Mehrsprachigkeit in der Literatur

Olga Grjasnowa ist Alumna der Universität Göttingen und inzwischen etablierte Schriftstellerin. Im Gespräch mit der GFPS erzählte sie von ihren Erfahrungen mit Multikulturalität und präsentierte ihr neues Buch »Die Macht der Mehrsprachigkeit«.

Von Miriam Bode und Malena Hager

Bild: GFPS

Am 5. Mai gab Schriftstellerin und Alumna der Universität Göttingen Olga Grjasnowa eine Lesung mit anschließendem Gespräch im Rahmen der Veranstaltungsreihe »Hierarchien aufbrechen« der Gemeinschaft für studentischen Austausch in Mittel- und Osteuropa (GFPS). Sie las aus ihrem neuen Buch Die Macht der Mehrsprachigkeit und beantwortete Fragen zu Multikulturalität und Muttersprache. Außerdem kritisierte sie begründet und aufschlussreich das deutsche Schulsystem und den Begriff der Migrationsliteratur.

Migrationsliteratur: Was soll das sein?

Wesentliche Kritik übt Olga Grjasnowa am Begriff der Migrationsliteratur. Sie sagt, sie wisse nicht, was genau dieser Begriff heißen soll, obwohl sie selbst häufig als Migrationsautorin bezeichnet werde. Es sei ein vager, nicht klar definierter Begriff, mit dem weder Lesende noch Autor:innen etwas anfangen könnten. Für Grjasnowa ist dieser Begriff ein Weg der Verlage, es sich möglichst leicht zu machen. Romane wie ihre werden so in Schubladen gesteckt und es wird sich nicht die Mühe gemacht, sie in der ihnen zustehenden Komplexität zu begreifen. Sie vergleicht diese Einstufung mit dem heute meist nicht mehr genutzten Begriff der Frauenliteratur.

Hier stellt sich die Frage, inwiefern eine Kategorisierung von Romanen möglich oder sinnvoll ist. Das Ziel heutiger Literatur ist es meist, für ein großes Publikum erreichbar, verständlich und nahbar zu sein. Unabhängig davon, aus welchem Land oder welchem Kulturkreis die Lesenden kommen, sollte das Werk die Lesenden bewegen können. So ist ein Roman deutscher Autor:innen im besten Fall nicht beschränkt auf die deutsche Leserschaft, sondern viel mehr als deutsche Nationalliteratur. Indem man Romane wie die von Olga Grjasnowa als Migrationsliteratur bezeichnet, nimmt man ihnen also die Möglichkeit, über die Einstufung als Migrationsliteratur hinaus zu kommen und sie mit all ihren Facetten und in all ihrer Tiefe zu begreifen. Grjasnowa stellt dies in ihrer Lesung gut dar.

Mangel an Sprachauswahl in Schulen

Olga Grjasnowa spricht zudem das deutsche Schulsystem mit seinen Defiziten an und übt berechtigte Kritik. Hier bezieht sie sich, dem Thema der Mehrsprachigkeit entsprechend, auf den Sprachunterricht an Schulen. Sie betont, wie wenig Möglichkeiten es an Schulen gebe, Sprachkenntnisse zu erlernen oder zu verbessern, wenn es sich bei den gewünschten Sprachen nicht um die gängigen Schulsprachen (Französisch, Spanisch, Latein) handele. Vergleichend erwähnt sie in diesem Zusammenhang Universitäten, an denen es eine viel größere Sprachauswahl gebe und an denen Interessierte Sprachen auf dem ihnen entsprechendem Niveau erlernen könnten. Diese Möglichkeit sollte auch Schüler:innen geboten werden.

Auf die Publikumsfrage, ob auf Schüler:innenseite überhaupt Interesse an so einem umfangreichem Angebot bestehe, antwortet Grjasnowa, dass Schüler:innen dennoch von einer größeren Auswahl profitieren würden. Sicher würden viele das vielfältige Sprachangebot nutzen und eine weniger gängige Sprache wählen. Auf Nachfrage betont sie hier auch die Vorteile, eine seltenere Sprache zu erlernen. So seien beispielsweise Französischkenntnisse in Deutschland viel verbreiteter als Arabischkenntnisse und dementsprechend weniger gefragt. Hinsichtlich der Berufswahl könnten diese Sprachen also von viel größerem Nutzen sein als in Deutschland verbreitetere Sprachen, da sich die Arbeitswelt zunehmend verändere.

Wer entscheidet, was jemandes Muttersprache ist?

Für Menschen, die mehrsprachig aufgewachsen sind, ist die Frage, welche dieser Sprachen sie als ihre »Muttersprache« bezeichnen würden, unter Umständen gar nicht so einfach zu beantworten. Das gilt besonders für Menschen, die sich in unterschiedlichen kulturellen Kreisen bewegen. Olga Grjasnowa liest einen Textauszug darüber, wie auch sie mit dieser Frage konfrontiert wird. Als Muttersprache versteht man im Allgemeinen die Sprache, in der man als Kind mit seinen Eltern gesprochen hat. Doch in der Sprachwissenschaft ist es inzwischen ein umstrittener Begriff, der schwer definierbar ist. Nach der bisher simplifizierenden Logik gibt es viele Menschen, die ihre Muttersprache gar nicht sprechen können, oder die sich beispielsweise nach einem Umzug weniger mit ihrem Herkunftsland identifizieren als mit dem Land, in das sie gezogen sind. Die Frage nach der Muttersprache geht Hand in Hand mit der Frage der Identität.

Grjasnowa erzählt, wie der Begriff als Einschränkung wirken kann für Menschen, die mehrsprachig aufgewachsen sind und schreiben wollen. Wegen ihres Namens wird wie selbstverständlich angenommen, ihre Muttersprache sei Russisch. Dabei wird nicht in Betracht gezogen, dass sie mit elf Jahren in eine monolinguale deutsche Schule eingeschrieben wurde und die deutsche Sprache mittlerweile am besten beherrscht. Wichtig hinzuzufügen ist, dass jemandes Muttersprache nicht zwangsläufig über Herkunft oder Identität entscheidet. Grjasnowa bezeichnet Deutsch als ihre Muttersprache, weil es die Sprache ist, in der sie sich am gezieltesten ausdrücken kann.

Die vorgelesenen Textausschnitte aus ihrem Buch Die Macht der Mehrsprachigkeit bieten einen Einblick in das Leben einer mehrsprachigen Autorin, die ihre Mehrsprachigkeit als Vorteil sieht. Nicht nur erkennt sie ihre eigenen Sprachkenntnisse als wertvoll an, sondern ermutigt auch ihre Leser:innen, die Vielfältigkeit ihrer Sprachkenntnisse zu nutzen. Nach einer Frage aus dem Publikum betont sie, dass jede:r das Recht hat, in der Sprache zu schreiben, die er:sie wählt: »Sie haben das Recht dazu, alles zu schreiben, was Sie wollen.« Hierbei kann es sich um eine oder mehrere Sprachen handeln. Mehrsprachigkeit ist nicht bloß ein grenzüberschreitendes Mittel, um ein größeres Publikum zu erreichen, sondern auch eine Möglichkeit, sich gewählt auszudrücken.

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