Das Fremde im Gewohnten

In ihrem Debütroman Die Fabrik von 2013, der dieses Jahr erstmalig auf Deutsch erschien, verbindet Hiroko Oyamada Elemente des magischen Realismus mit einem surrealen Erzählen, das an Kafka erinnern lässt. Was entsteht, ist eine bitterböse Satire auf die japanische Arbeitskultur.

Von Lilian Lumme

Bild: Via Pixabay, CC0

Aus drei unterschiedlichen Perspektiven erzählt Die Fabrik vom Leben und von der Arbeit in der gleichnamigen Firma. Bei dieser handelt es sich um eine Typisierung des Arbeitsalltags von Vielen. ›Die Fabrik‹ könnte auch jede andere Fabrik sein – und kann gerade dadurch die Missstände der Unternehmenskultur gelungen einfangen. Die Aufgaben haben dort ihren Sinn verloren: Yoshiko Ushiyama hat studiert und in mehreren verschiedenen Jobs gearbeitet, nur um dann in Zeitarbeit zum stundenlangen Schreddern nicht näher bestimmter Akten angestellt zu werden. Ihr älterer Bruder korrigiert alle möglichen unzusammenhängenden Texte auf Grammatik- und Rechtschreibfehler. Und der Student Yoshio Furufue wird damit beauftragt, die etlichen Dächer der Fabrik zu begrünen – eine Aufgabe, für die er nicht qualifiziert ist und die er in ganzen fünfzehn Jahren nicht bewältigen kann.

Die Entfremdung von der Arbeit

Oyamada gelingt es in diesem angenehm kurzen Roman auf präzise Weise, die Absurdität der Lohnarbeit in einer hoch technologisierten Welt zu entlarven. Immer mehr entfremden sich die Arbeitenden von ihrer Tätigkeit: Yoshikos Bruder bekommt mit der Zeit inhaltlich absurder werdende Texte zur Korrektur vorgelegt und schläft dabei immer häufiger bei seinen Korrekturen ein, Yoshio veranstaltet »Moostouren« für Schulen, statt an der Begrünung der Dächer zu arbeiten, und Yoshiko selbst beginnt immer stärker an der Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit zu zweifeln:

»Je mehr ich darüber nachdachte, desto absurder wurde die Arbeit. Ich hatte das Gefühl, als wären mein Job und ich, die Gesellschaft und ich ohne jede Verbindung […]. Ich soll arbeiten, werde aber stattdessen für etwas bezahlt, das die Bezeichnung Arbeit nicht einmal verdient.«

Es bleibt bis zum Ende unklar, was die Fabrik überhaupt produziert. Die Texte, die Yoshikos namenloser Bruder korrigiert, geben darüber auch keinen Aufschluss, vielmehr irritieren sie: Betriebsanleitungen, Schulaufsätze und Kochrezepte lassen sich nicht zu einem kohärenten Konzept zusammenfügen. So lässt sich die titelgebende Fabrik nicht als Parodie eines bestimmten Konzernes verstehen, sondern vielmehr als Parabel auf die Absurdität des modernen Arbeitsbegriffs.

Der Konzern als Staat

Die Fabrik ist aber mehr als bloß ein Arbeitsplatz. Ihr Gelände wirkt vielmehr wie eine autarke, vom Rest der Welt scheinbar abgeschnittene Kleinstadt. Sie vereint Wohnhaussiedlungen, Supermärkte, Hotels und mehrere Restaurants. Ein eigenes Busunternehmen führt die Mitarbeitenden dabei in die vielen Winkel des stadtgroßen Fabrikgeländes. Auf diese Weise verlieren sie jeden Grund, die Fabrik, also ihren Arbeitsplatz, jemals wieder zu verlassen. Doch auch schon vor der Anstellung scheint die Fabrik unausweichlich zu sein:

»In jeder Familie gab es zumindest eine Person, die in der Fabrik oder einer ihrer Tochterfirmen arbeitete […]. Überall in der Stadt fuhren Wagen mit dem Logo der Firma herum, und ehrgeizige Eltern erzählten ihren Kindern, wie großartig es sei, in der Fabrik zu arbeiten.«

Die scheinbar unendliche Größe der Fabrik und die Unübersichtlichkeit lässt dabei etwa an Kafkas Prozess oder an Murakamis 2023 erschienenen Roman Die Stadt und ihre ungewisse Mauer erinnern. Die eintretende Orientierungslosigkeit überträgt sich wunderbar von den Figuren auf die Lesenden. Was zu Beginn wie ein angenehmer Arbeitsplatz wirkt, der beispielsweise an das Silicon Valley denken lässt, entpuppt sich als ein unüberschaubares Labyrinth.

Eine Prise magischer Realismus

In der Fabrik verschwimmt nicht nur die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit, sondern auch die zwischen Natur und Industrie: Auf dem Gelände der Fabrik befinden sich nicht nur alle denkbaren Möglichkeiten zum Einkaufen, Wohnen und Essengehen, sondern auch ein direkter Zugang zur Natur. Eindrucksvoll wird ein ins Meer mündender Fluss beschrieben, der dieselben unvorstellbaren Ausmaße wie die Fabrik hat und aufgrund seiner Größe selbst als Meer gelten könnte. Ebenfalls ist die Fabrik von einem dichten Wald umgeben, der ihre Unübersichtlichkeit widerspiegelt. Wer sich in ihm verläuft, trifft schnell auf den sogenannten »Hosenzieher«, einen ehemaligen Fabrikmitarbeiter, der Fremden die Hosen herunterzieht – leider ein unnötig lächerliches Element in dem ansonsten ernsthaften Roman.

Hiroko Oyamada
Übersetzt von Nora Bierich
Die Fabrik
Rowohlt: 2026
160 Seiten, 24 €

Elemente des magischen Realismus lässt Oyamada durch die verschiedenen fantastischen Tiere einfließen, die sich in der Fabrik rumtreiben. Waschmaschinen-Echsen, die sich in den Wäschereien der Fabrik ihre Nester bauen und sich von Waschmittelresten ernähren. Nutrias, die in den Abwasserkanälen ihren Bau einrichten. Und was es mit den mysteriösen Vögeln auf sich hat, die wie Big Brother über dem Geschehen schweben und alles zu beobachten scheinen, wird erst ganz am Ende aufgeklärt. Das besondere an diesen Tieren ist nicht ihre bloße Existenz in der Fabrik, sondern wie Oyamada über sie schreibt: Als ob sie nicht nur Teil der erzählten, sondern auch unserer realen Welt wären.

Hiroko Oyamada ist mit Die Fabrik eine präzise Beschreibung der Entfremdung in der modernen Arbeitswelt gelungen, die sich zugleich als surreale Erfahrung und als Satire auf die Arbeitskultur lesen lässt. Und selbst wenn einzelne Elemente wie der »Hosenzieher« fehl am Platz wirken und sich nicht ins Gesamtbild einfügen wollen, ist der Roman doch durchaus lesenswert.

Geschrieben von
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