Szczepan Twardochs Die Nulllinie ist ein fiktiver Roman über einen realen Ausschnitt vom russischen Angriffskrieg in der Ukraine. Er zeigt die grausame Situation auf dem Schlachtfeld, das erstmals maßgeblich durch den omnipräsenten und tödlichen Einsatz von Drohnen mitbestimmt wird. Twardoch entwickelt in seinem Werk ein eindringliches Porträt des ukrainischen Militärs.
Von Colum-Marley Thölen
Was kann Fiktion in Kriegszeiten leisten? Die Antwort gibt Twardoch selbst im Nachwort: »›Die Nulllinie‹ ist ein Roman über den wirklichen Krieg, jedoch sind die darin beschriebenen Personen und Ereignisse fiktiv; sie müssen es sein, damit ich diesen Krieg so nah an der Wahrheit beschrieben kann, wie ich es vermag.« Es geht also um die Wahrheit. Nicht um irgendeine Wahrheit, sondern um die Wahrheit des Krieges. Genauer: Um die Wahrheit der Menschen, die diesen Krieg erleben. Besser: Erleiden. Die Fiktion hat hier den Anspruch, eine Wahrheit zu vermitteln, die andere Medien nicht erfassen können. Twardoch will mit seinem Roman nicht unterhalten. Er will die Lesenden in den Krieg hineinziehen – so dass wir ihn aus der Perspektive der ukrainischen Soldat:innen erleben.
Die Handlung erstreckt sich über einen Zeitraum von wenigen Stunden. Der Handlungsort sind ein paar Keller an der Nulllinie im Frontabschnitt Chersons, wo ein Soldat, genannt Koń, mit seiner Einheit ausharrt, um einen kleinen Landstrich auf der »falschen Seite« (also der von Russland besetzen Seite) des Flusses Dnipro zu halten. Zwar bleiben Ort und Zeit unbestimmt, aber es wird angedeutet, dass die Handlung in einem Ausschnitt der ukrainischen Gegenoffensive von 2023 bis 2024 angesiedelt ist, bei der ukrainische Einheiten kurzzeitig die Ortschaft Krynky auf der russischen Seite des Flusses befreien konnten, bevor sie sich der russischen Übermacht beugen und sich unter hohen Verlusten zurückziehen mussten. Die Erfolgsaussichten wurden von vornherein als sehr gering bewertet und die Operation gilt für einige als verzweifelte PR-Aktion der ukrainischen Führung, mit der sie wankelmütige Verbündete im Westen durch scheinbare Teilerfolge bei Laune zu halten versuchte.
Sinnlosigkeit und Antiheroismus
Was sich aus unbeteiligter Distanz rasch aburteilen lässt, wird zur existentiellen Zerreißprobe der Soldat:innen, die sich in dieser aussichtslosen Situation wiederfinden. So auch für die Figuren im Buch, Koń und seine Einheit, die sich im Angesicht des Todes mit der Sinnlosigkeit ihres Daseins konfrontiert sehen: »[D]as ist doch kein Krieg, dieses Ausharren in Löchern, dieses Warten, bis endlich der Angriff kommt.« Twardoch bedient sich einer auktorialen Erzählinstanz, die sich in zweiter Person an die Lesenden richtet. Die Distanz zum Protagonisten schrumpft so auf ein Minimum. Es geht nicht um Koń, sondern Koń bist du: »Man kann nicht leben, wenn man nicht so tut, als ob. Ihr tut auch so, als ob. Zum Beispiel du, Koń, tust so, als hätte deine Anwesenheit, am linken Ufer, irgendeine Bedeutung.«
Der Tod ist in dem Buch allgegenwärtig und wird nicht heldenhaft dargestellt. Er ist chaotisch, zufällig und ohne dramaturgische Gerechtigkeit. Furchtlose Kämpen, die am ehesten mit herkömmlichen Heldenbildern identifizierbar sind, sterben nicht etwa den heroischen Opfertod, sondern sang- und klanglos bei nächtlichen Autounfällen, weit weg von der Front. Die von Twardoch sorgfältig eingeführten Figuren sterben beiläufig: Man erfährt von ihrem Tod durch einen kurzen Satz, von irgendjemandem, der es gehört hat. Andere sehen ihren Tod kommen, wissen aber nicht, warum sie gerade jetzt sterben werden – was trotz aller Vorsicht schiefgelaufen ist, dass es so kommen musste. Twardoch verweigert damit konsequent die heroische Stilisierung des Krieges und dekonstruiert die Erwartung der Figuren, dass ein bedeutsamer Tod allein aus der guten Sache resultiert.
Sinnhaftigkeit und stiller Heroismus
Mit dieser vieldimensionalen Sinnlosigkeit umzugehen ist eine Belastung, welche die Charaktere unterschiedlich zu bewältigen versuchen. Koń, der sich als polnischer Freiwilliger der ukrainischen Armee angeschlossen hat und eigentlich studierter Historiker ist, schwankt zwischen Resignation, Hoffnung und Sinnsuche. Resignation spürt er dahingehend, dass er in diesem Krieg ohnehin sterben werde – dass die Person, die er einst vor dem Krieg war, bereits gestorben ist. Hoffnung schöpft er durch den Wunsch, zu leben und nicht nur zu überleben. Sinn sucht er in der Geschichte und Literatur, wie etwa den Melierdialog des Thukydides, der das Recht des Stärkeren verhandelt, oder den Zorn des Achilles aus Homers Ilias, den Koń auch bei sich zu entdecken glaubt. Dass Twardoch seine Figuren vorwiegend antike Quellen rezipieren lässt, gibt zu erkennen, dass er den Krieg nicht als Ausnahmefall verhandelt, sondern als anthropologische Konstante. Dass die Figuren trotz erheblicher Zweifel an ihrer Situation ausharren und kämpfen, ist bei Twardoch das eigentlich Heroische. Nicht der glorreiche Opfertod, sondern die stille Beharrlichkeit angesichts einer Sinnlosigkeit, die sie klar erkennen und dennoch ertragen. Und nicht zuletzt schöpfen die Figuren ihre Kraft aus der Überzeugung, dass Selbstbestimmung und Freiheit keine Verhandlungsmasse sein dürfen und dass man der Übermacht eines Aggressors nicht wehrlos ausgeliefert sein darf.
Licht und Schatten
Neben Koń wird ein breites Spektrum an Figuren, die im Buch Teil der ukrainischen Armee sind, porträtiert: »Da gab es die Rekruten […], einfach dem Krieg und Veränderungen im Leben abgeneigt; es gab die Idealisten, ukrainische Patrioten unterschiedlichen Schlages, die sich oft sehr voneinander unterscheiden: russischsprachige Fans von Metalist Charkiv, Sekte 82, liberale Kyjiwer Intellektuelle, Nachfahren der irgendwo im kanadischen Exil konservierten Nationalisten aus der Zeit vor dem letzten großen Krieg und Galizier aus der Westukraine, auf die dieses intellektuelle Lager, diese spezielle Art von Ukrainertum, den größten Einfluss ausübte.« Der Roman beleuchtet auch die Ambivalenzen dieser verschiedenen Figuren und konfrontiert die Lesenden mit ihren lebensweltlichen Hintergründen und Perspektiven auf den Krieg. Twardoch zeigt Menschen aus unterschiedlichen Milieus, die der Krieg verbindet und zugleich von der zivilen Welt abschneidet.

Die Nulllinie
Rowohl Berlin: 2025
256 Seiten, 24 €
Als polnischer Freiwilliger nimmt Koń im Roman häufig die Rolle eines Mittlers ein; er begegnet den Figuren oftmals (aber nicht nur) mit westlichem Blick, greift die Fragen und das Befremden nicht-ukrainischer Lesender auf und gibt ihnen so Zugang zu anderen Perspektiven. Etwa wenn es über eine ukrainische Soldatin, die mehrere Jahre in Westeuropa als Künstlerin gearbeitet hatte, heißt: »Zuja war mehr Europäerin als du, für euch aus Osteuropa ist ›Europäer-Sein‹ etwas Messbares, wie bei einem Wettstreit […]«
Aufschlussreich sind auch Końs Begegnungen mit vermeintlichen »Banderowzy«, also ukrainischen Nationalisten, die Stepan Bandera als Sinnbild für die ukrainische Unabhängigkeit betrachten und im Zuge dessen auch neoheidnische und neofaschistische Symboliken adaptieren – was bei Lesenden gerade aus deutscher Perspektive starke Beklemmungen auslöst; auslösen muss! Auf die Frage Końs, warum ein Soldat solche Symbole als Patch an der Uniform trägt, antwortet dieser: »Ich trage ihn, weil solche Chevrons die [Russen] ärgern.« und an anderer Stelle: »Nach einem ganzen Leben im Dienst machte er sich vielleicht nicht ganz klar, was für ein Eindruck seine Chevrons auf den in Dollar für diesen Krieg zahlenden Westen machten, und selbst wenn er sich im Klaren darüber gewesen wäre, er hätte drauf geschissen, denn die im Krieg mit Blut zahlen, sind denen, die in Dollar zahlen, moralisch überlegen. Das war seine Meinung.« Końs Gedanken lassen es nicht unkommentiert: »Du [Koń] fandst das dumm und im praktischen Sinne schädlich, auch wenn dir der emotionale Sinn einleuchtete.« Twardoch zeichnet so die ukrainische Identitätsbildung als komplexe Situation zwischen problematischem Erbe, postsowjetischem Vakuum und unbedingtem Emanzipationsdrang.
Origineller Erzählstil und enttäuschende Auflösung
Twardochs besondere Erzählkonstruktion zwischen allwissendem Erzähler und zweiter Person verwischt die Grenze zwischen Lesenden und dem Protagonisten, was ein sehr immersives Leseerlebnis erzeugt. Obgleich die Handlung nur wenige Stunden umfasst, entfaltet Twardoch durch Końs Reflexionen an der Front (in Form von Rückblenden seines Privatlebens, die sich organisch in das Geschehen einfügen) dessen Weg von Polen bis zur ›Nulllinie‹ und führt dabei die weiteren Figuren, teils mit ihm an der Front, sorgfältig und lebendig ein.
Im Verlauf des Buches gewinnt die Erzählinstanz immer bestimmtere Züge und deutet an, in einer persönlichen Beziehung zu Koń zu stehen, sodass sich mit zunehmender Irritation die Frage aufdrängt, wer diese Erzählung eigentlich gerade erzählt: Ein später gefallener Koń? Ein Freund? Oder gar Gott? Twardoch ist sich der Auflösung leider nicht verlegen, dabei hätte diese Spannung dem Roman als Leerstelle und produktive Irritation gut gestanden.
Der größte Kritikpunkt am Buch liegt jedoch in der Auflösung von Końs Grundmotivation, überhaupt in den Krieg zu ziehen. Denn es reduziert seine Motivation auf ein gescheitertes Privatleben und den Krieg auf ein selbsttherapeutisches Mittel. Das ist nicht nur eine schräge Implikation über die Motivation der Kämpfenden, wollte man sie verallgemeinern, es widerspricht vor allem den Anspruch des Romans, den Krieg als anthropologische Konstante zu verhandeln. Stattdessen lenkt es den Fokus weg von universellen Erfahrungen der Menschheitsgeschichte hin zu Krieg als privates Therapieprojekt. Schließlich verleiht es der ansonsten sehr originellen Erzählung im Nachhinein eine kitschige Pathetik, denn Twardoch greift ausgerechnet auf das abgedroschene Motiv der Sühne und Selbstbestrafung zurück, das diese eigenwillige Erzählung nicht verdient hat.

