In Loki 2000 erzählt Claire Seibt mit viel Humor und Liebe zum Detail die Geschichte von vier Floristinnen und ihrer unverhofften Begegnung mit dem Gott Loki. Die daraus resultierenden Begegnungen und Streite bieten dem Publikum nicht nur Stoff zum Lachen, sondern auch Momente der Ernsthaftigkeit.
Hinweis: Der Autor dieser Rezension ist selbst am ThOP aktiv und persönlich mit Teilen des Teams um Loki 2000 bekannt.
Von Bennet Bode
Bild: Martin Liebetruth
Wenn der Overheadprojektor sein fahles Licht auf eine nicht mehr ganz weiße Leinwand wirft, fühlt sich das Publikum im Theater im OP direkt wieder in seine Schulzeit zurückversetzt. Nur befinden wir uns nicht in einer baufälligen deutschen Schule, sondern in Helheim, dem Totenreich für an Altersschwäche gestorbene Menschen (und Technologien). Mit diesem Einstieg in das Stück Loki 2000 ist allen im Publikum sofort klar, dass das kein gewöhnlicher Theaterabend wird.
Das Stück von Claire Seibt spielt gleichzeitig in eben jenem Totenreich und einem kleinen Blumenladen im Ort Elend im Harz. Die Totengöttin Hel führt von einer Empore aus das Publikum durch die Geschichte der vier Blumenladenbetreiberinnen und ihrer Begegnung mit dem Gott des Unheils, Loki. Immer wieder unterbricht sie die Handlung, um dem fachunkundigen Publikum die komplexen nordischen Sagen zu erklären, auf welche das Stück anspielt. Auf der Erde, das heißt eigentlich der Bühne, führen die vier Floristinnen Kim, Ilvy, Ruby und Nora ein recht ruhiges Leben und versuchen nur ihren Blumenladen ›Blumenhelden‹ vor den Schulden zu retten, bis nach einem Erdbeben im Hinterhof der Gott Loki auftaucht und den in nordischer Mythologie bewanderten Frauen klar wird, dass das nur eines bedeuten kann. Sobald Loki aus der Höhle, in welcher er auf Ewigkeit gefesselt liegt, frei kommt, ist eines nicht fern: ›Ragnarök, das Weltenende‹. Im Verlauf des Stückes werden die vier Protagonistinnen näher vorgestellt und es wird klar, dass die Schulden nur die Spitze des Konflikteisbergs sind. Da sind eine angespannte Schwesternbeziehung, eine unausgesprochene Liebe und der angedrohte Besuch der Mutter, welche im Laden und der Buchhaltung nachschauen will, wie mit dem Erbe ihres verstorbenen Mannes umgegangen wird. Gott Loki nutzt diese angespannten Beziehungen, um das zu tun, was er am besten kann: Zwiespalt unter den Menschen säen. Denn obwohl er sich frei wähnt, kann er den Blumenladen auf magische Art und Weise nicht verlassen. Wie sich Loki und die vier Protagonistinnen aus ihrer Situation befreien können, hängt vielleicht enger zusammen, als sich auf den ersten Blick vermuten lässt…
Ein gelungener dramatischer Erstversuch
Claire Seibt schreibt mit Loki 2000 ihr erstes Theaterstück und landet damit direkt einen Volltreffer. Normalerweise tendieren dramatische Erstversuche dazu, von punktuellen Fehlentscheidungen geprägt zu sein – etwa von einer überbordenden Anzahl an Figuren, Längen und redundanten Erklärungen. Diese Fehler umschifft sie gekonnt und schafft mit ihrem Stück nicht nur ein spannendes und tiefsinniges Drama, sondern auch eine wunderbare Komödie.

Im Bild: Kim (Paula Lennartz), Ruby (Laura Schrörs), Loki (Jonas Koopmann), Ilvy (Emily Klettner), Nora (Amrai Luke)
Die Witze reichen von metatheatralen Gags wie »Ist Loki ein Method Actor oder ein Cosplayer?« bis zum Aufgreifen zeitgenössischer Diskurse, da Loki als Gestaltenwandler stets sein Geschlecht ändert. Die komödiantischen Elemente wirken nicht aufgesetzt, sondern entspringen natürlich aus der Dramatik der kammerspielartigen Situationen und wandeln sich schneller in Ernst um, als es einem lieb ist.
Auch die mise en scène ist wunderbar gelungen. Der Blumenladen wirkt so belebt, als ob die Figuren wirklich tagtäglich ihre Blumen dort verkaufen würden (Bühnenkonzept: Mo Pfeil). Die Kostüme und die Maske fühlen sich wie aus dem echten Leben gegriffen an und verleihen den Figuren nicht nur einen sehr realistischen Look, sondern auch eine individuelle Charakterisierung. Das beeindruckende Makeup der Göttin Hel mit seinen über den ganzen Körper verschlungenen Ranken war das Gespräch des Abends (Kostümbild: Yvette Siebert, Maskenkonzept: Isabell Krössing).

Im Bild: Hel (Monika Giro)
Eine wunderbare Ensembleleistung
Darstellerisch hat das Regieteam aus Autorin und Oliver Goepfert ein starkes Ensemble zusammengestellt, aus welchem sich nur schwer einzelne Darsteller:innen herausstellen lassen. Die Göttin Hel spielt Monika Giro mit einer solchen Märchenerzählstimme, dass das Publikum ihr förmlich an den Lippen klebt und der Gott Loki wird in einer Doppelbesetzung aus Jonas Koopman und Alexandra Lange so stringent gespielt, dass es schwerfällt zu glauben, dass es sich nicht um ein und dieselbe Person handelt. Komplementiert wird das altnordische Ensemble von einem komödiantischen Duo, den Geldeintreibern namens Jochen und Knochen. Seraphina Willmroth weiß in ihrer Rolle als Knochen aus jedem Halbsatz in Mimik und Gestik eine Pointe herauszuholen und lässt die Szene damit zu einer wahren Lachlawine werden. Im Zusammenspiel mit Filip Milkanovic als Jochen haben sich beide ihren Szenenapplaus redlich verdient.
Dreh und Angelpunkt des Dramas bildet jedoch das Quartett der Blumenladenbetreiberinnen, welche wundervoll miteinander harmonieren. Als Stimmen der Vernunft zeigen Emily Klettner und Amrai Luke in den Rollen von Ilvy und Nora, dass auch leise Menschen im richtigen Moment Paroli bieten können und nicht unterschätzt werden sollten. Das Duo aus der überarbeiteter BWLerin namens Kim und der quirligen Social-Media-Beauftragten Ruby, gespielt von Paula Lennartz und Laura Schörs, weiß sowohl gemeinsam als auch Solo auf voller Linie zu überzeugen und zeigt, dass auch für komödiantisches Spiel eine Menge an Ernsthaftigkeit von Nöten ist.
Wer in Loki 2000 geht, bekommt eine kluge Komödie mit Tiefgang, gespielt von einem starken Ensemble. Es fällt schwer zu glauben, dass man aus diesem Stück gehen kann, ohne ein Lächeln auf den Lippen mit nach Hause zu tragen oder dass sich die Schritte etwas leichter anfühlen. Wieder angekommen in der echten Welt, bleibt nur eine Frage offen: Ist der Overheadprojektor wirklich ausgestorben?

