Vom 18.-21. März hat sich die Literaturbranche zur Buchmesse in Leipzig versammelt. Statt einem Gastland widmet sich die Messe das erste Mal einem Fluss, womit es gelingt, mehrere Länder, Sprachen und deren Verbundenheit zu thematisieren. Was der verbindende Skandal sein würde, der die Messe vor Ort prägt, ist schnell klar: Der Ausschluss dreier linker Buchhandlungen vom Buchhandlungspreis durch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer.
Von Anna Domdey und Lisa Marie Müller
Bilder: Anna Domdey und Lisa Marie Müller
Eine Sache fehlt dieses Jahr auf der Buchmesse und ist gerade dadurch besonders präsent: Die Vergabe des Buchhandlungspreises. Im Messetrubel kommt kaum eine Veranstaltung darum herum, die Leerstelle zu thematisieren. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat die Förderliste für den Preis vom Verfassungsschutz prüfen lassen und anschließend die drei linken Buchhandlungen »Rote Straße« in Göttingen, »Golden Shop« in Bremen und den Buchladen »Zur schwankenden Weltkugel« in Berlin vom Preis ausgeschlossen. Den Buchläden war zunächst gar nicht klar, dass sie explizit vom Preis ausgeschlossen wurden, da sie lediglich eine automatisierte Absagemail bekommen haben, laut der sie den Preis von der unabhängigen Jury nicht bekommen haben sollen. Das entsprach jedoch nicht den Tatsachen, wie sie später durch eine Recherche der Süddeutschen Zeitung erfuhren, im Gegenteil: Die Jury hatte sie als förderwürdig auf die Liste aufgenommen – sie wurden nachträglich von Wolfram Weimer gestrichen.

»Rote Straße«
Die Streichung von der Förderpreisliste sorgt in der Literaturbranche ebenso wie in der gesamten Kulturszene für Protest und Aufruhr – auch in Leipzig ist es mindestens das inoffizielle Messethema. Zur Eröffnung der Buchmesse wird Wolfram Weimer mit Buh-Rufen empfangen. Am Mittwochabend findet vor dem Gewandhaus auf dem Augustusplatz eine Demonstration gegen die Kulturpolitik Weimers statt und es gibt verschiedene Solidaritätsaktionen, sowohl von Verlagen als auch vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Ein paar Autor:innen und Besucher:innen tragen Merch der Buchläden gut sichtbar bei Lesungen und durch die Messehallen: Der Schal vom »Golden Shop« in Bremen wie auch die Jutebeutel vom Buchladen »Rote Straße« sind am präsentesten.
Viele Fragen sind noch offen
Weimers Behörde begründete den Ausschluss damit, dass »verfassungsschutzrechtliche Kenntnisse« vorlägen. Während Weimer sein Vorgehen verteidigt und sagt, er wolle »Extremisten« keine Unterstützung zukommen lassen, bleiben viele Fragen unbeantwortet. Zum Beispiel: Was sind die »verfassungsschutzrelevanten Kenntnisse«, die zum Ausschluss geführt haben? Das ist bisher weder den Buchhandlungen noch Kulturstaatsminister Weimer bekannt. Es scheint neu, dass Extremismus bzw. Verfassungsfeindlichkeit vermutet werden kann, ohne, dass dieser Verdacht nachgewiesen werden muss, und trotzdem Konsequenzen gezogen werden – auf (materielle) Kosten der betroffenen Buchläden. Wie weit der Staat in die Auswahl von unabhängigen Fachjurys eingreifen darf, wird voraussichtlich vor Gericht geklärt werden. Die drei Buchhandlungen haben Klage gegen Weimer und das Bundesamt für Verfassungsschutz eingereicht – wir und auch die Messebesucher:innen sind gespannt, wie es weitergeht.
Es ist nicht das erste Mal, dass Weimer versucht, sich in die Kulturszene einzumischen. Gegen ihn steht der Vorwurf im Raum, er habe versucht, die Berlinale-Chefin Tricia Tuttle abzusetzen. Auch dafür erntete er schon viel Kritik, unter anderem von seiner Vorgängerin Claudia Roth. Durch den Ausschluss der drei Buchhandlungen setzt die Kritik bei ihm als Person an: In einer Petition wird der Rücktritt Weimers gefordert – auch darüber wird bei einigen Lesungen diskutiert. Dahingehend gibt es einen kleinen Hoffnungsschimmer im ganzen Chaos: Die (durch Nichtauszeichnung) betroffenen Buchhandlungen sind das Gesprächsthema und durch die vielen Solidaritätsbekundungen durchgängig sicht- und zum Teil lautstark hörbar. Die Leipziger Buchmesse gibt aber natürlich auch vielen weiteren politischen Themen eine Bühne: Über den Aufstieg der AfD im Osten Deutschlands reden beispielsweise Lukas Rietzschel und Jana Hensel auf der Deutschlandfunkbühne und streiten sich regelrecht um das, was Demokratie ausmacht.
Kernanliegen vieler Besucher:innen der Messe ist es auch in diesem Jahr, erste Eindrücke der literarischen Neuerscheinungen zu bekommen. Sophie Passmanns neues Buch Wie kann sie nur? ist sehr präsent: Das Buchcover schmückt die Treppe in der Glashalle. Geht man die Treppe hoch und liest sich in die Veranstaltungen ein, wird das ›offizielle‹ Fokusthema sichtbar, zu dem viele interessante Veranstaltungen stattfinden.
Die Donau in Leipzig?
Zum ersten Mal in der Geschichte der Leipziger Buchmesse ist das Fokusthema nicht wie gewöhnlich ein Land, sondern ein Fluss: Die »Donau – Unter Strom und zwischen Welten« eröffnet verschiedenste Themen anhand ihres Stroms, der sich über zehn europäische Länder erstreckt. Die Donau stehe für europäische Hochkultur, für Tradition und Musik und nicht nur für Kriege, betont Mariia Shubchyk vom Goethe Institut Ukraine bei der Eröffnung der Donau-Bühne am Donnerstagvormittag. Dennoch kommt das Podium, bestehend aus Shubchyk, Kateryna Stetsevych (Bundeszentrale für politische Bildung) und Angelika Salvisberg (TRADUKI) nicht ganz an den schweren Themen vorbei. Als Kurator Stefan Ozsváth fragt, was in einem gemeinsamen Donau-Manifest stehen würde, sind die Antworten besonders geprägt vom Krieg in der Ukraine: zusammen vorwärts gehen, gemeinsam kämpfen, Europa verteidigen.
Beschäftigt man sich mit aktueller Donau-Literatur, kommt man vor allem an zwei Autoren nicht vorbei: Dimitri Dinev und Andras Visky. Dimitri Dinev stammt aus Plovdiv in Bulgarien und schrieb insgesamt 13 Jahre an Zeit der Mutigen, das im vergangenen Jahr den Österreichischen Buchpreis gewann. »Etwas anderes zu schaffen, als was man immer sieht«, sei sein Antrieb in all der Zeit gewesen. In einem Betrieb, in dem alle zwei Jahre ein neues (Buch-)Produkt erscheinen müsse, ist dies auch eine klare Absage an den Buchmarkt. Dabei überzeugt Dinev auch als Entertainer. Im Gespräch versteht er es, Pointen zu setzen und auch die ausgewählten Textausschnitte, die er aus seinen 1200 Seiten vorliest, bringen ihm zuverlässig Lacher ein.
Viel Andrang beim rumänischen Ministerium für Kultur

Schon vor Beginn der Veranstaltung, sammeln sich viele Interessierte um den Stand des Rumänischen Ministeriums für Kultur, wo András Visky sein Buch Die Aussiedlung vorstellt. Das Buch behandelt die Vertreibungs- und Leidensgeschichte der eigenen Familie, die begann als Vsiky erst zwei Jahre alt war. Erzählt wird diese Geschichte in 822 kurzen Kapiteln, die ohne einen einzigen Punkt auskommen. Visky, der bereits als Kandidat für den Literatur-Nobelpreis gehandelt wird, wirkt auf der Bühne verschlossen und in sich gekehrt, was sich jedoch ändert, sobald er anfängt zu sprechen. Er erzählt leidenschaftlich, warum er die rumänische Sprache so sehr liebt, lacht immer wieder laut auf und schaut belustigt drein, wenn seine Übersetzerin anzügliche Passagen auf Ungarisch oder Rumänisch vorliest.
Generell haben Sprachen und Übersetzungen eine beeindruckende Präsenz auf der Messe. Allein bei der Buchvorstellung von András Visky sitzen neben dem Moderator zwei Übersetzer:innen auf dem Podium. Visky spricht Ungarisch und Rumänisch, der Moderator Deutsch und Rumänisch, die Übersetzerin Deutsch und Ungarisch und so muss noch jemand für Visky von Deutsch ins Rumänische übersetzen, was der zweite Dolmetscher tut. Beeindruckend ist die Schnelligkeit und Präzision der Übersetzenden bei vielen Veranstaltungen, die die Sprachenvielfalt der Donau-Region besonders deutlich machen.
Manche, wie zum Beispiel der Autor Vratislav Maňák, sprechen selbst Deutsch. Für die Vorstellung seines Essaybands Mit Wittgenstein in der Schwulensauna hätte man sich jedoch eine kompetentere Moderation gewünscht. So wirkt der Moderator schlecht vorbereitet und fühlt sich sichtlich unwohl, über die schwulen Themen des Bandes zu sprechen, was sowohl an seiner Wortwahl als auch seiner Körpersprache deutlich wird. An einer Stelle fragt er gar, ob ein Buch zum Thema schwuler Kultur in Europa »nur für eine betroffene Bevölkerungsgruppe« sei, ganz so als ob mit Schwul-Sein eine Betroffenheit einhergehe. Man mag das als einen sprachlichen Fauxpas abtun, aber am Schluss bleibt der Eindruck eines – für das Thema – inkompetenten Moderators.
Umso gelungener ist dagegen der Dialog zwischen Maňák und seiner Übersetzerin Lena Dorn, die abwechselnd Passagen auf Tschechisch und Deutsch vorlesen, mit einer Dynamik die Gänsehaut erzeugt. Wer Glück hat, kann dieses Szenario vielleicht im Herbst auf der Buchmesse in Frankfurt erleben, denn dort wird Tschechien der Ehrengast sein.

