Ein bitterer Werdegang

Zitronen ist der neueste Roman der mehrfachen Preisträgerin und freien Autorin Valerie Fritsch. Zuletzt wurde die Österreicherin mit dem Brüder Grimm Preis 2020 ausgezeichnet. In Zitronen erzählt sie durch das Leben eines jungen Menschen von der Gleichzeitigkeit von Zuneigung und Gewalt und von einer Liebe, die schwächt und zerbrechlich macht.

Von Anna Katharina Breitling

Bild: Via Wikimedia Commons, CC0, bearbeitet

Fritsch erzählt die Geschichte des Protagonisten August Drach aus einer allwissenden Perspektive, die keine wörtliche Rede benötigt. Die auktoriale Erzählweise leuchtet dabei tief in die inneren Dynamiken der Charaktere, ohne diese moralisch zu bewerten. Ohne jeden Dialog führt uns die Autorin durch die Biografie von August und bedient sich bedeutungstiefen und fast schmerzlich akkuraten Vergleichen und Erzählweisen, welche die Hilflosigkeit und Entfremdung Augusts für sich selbst sprechen lassen.

Der Protagonist wächst in einem namenlosen Dorf auf, in dem alles und jede:r Ohren hat, niemand vom Tratsch der anderen verschont bleibt und zugleich eine tiefe Entfremdung über allen liegt. Ähnlich bedrohlich wie die Stimmung im Dorf sind die Spiele der Kinder dort: Beim »Wilhelm Tell- Spiel« schießen sie beispielsweise mit einer Pistole im Apfelgarten der Drachs die Äpfel von den Bäumen und den Köpfen der anderen Kinder. August hingegen, der Sohn von Lilly Drach und seinem gleichnamigen Vater, ist ein fantasievolles Kind, das sich zu alten Familienfotos Geschichten ausdenkt und in harmonischen Familien-Vorstellungen verliert.

»Der Vater rührte keinen Finger, aber erhob oft die Hand. «

Dem Kind fehlt es in jeder Hinsicht an gesunden Beziehungen und Schutz. Der Vater ist ein Mann, der regelmäßig Wutausbrüche und körperliche Gewalt an seinem Sohn auslässt. Dieser merkt schnell, dass ihm weinen und wehren nicht helfen. Bald wird der junge August zu einem erstarrten Wesen, wenn der Vater in der Nähe ist: Er fühlt sich ihm emotional nicht verbunden, er empfindet sogar Abscheu für ihn. »Obwohl er stürmisch war, an die Liebe glaubte er nicht« beschreibt Fritsch den Vater. Nur die zwei Hunde, die auch zur Familie gehören, überschüttet der Vater mit Aufmerksamkeit und Zuneigung. Während der Junge von seinem Vater durch körperliche Gewalt als Ventil für dessen Unzufriedenheit missbraucht wird, ist die Mutter eine stille Ausweicherin, die ihren Sohn nicht schützt, ihn aber nach dem Erleiden der Gewalt mit Zuneigung umsorgt. Lilly Drach wird als ambivalente, undurchsichtige Person vorgestellt. Die frühere Krankenschwester versinkt in Träumereien von glamourösen, berühmten Frauen wie Lady Diana und sehnt sich danach, etwas Besonderes zu verkörpern.

Als die Gewaltausbrüche des Vaters anfangen, ist August 10 Jahre alt. Nachdem der Vater die Familie von einem Tag auf den anderen verlässt, verändern sich die Probleme, mit denen August konfrontiert ist. Zu diesem Zeitpunkt steht er vermutlich am Anfang seiner Teenager Jahre. Nach einiger Zeit allein mit seiner Mutter beginnt er, sich zunehmend krank und schwach zu fühlen. Was wir als Leser:innen wissen: Seine Krankheit entsteht aus der vermeintlichen Pflegehingabe der Mutter, die ihn wissentlich durch das Untermischen von stark sedierenden Medikamenten verschiedenster Art krank macht und ihn dann mit aufopferungsvoller Hingabe pflegt. Das Phänomen des Münchhausen-Stellvertretersyndrom wird von der Autorin nicht explizit genannt, auch hier sind die Feststellungen und Erkenntnisse beim Lesen anhand der wortgewandten Umschreibung der Geschehnisse zu machen. Die vermeintliche Pflege der Mutter und das Verabreichen gefährlicher Medikamente wird genau beschrieben, jedoch nie als Kindesmissbrauch oder ähnliches durch die Erzählinstanz eingestuft. Dadurch erfahren die Leser:innen, wie August den Medikamentenmissbrauch erlebt, nicht aber, wie solche Handlungen der Mutter benannt und diagnostiziert werden könnten.

Das subtile, ungreifbare Münchhausen-Stellvertretersyndrom und seine Folgen

Einmal kam es vor, dass sie den delirösen August im Rollstuhl ihrer verstorbenen Mutter, den sie auf dem Dachboden gefunden hatte, durch das Dorf schob, ihn ausstellte wie ein Tier, seinen Rumpf mit Seidentüchern an die Rückenlehne gebunden, und sich an den Blicken der Menschen weidete…

Sprachlich wird so die subtile Ausübung der Gewalt verhandelt, die durch den Medikamentenmissbrauch an ihrem Sohn geschieht. In seinen tranceähnlichen Zuständen ist August zu schwach, um die versteckte Art von Gewalt erkennen zu können und hegt so keinen Verdacht. Während er zum Vater keine emotionale Bindung oder Abhängigkeit fühlte, kann er sich wegen seines Unwissens über die Schuld der Mutter nicht gegen sie wenden und ist ihr schutzlos ausgeliefert. So verbringt er eine lange Zeit seines Lebens schwach im Bett und fühlt sich wie in Trance. Dadurch fehlen August Erfahrungen, Lebensfreude und Unabhängigkeit, die eine Grundlage für sein weiteres Leben bilden könnten.

Durch einen Blitzeinschlag in August Körper ändert sich plötzlich alles. Er kommt ins Krankenhaus und durch die räumliche Distanz zur Mutter wird er schnell gesund. Durch einen befreundeten Arzt ändert sich etwas Grundlegendes, denn dieser weiß von den Machenschaften der Mutter, will ihr gegenüber loyal bleiben, sie nicht verraten und dennoch August retten. Er sorgt dafür, dass August in eine fremde, ebenfalls namenlose Stadt zieht – dadurch entkommt er der »Pflege« seiner Mutter.

Gewalt, Ignoranz und hilflose Zärtlichkeit als roter Faden

Das Buch erzählt Augusts ereignisreiche Biografie weiter, in denen sich die Themen aus seiner Kindheit wiederholen. Entfremdungsgefühle, Isolation und Misstrauen begegnen August auch nach seinem Auszug. Nun ist er nicht länger durch den Missbrauch der Mutter an das Haus und die dortige Einsamkeit gebunden, sondern isoliert sich selbst in seiner eigenen Wohnung, arbeitet nächtelang in Bars, wo er sich, so lässt es die Erzählung vermuten, aus Mangel an eigenen Erfahrungen und Geschichten andere Identitäten ausdenkt, mit denen er die Menschen belügt. Nun sind es nicht mehr die einzelnen Häuser des Dorfes, sondern riesige Bauten in der Großstadt, in denen sich die Menschen fremd sind. Valerie Fritsch erzählt die Entfremdungsgefühle durch poetische Vergleiche, über Augusts Wahrnehmung schreibt sie: Er »erkannte Massen, sie sich einem Muskel gleich um Davonlaufende schlossen und noch auf die Toten einprügelten…«

In der neuen Stadt trifft August auf Ava, in die er sich verliebt. Er kennt Zuneigung bisher nur im Zusammenhang mit expliziter und subtiler Gewalt. So wie die Voraussetzungen, die August aus seinem Elternhaus mitbringt, in all ihre gewalttätigen Facetten erzählt sind, so ähnlich verzweifelt und ungesund erzählt Fritsch auch über auch diese erste Beziehung. Mit August erschafft die Autorin eine Figur, dessen Charakter ein Produkt seiner Erziehung und Erfahrungen ist. Fritsch verhandelt anhand seiner Entwicklung, welche Auswirkungen verschiedene Formen von Gewalt haben können. Seine Kindheit und Jugend führen zu der Frage, wie er mit seinen Erfahrungen aus dem Kreislauf von Gewalt ausbrechen kann. Er flüchtet sich letztendlich in ähnliche Verhaltensweisen wie die, die ihm bekannt sind: Er ist abhängig von Ava, begegnet ihr mit emotionaler Erpressung und schlussendlich auch mit körperlicher Gewalt. So zerbricht seine Beziehung zu Ava gewaltvoll in Scherben und August verfällt in eine tiefe, verzweifelte Depression.

Valerie Fritsch
Zitronen
Suhrkamp 2024
186 Seiten, 24 €

Frei von Kitsch, frei von plötzlichen Besserungen

August ist ein einsamer, verkopfter Mensch mit starken sozialen und emotionalen Defiziten. Valerie Fritsch beleuchtet damit deutlich, wie sehr ihn sein Elternhaus prägt. Nachdem die Liebesbeziehung zu Ava scheitert und August sich in Depression und Suizidgedanken verliert, kehrt er am Ende der Geschichte in sein Elternhaus, zum Ursprung seines Schicksals, zurück. Fritsch stellt die Figur August vor eine letzte Entscheidung, die er trifft, ohne zu zögern. Der Autorin gelingt es in ihrem Roman, mit poetischen, eindrücklichen Vergleichen, die dunkelsten Eigenschaften der Menschen zu beleuchten und vermeidet es gekonnt, das Leid Augusts zu verharmlosen oder in Kitsch zu verfallen. Valerie Fritsch schafft es so, eine aufklärende Funktion zu erfüllen, indem sie August eine Stimme gibt, die er von selbst nicht erheben kann.

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