Twilight: Bis(s) heute relevant?

Im Jahr 2008 konnte noch niemand ahnen, welchen kulturellen Einfluss Twilight – Biss zum Morgengrauen auf die nächsten Jahrzehnte haben würde. Der Film lieferte nicht nur den Auftakt für eine der erfolgreichsten Filmreihen der Welt, sondern beeinflusste auch das heutige Romantasy-Genre nachweislich.

Von Lara Müller

Bild: Pixabay, CC0

Bella Swan (Kristen Stewart) ist ein Mauerblümchen: unsportlich, viel zu ernst für ihr Alter und komplett desinteressiert an allem, was die anderen Jugendlichen ihres Alters begeistert. Sie hält sich für unscheinbar und uninteressant – das sollen ihr auch die Zuschauenden glauben, obwohl sich im Laufe des ersten Jahres an ihrer neuen Schule wenigstens drei Jungen Hals über Kopf in sie verlieben.

Nachdem ihre Mutter mit ihrem neuen Partner ein neues Leben anfangen möchte, entschließt sich Bella, in das verschlafene Städtchen Forks zu ziehen, in dem ihr Stiefvater Charlie (Billy Burke) seit jeher sein Bachelordasein fristet. Bella fühlt sich von Anfang an zu dem geheimnisvollen Edward Cullen (Robert Pattinson) hingezogen, dessen grauer Trenchcoat als repräsentativ für eine Lebensüberdrüssigkeit angesehen werden kann, die ihn genau wie Bella als alte Seele kennzeichnet. Mit der Zeit kommt Bella schließlich hinter das Geheimnis von Edward und dem Rest seiner Familie: Die Cullens sind allesamt Vampire, die teilweise über hundert Jahre alt sind und sich bloß als gewöhnliche High Schooler ausgeben.

»Wie alt bist du?«
»Siebzehn.«
»Wie lange bist du schon Siebzehn?«
»Eine Weile.«

»Und so verliebte sich der Löwe in das Lamm.«

Die Liebe zwischen den beiden ist von Anfang an intensiv. Noch bevor sie sich das erste Mal körperlich näherkommen, sucht Edward die schlafende Bella in ihrem Kinderzimmer auf und sieht ihr beim Träumen zu, da Edward dies »faszinierend« findet, wovon Bella sich allerdings keineswegs abgeschreckt fühlt. Als das Schuljahr endet, appelliert sie an Edward, dass er sie zu einem Teil seiner Familie machen, also in einen Vampir verwandeln solle. Doch Edward weigert sich: Bella solle ihr menschliches Leben in vollen Zügen genießen und nicht wie er ein Monster werden.

»Was für ein dummes Lamm.«

Ihre gemeinsame Zukunft wird dadurch weiter verkompliziert, dass Bella für Edward besonders appetitlich riecht – seine »ganz persönliche Droge« – und die Cullens sich als ›Vegetarier‹ identifizieren, das heißt sich nur von tierischem Blut ernähren. Edward befürchtet, in Bellas Gegenwart die Kontrolle zu verlieren, doch Bella dementiert diese Sorge: Sie hätte keine Angst vor ihm, nur davor, dass er sie verlässt.

»Was für ein kranker, masochistischer Löwe.«

Im Laufe der Handlung lernt Bella nicht nur Edwards Familie besser kennen, sondern auch einen weiteren Clan bösartiger Vampire, die nicht dieselbe ›vegetarische‹ Ernährungsweise wie die Cullens pflegen. Einer von ihnen, James (Cam Gigandet), ist laut Edward ein von der Jagd besessener »Tracker«. Als er Bellas Duft in die Nase bekommt, beginnt ein Überlebenskampf, in dem Bella auf die Unterstützung der Cullens angewiesen ist.

Bezüglich des zwanzigjährigen Jubiläums der Twilight-Bücher im letzten Jahr sagte Robert Pattinson, der sich zunächst lange von dem Franchise zu distanzieren versuchte, in einem Interview, dass ihn der langfristige kulturelle Einfluss des Films überrasche – und zeigte sich dennoch dankbar für den Teil, den er dazu beitragen durfte. Tatsächlich findet auch in den 2020ern regelmäßig ein Twilight-Festival im echten Forks statt, bei dem mehrere Tausend Fans sowie einzelne Schauspieler aus den Filmen zusammenkommen, um sich miteinander auszutauschen. Zusätzlich wurden im letzten Jahr Neuauflagen der Bücher publiziert und die Filme in den Kinos der USA noch einmal auf die Leinwand gebracht. Auch das Unikino Göttingen präsentiert den ersten Teil der Twilight-Saga gern im Wintersemester vor mehreren Hundert Studierenden, die sowohl den Soundtrack mitsingen als auch einzelne Dialoge aus dem Film mitsprechen können. Für Aufregung hat zudem das vor einigen Jahren erschienene Midnight Sun gesorgt, das die Geschehnisse des ersten Teils noch einmal aus Edwards Perspektive neuerzählt: Eine Million Bücher wurden bereits in der ersten Woche nach Publikation verkauft.

Flashbacks

In dieser Reihe kehren wir zu den Büchern, Filmen, Serien, Musikalben und Games unserer Kindheit und Jugend zurück. Mit welchem Blick haben wir die Dinge damals betrachtet? Und wie hat sich dieser Blick durch jahrelanges Studium verändert? In persönlichen wie wissenschaftlichen Reflexionen erkennen wir nicht nur die von uns betrachteten Gegenstände auf neue Weise, sondern auch die weiten Wege, die wir seit unserer ersten Begegnung mit ihnen zurückgelegt haben.

»Hoa-Hoa-Hoa-Season«

Die kontinuierliche Signifikanz des Franchises wird allerdings nicht nur an diesen realweltlichen Angeboten nachvollziehbar, auch die Algorithmen des Internets beweisen (vor allem im Herbst) den Einfluss Twilights auf das kulturelle Gedächtnis. Auf Pinterest existieren, gerade im Kontext der ›Y2K-Fashion‹, Tausende von Fotos von Bellas Outfits, auf Instagram werden Memes von Edward verbreitet, der sich, als er Bella das erste Mal riecht, die Nase zuhält, und auf TikTok geht im Herbst seit ein paar Jahren der Begriff der »Hoa-Hoa-Hoa-Season« viral. Dieser basiert auf dem ikonischen Song Eyes on Fire von Blue Foundation, dessen catchy Intro mit den genannten Vokalisierungen Fahrt aufnimmt. Dieser Song des Filmsoundtracks wird dabei von der Community als repräsentativ für die Atmosphäre Twilights angesehen: düster, grau, nebelig und doch seltsam gemütlich. »Hoa-Hoa-Hoa-Season« ist also, wenn es vor dem eigenen Fenster so aussieht wie in Forks fast das ganze Jahr.

Dabei basiert die anhaltende Popularität des Franchises nicht nur auf Nostalgie, auch ästhetisch hat der Film einiges zu bieten. Neben dem vielfach verkauften Soundtrack, der ikonischen Blaufärbung des Bilds sowie der romantischen Kleinstadtatmosphäre samt High School, Diner und Abschlussball überzeugt der Film auch kinematografisch mit dramatischen Zooms, plötzlichen Schnitten und schrägen Aufnahmen. Die Dialoge sind kitschig, aber durch ihre Ernsthaftigkeit auch seltsam entwaffnend – denn Twilight verpflichtet sich dem Lebensgefühl von Jugendlichen ohne Vorbehalte.

Dysfunktionale Vampire und toxische Beziehungsdynamiken

Edwards und Bellas Liebesbeziehung erhält ihren dramatischen Flair allerdings nicht nur durch die Intensität der ersten großen Liebe im Jugendalter, sondern auch durch ihre Dysfunktionalität, die zum Teil als notwendige Konsequenz der Verbindung einer menschlichen Frau und einem übernatürlichen Mann dargestellt werden: Edward beobachtet Bella beim Schlafen und steigt dafür durch ihr Fenster, weil er diese Fähigkeit als Vampir verloren hat. Bella muss von Edward mehrfach gerettet werden, weil er körperlich viel stärker ist als sie. Edward muss seinem Tötungsdrang und seinem Gewaltpotenzial widerstehen, weil ihm der Blutdurst als Vampir eingeschrieben ist. Und: Bella ordnet sich seinem Willen unter, weil er die Welt des Übernatürlichen besser als sie navigieren kann – und weil er ein knappes Jahrhundert älter und somit erfahrener ist.

Edwards Vergehen reichen von Gaslighting, als sie ihn auf die Schnelligkeit seines Eingreifens bei einem Autounfall hinweist, über Stalking, beim bereits benannten wochenlangen Einbrechen in ihr Zimmer, bis zu einer bedrohlich wirkenden Demonstration seiner Stärke, als er vor ihren Augen einen Baum entwurzelt und wirft. Als Bella nach der Konfrontation mit James im Krankenhaus aufwacht, ist Edward drauf und dran, sie zu zwingen, zurück zu ihrer Mutter zu ziehen. Damit versucht er, ihren Lebensmittelpunkt unter dem Deckmantel seiner Sorge um sie zu bestimmen. Edwards Taten machen deutlich, wie dysfunktional ihr Verhältnis tatsächlich ist – und trotzdem wird die Beziehung der beiden im Film nicht als toxisch dargestellt, sondern bloß als intensiv. Dabei wird dies in den nachfolgenden Twilight-Filmen noch gesteigert: Als Edward Bella im zweiten Teil verlässt, versinkt Bella in monatelangen Depressionen, als er im dritten Teil zurück in Forks ist, verbietet er ihr den Umgang mit Bellas Kindheitsfreund Jacob (Taylor Lautner) und demoliert dafür sogar ihr Auto und schließlich verlässt Bella für Edward im Zuge ihrer finalen Verwandlung in einen Vampir ihr gesamtes menschliches Lebensumfeld samt ihrer Familie und Freunde.

Twilight und das ›Romantasy‹-Genre

Die toxische Beziehungsdynamik als Konsequenz einer Verbindung von einem männlichen, übernatürlichen Wesen und einer sterblichen Frau kommen auch nach Twilight in diversen ›Romantasy‹-Romanen (eine Wortverschmelzung aus ›Fantasy‹ und ›Romance‹) auf: In The Cruel Prince von Autorin Holly Black ist die Protagonistin Jude Duarte dem Elfenprinzen Cardan aufgrund seiner exorbitanten Überlegenheit hilflos ausgeliefert, in Das Reich der sieben Höfe (Sarah J. Maas) muss die menschliche Feyre dem Elfenkönig Tamlin in sein Frühlingsreich folgen und dafür ihre Familie hinter sich lassen und in der Serie The Vampire Diaries von Serienmacherin Julie Plec muss sich die menschliche Elena von dem gewaltbereiten Vampir Damon beschützen lassen.

Es ist selbstverständlich, dass derartige Dynamiken in fiktionalen Werken ihren Anfang nicht mit Twilight gefunden haben – man betrachte beispielsweise Bram Stokers Dracula von 1897 –, aber aufgrund der Einschlagskraft Twilights drängt sich trotzdem die Vermutung auf, dass diese Art der toxischen Beziehung als Phänomen in der Popkultur durch das Franchise wenigstens popularisiert wurde. Gerade an den obengenannten Beispielen aus dem ›Romantasy‹-Genre wird deutlich, dass dieser literarischen Strömung in den Jahren nach Twilight ein strukturelles Problem diagnostiziert werden kann: Das Machtgefälle zwischen den Geschlechtern wird durch die Disparität zwischen den verschiedenen Spezieszugehörigkeiten intensiviert und naturalisiert.

Jugendliche Naivität und erwachsene Einsicht

Als erwachsener Mensch geht das Erkennen von solchen Strukturen wesentlich leichter als als Jugendliche:r, gerade weil Twilight diese nicht nur darstellt, sondern romantisiert. Was damals als Norm oder sogar als erstrebenswertes Ideal galt, lässt beim erneuten Schauen als Erwachsener Gänsehaut aufkommen. Trotzdem: Dass das Franchise bis heute unzählige Fans begeistert, lässt durchscheinen, dass selbst der weitgehende Konsens über die Dysfunktionalität der Beziehung von Bella und Edward der Popularität der Filme keinen Abbruch tut – speziell dem ersten Teil, der als Auftakt der Reihe vielen Fans besonders am Herzen liegt.

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