die gleichen Rechte, Träume und Ziele haben, auch wenn dies in der Realität nicht immer vollständig zutrifft:
» – Ich dachte, du wärst Araber.
– Ich auch. Aber mit der Zeit merke ich, dass ich keiner sein muss. Ich meine… ich kann die gleiche Musik wie die anderen spielen.«
Der Krieg hat Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen zusammengebracht, darunter El Rebibo, der davon träumt, Musiker zu werden, Jakob Malka, der einen Löwen besitzt, und einen Rabbiner, der alles ohne Blut und im Einklang mit seiner Religion tut. Sie erleben gemeinsam die Schrecken des Krieges, vertrauen einander und respektieren sich unabhängig von Religion oder Nationalität: »Ich war der Feldgeistliche der Juden. Als es fast keine mehr gab, wurde ich Prediger der Araber«.
Natürlich hört die Katze nur das, was sie interessiert – die politische Dimension von der Vergangenheit des Rabbis tritt in den Hintergrund; sie findet seine ehemalige Katze viel spannender und ist ein wenig eifersüchtig auf sie. Eigentlich wollte sie vor allem die Geschichte dieser alten Katze hören, um sich selbst zu beweisen, dass sie etwas Besseres ist. Selbstverständlich konnte die andere Katze nicht lesen und auch nicht schreiben, im Gegensatz zu den Katzen von heute. Sie war aber der Grund für die Probleme, auf die der Rabbiner gestoßen ist. Als die Gruppe der Rabbis während der Roten Revolution in Odessa war, ist die Katze weggelaufen. Der Rabbi wollte ohne sie nicht nach Hause gehen, um seine Tochter nicht traurig zu machen. Auf der Suche nach der Katze begegnete er gefährlichen Menschen, die ihn aufgrund seiner Religion töten wollten. Glücklicherweise gelang es ihm zu fliehen und seine Freunde zu finden, die ihn so akzeptierten, wie er war, und mit denen er glücklich nach Hause zurückkehrte. Die Katze ist jedoch kurz bevor die Haustür geöffnet wurde sofort geflohen und niemand hat sie wiedergesehen.

Übers. v. Annika Wisniewksi
Die Katze des Rabbiners
Sammelband 5
168 Seiten, 30 €
avant-verlag: 2025
Zwischen Glaube und Gemeinschaft
Die Katze des Rabbiners beschäftigt sich mit scheinbar unterschiedlichen Geschichten, die aber eine zentrale Frage stellen: Wie findet man seinen Platz in einer Welt, die oft unverständlich und voller Grenzen ist – sei es durch Religion, Herkunft oder persönliche Überzeugungen? In Die Bibel für Katzen wird diese Suche humorvoll und philosophisch durch die Augen einer Katze erzählt, die religiöse Texte falsch versteht, Gott anrufen will und alles um sich herum ins Chaos stürzt. Die Fahrt über das Schwarze Meer erzählt von den ernsthaften und schmerzhaften Erlebnissen des Rabbiners im Krieg, in dem Nationalitäten und Religionen verschwimmen und eine tiefe, mitfühlende Menschlichkeit gezeigt wird. Die Katze des Rabbiners verbindet auf charmante Weise Humor, Philosophie und ausdrucksstarke Zeichnungen.
Die übersichtlichen Bilder und die harmonische Mischung aus Text und Bild sorgen für eine sehr flüssige Leseerfahrung. Das Ergebnis ist ein Comic, der sowohl unterhält als auch zum Nachdenken anregt. Es kommt nicht auf Kategorien oder Wunder an, sondern auf die Verbindung zwischen Menschen, auf Mitgefühl, Respekt und die Freiheit, seinen eigenen Weg zu finden – mit oder ohne Glauben, mit oder ohne Katze.

